09.06.2020 - 09:21 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Fronleichnam: Mit Zylinder und Blumenkranz durch die Straßen ziehen

"Kranzeltag" und "Prangertag", so nannten viele Gläubige früher Fronleichnam. Aber woher kommen diese Namen für das Hochfest im Kirchenjahr der katholischen Kircheeigentlich?

Die Mädchen, geschmückt mit Blumenkränzchen, stellten sich 1930 vor dem Elisabethenheim zu einem Erinnerungsfoto an den Fronleichnamstag auf.
von Fritz FürkProfil

"Genitori, genitoque laus et jubilatio, salus, honor, virtus quoque sit et benedictio: Dem Erzeuger (Vater) und dem Erzeugten (Sohne) sei der Lobgesang geweiht, Freudenruf und Jubellieder, Ruhm und Segen allezeit. Dieser Gesang aus dem klassischen Fronleichnamslied "Tantum ergo sacramentum veneremur cernui" wird am Donnerstag in den Straßen Kirchenthumbachs und auch anderswo nicht zu hören sein. Dem Coronavirus sei es geklagt: Die Fronleichnamsprozession, ein Fest, das sich beim Volk besonderer Beliebtheit erfreut, fällt der Pandemie zum Opfer. Mit einem Festgottesdienst, zu dem die Glocken der Pfarrkirche um 9.30 Uhr rufen, wird Fronleichnam, mittelhochdeutsch "vronlichnam" genannt, in der Pfarrkirche mit den entsprechenden Auflagen zelebriert.

Seit Jahrhunderten feiert im Christlichen Abendland die römisch-katholische Kirche Fronleichnam, bei dem die Gegenwart Christi im Sakrament der Eucharistie verherrlicht wird. Das Allerheiligste, die Hostie, wird dabei sichtbar in der Monstranz vom Pfarrer mitgetragen. Honoratioren der Gemeinde und Ortskirche tragen und begleiten den Himmel, unter dem der Geistliche auf Blumenteppichen schreitet. Blasmusik gestaltet den Zug zu einer festlichen Veranstaltung, an der teilzunehmen örtlichen Vereinsvertretern Ehrenpflicht ist.

In früheren Jahren war es eine Selbstverständlichkeit, dass Bürgermeister und Rat in Frack und Zylinder hinter dem Baldachin und dem Allerheiligsten gingen. Mit Jeans und legeren Hemd, wie heutzutage oft gesehen wird, empfinden viele alles andere als ehrfürchtig.

Bereits einen Tag vor dem Fronleichnamsfest herrschte in und um die Kirche sowie in den Prozessionswegen emsiges Treiben. Gelb-weiße und weißblaue Fahnen wurden gehisst. Frauen der kirchlichen Organisationen kreierten die Blumenteppiche vor den Altären. Entlang der Straßen und Hausfassaden wurden Birken aufgestellt und die Wege wurden in der Nacht auf Fronleichnam mit Gras belegt. Doch gutes und für die Tiere nahrhaftes Gras konnte dazu nicht verwendet werden. Die Ehrfurcht vor der Schöpfung war zu groß. Die Lösung war Kalmusgras, das eigentlich aus Ostasien stammt. Kalmus, deren Wurzeln auch bei Magenbeschwerden helfen, wächst an den Ufern der Weiher. Mit Sensen und Sicheln ausgerüstet wurde der Kalmus gemäht, vorrangig im Nikelseeweiher und im Lohweiher. Im Spätsommer war Kalmus für Kinder interessant. Sie wateten durch die Weiher und bewaffneten sich zum Spielen mit Schlotfegern.

War das Kalmusgras gemäht, wurde es mit Kühefuhrwerken nach Kirchenthumbach transportiert, wo es dann am Fronleichnamstag in aller Herrgottsfrühe sorgfältig auf den Straßen verteilt wurde und die Prozessionswege zu einem grünen Teppich verwandelten. Nach dem "Umgang" wurde das Weihergras wieder eingesammelt und als Einstreu für das Vieh verwendet, ehe es auf dem Misthaufen landete und als Dünger wieder der Natur zugeführt wurde. Nach dem Gottesdienst zogen die Gläubigen singend und betend durch den fein herausgeputzten Ort. Der erste Altar stand vor dem Anwesen Fronhöfer (Bienerhans'n) am Marktplatz. Diese Station hat heute noch Bestand. Gegenüber dem Anwesen Schuhmann (Wiesenfriedl) im Krawandorf war Altar Nummer zwei. Dieser wurde vor einigen Jahren in das Kreuzungseck Auerbacher Straße–Kellerstraße verlegt. Vor der Brauerei und dem Restaurationsbetrieb Franz Eckert, später Brauerei Dobmann, wurde schon 1904 Altar drei aufgebaut. Auch dieser Standort hat noch seine Gültigkeit. Den vierten Altar schmückten die Klosterschwestern vor dem Elisabethenheim. Jetzt steht der Altar vor der Mariensäule auf dem Vorplatz der Kirche.

Es war ein buntes Bild, gepaart mit Frömmigkeit, das sich durch die Straßen von Kirchenthumbach bewegte. Ein älterer Mitbürger erzählt erinnert sich: "Alle, die einigermaßen gut zu Fuß waren und latschen konnten, haben an der Prozession teilgenommen." Ein Blickfang waren die kleinen Mädchen, vor allem die Erstkommunionkinder, die sich mit Blumenkränzchen auf dem Kopf, geflochten aus Margaretenblumen, in die Prozession einreihten. Schon auch deshalb nennt man Fronleichnam auch "Kranzeltag" oder "Prangertag". "Prangertag" leitet sich davon ab, da zu dieser Jahreszeit die Natur in ihrem herrlichsten Kleid prangt.

Nach der Fronleichnamsprozession zogen die Menschen, vor allem die Mannsbilder, scharenweise in die Wirtsgärten, um sich bei Blasmusik und Knackwürsten zu vergnügen. Die Frauen dagegen nahmen Birkenzweige mit nach Hause. Diese wurden in Wohnungen und Ställen angebracht, denn sie sollen das Gebäude vor Blitzschlag schützen.

Die Honoratioren nahmen früher an der Fronleichnamsprozession in Frack und Zylinder teil. Von links: Josef Prüschenk, Bürgermeister Hans Schuller, Gemeinderat Georg Stock und Karl Buchmann von der Kirchenverwaltung.
Festlich geschmückt war an Fronleichnam die Kirchenthumbacher Gastwirtschaft Friedl (Melber). Das Foto entstand 1956.
Viele Kirchenthumbacher zogen an Fronleichnam im Jahre 1957 durch den Ort.

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Sassenreuth bei Kirchenthumbach
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