03.11.2019 - 12:00 Uhr
KemnathOberpfalz

Unerklärliches erklären wollen

Geschichte - das ist doch nur langweiliges, totes Zeug: Wer so redet, hat gewiss noch keinen Vortrag von Adrian Rossner besucht.

Auf Einladung des Kemnather Heimatkundlichen Arbeitskreises ließ Adrian Rossner (links) im Hof des Heimat- und Handfeuerwaffenmuseums den "Reiter ohne Kopf" umgehen. Seit 15 Jahren erforscht der Hofer Regionalhistoriker die "Sagenlandschaft Fichtelgebirge und Steinwald".
von Bernhard PiegsaProfil

Auch bei der Kemnather Museumsnacht des Heimatkundlichen Arbeits- und Förderkreises (HAK) bot der Hofer Regionalhistoriker, Pädagoge und Kreisheimatpfleger Infotainment im besten Sinn, indem er sein 50-köpfiges Auditorium auf einen ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen "Gang durch Brauchtum, Volks- und Aberglauben" mitnahm.

Volksglaube und Brauchforschung und in diesem Zusammenhang auch die Sagenwelt des Fichtelgebirges und Steinwaldes fesselten ihn seit 15 Jahren, verriet Rossner am "Lagerfeuer" im Hof des Heimat- und Handfeuerwaffenmuseums. Leider werde dieses faszinierende Forschungsfeld nur noch von wenigen Wissenschaftlern beackert: "Vor 20 Jahren war das noch anders, und damals entstanden wertvolle Sagensammlungen. Aber gegenwärtig bin ich einer der Letzten, die sich damit beschäftigen, und was ich sage, ist quasi automatisch 'neuester Stand der Forschung'."

Abgeerntet sei dieses Feld jedoch noch längst nicht, betonte der Referent: "Was ich Ihnen vortrage, habe ich selbst in den letzten Jahren aus unveröffentlichten Aufzeichnungen von Pfarrern oder Dorfschullehrern zusammengetragen, und es gibt immer noch Neues zu entdecken." Er bemühe sich, die Erzählungen so vorzutragen, wie sie wohl auch ehedem in Familien- oder Freundeskreisen erzählt worden seien: "Die meisten bisher veröffentlichten Sagensammlungen beschränken sich mehr oder weniger auf Inhaltsangaben."

Um dieser Authentizität willen, so Rossner, komme auch die Mundart nicht zu kurz. Manchmal werde das freilich zum Problem, wenn Dialektwörter außerhalb der Fichtelgebirgsregion nicht oder falsch verstanden würden: "In einer Sendung des Bayerischen Rundfunks habe ich das Wort 'Kribbl' zitiert, das bei uns einen durchtriebenen, schlagfertigen Menschen bezeichnet. Aber bei den Rundfunkredakteuren kam das natürlich anders an, ich wurde dafür gerügt und vermeide das Wort seither auch in meinen Vorträgen."

Doch wo haben die volkstümlichen Sagen ihre Ursprünge? Weit verbreitet sei die Deutung dieser Erzählungen wie überhaupt des "Volks- und Aberglaubens" als verfremdende, oft gezielt verpönende Nachklänge vorchristlich-"heidnischen" Glaubensguts. Für das Fichtelgebirgsgebiet sei das jedoch ungewiss, meinte Rossner: Möglicherweise habe es dort zwischen der frühmittelalterlichen Phase slavisch-"heidnischer" Besiedelung und der hochmittelalterlichen Neuansiedlung christianisierter Franken und Baiern einen zeitlichen Abstand gegeben, so dass die deutschen Zuwanderer nicht mehr mit den vorchristlich-slavischen Überlieferungen in Berührung gekommen wären.

Er selbst neige der Auffassung zu, dass "der Kern des Aberglaubens psychologischer Natur" sei: "Der Mensch versucht nachdenkend zu verstehen, was ihm begegnet. Wo Wissen und Verstand überfordert sind, versucht er Erklärungen zu konstruieren. Aberglaube ist also der Versuch, Dinge, die man sich nicht erklären kann, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten irgendwie erklärbar zu machen."

So schreibe man eben einen unerklärlichen Todesfall auf dem Friedhof dem gespenstischen "Reiter ohne Kopf" zu, der mit oft rüden Methoden die Totenruhe schütze, oder schiebe dem "Bilmesschneider" - einem Dämon in Gestalt eines Hasen mit Sicheln an allen Läufen - die Schuld an existenzbedrohenden Ernteausfällen zu.

Hintergrund:

Wenn die "Trud" drückt

In der Welt herrschten oft Not, Unterdrückung und Betrug, aber am Ende werde doch alles irgendwie gerecht ausgehen: Diese Hoffnung ist ein in vielen Volkssagen wiederkehrendes Motiv. Als Beispiel trug Regionalhistoriker Adrian Rossner in seinem Vortrag zur Kemnather Museumsnachtdie Erzählung von den „hilfreichen Geistern von Weidenberg“ vor, die einen Dieb gedrängt hätten, gestohlenes Gut dem rechtmäßigen Eigentümer zurückzuerstatten.

In die gleiche Sparte gehörte die Geschichte von der unehrlichen „alten Krämerin“, deren Seele als Strafe für ihre Betrügereien noch lange nach ihrem Tod umgehen und andere unlautere Menschen zu „rechtem Maß und rechtem G’wicht“ mahnen musste.

Häufig, so Rossner weiter, begegne man in den Volkserzählungen der Figur der „Trud“: „Sie entspricht dem ‚Alb‘ und ist keine Hexe, sondern ein Dämon, der sich auf die Brust eines Schlafenden setzt. Die Wörter ‚Albtraum‘ und ‚Albdruck‘ kommen daher.“ Diese Quälgeister, so habe man geglaubt, seien Seelen von Menschen, deren Taufe ein Geistlicher nicht ordnungsgemäß vollzogen habe.

Wie aber wird man den leidigen „Albdruck“ los? „In einer alten Aufzeichnung heißt es: Wenn dich die ‚Trud‘ drückt, dreh dich auf die Seite, dann fällt sie hinunter“, wusste der Referent. Dies sei so profan wie probat: „Heute weiß man, dass der ‚Trudendruck‘ von Rücken- und Brustmuskelverspannungen herrührt, die sich in der Tat lösen, wenn man sich auf die Seite legt. Diesen medizinischen Zusammenhang kannten unsere Vorfahren nicht, aber sie hatten die Erfahrung gemacht und gaben sie weiter.“

Auch im aufgeklärten 21. Jahrhundert sei der Aberglaube im Übrigen nicht verschwunden, sondern allenfalls überschattet, um in besonderen Lebenslagen wieder ins Bewusstsein zu drängen. Daran müsse nichts Peinliches sein – im Gegenteil: Wer etwa auf die Wirkung eines Glücksbringers vertraue, dem sei oft tatsächlich Erfolg beschieden. Das habe zwar nichts mit dem Talisman zu tun, wohl aber mit der Illusion einer Glück bringenden Wirkung: „Im Vertrauen darauf geht man unbefangener und mutiger in heikle Situationen hinein.“ Nicht zuletzt gäben alte Überlieferungen und Bräuche Halt und Struktur in einer als immer komplexer und unkontrollierbarer empfundenen Welt, ergänzte der Historiker.

Abergläubische Vorstellungen rankten sich auch um die Kemnather Fronveste, deuteten HAK-Vorsitzender Robert Schön und Museumsleiter Anton Heindl in ihren einführenden Worten zu Rossners Vortrag an: Manche erzählten sich, dass in dem zwischen 1750 und 1948 als Gefängnis genutzten heutigen Heimat- und Handfeuerwaffenmuseum noch immer die Geister einstiger Gefangener umherirrten. „Ich bin öfters abends im Museum, und da meint man manchmal noch Schritte zu vernehmen“, merkte Heindl augenzwinkernd an.

Bei einer Kartoffelsuppe, die das Museumsteam nach einem alten Traditionsrezept zubereitet hatte, schlossen Zuhörer, Gastgeber und Referent im „Musikeum“ den „sagenhaften“ Abend ab.

Regionalhistoriker Adrian Rossner (Mitte) amüsierte sich, als Museumsleiter Anton Heindl (links) und HAK-Vorsitzender Robert Schön von den Geisterlegenden rund um die Kemnather Fronveste erzählten.
Im Blickpunkt:

Weiterer Vortrag

Am 27. März 2020 ist Adrian Rossner wieder beim HAK zu Gast und wird von Menschen berichten, die im 19. Jahrhundert aus dem Fichtelgebirge in die USA ausgewandert sind. Noch heuer, am 24. November, wird das „Musikeum“ von 14 bis 16 Uhr geöffnet: „Dann besteht auch wieder Gelegenheit zum Plaudern bei Kaffee und Kuchen“, verspricht Museumsleiter Anton Heindl.

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