03.01.2021 - 12:52 Uhr
KemnathOberpfalz

Luftdesinfektion aus der Oberpfalz: Mit Trockennebel gegen Viren

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Benjamin Eibisch und Timo Györi aus Kemnath desinfizieren mit Trockennebel zeitgleich Räume und Oberflächen. Besonders jetzt in Corona-Zeiten eine gefragte und clevere Idee.

Benjamin Eibisch und Timo Györi (von links) desinfizieren mit ihrem Trockennebel zeitgleich Räume und Oberflächen.
von Katrin Pasieka-Zapf Kontakt Profil

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie hat das Desinfizieren von Flächen und Räumen einen neuen Stellenwert in unserer Gesellschaft – alles soll möglichst keim- und virenfrei sein. Das neue Bewusstsein für Hygiene ist das Sprungbrett für zwei Jungunternehmer aus Kemnath. Sie haben ein System entwickelt, wie man mit Trockennebel Räume und Flächen zeitgleich desinfizieren kann. Ein Patent haben sie auf den Zerstäuber angemeldet.

Bereits vor einem Jahr stellten sich Timo Györi und Benjamin Eibisch die Frage, wie man Flächen und Räume günstig und effektiv desinfizieren kann. „Es stand vor allem der Grippegedanke im Raum. Von Corona war da noch keine Rede“, blickt Eibisch zurück.

Der Grund, warum sich die Kemnather für die Bekämpfung von Bakterien und Viren interessieren, hat mit ihrem bisherigen Arbeitsalltag zu tun. Der 27-jährige Benjamin Eibisch arbeitet seit zehn Jahren als Lebensmitteltechniker, Timo Györi seit neun Jahren im Familienunternehmen, das sich mit der Industriereinigung von Lebensmittelbetrieben befasst. „Um Produktionsstraßen in der Lebensmittelherstellung zu desinfizieren, verwenden wir im Familienbetrieb schwere Gerätschaften“, erklärt der 25-jährige Györi. Teilweise werden solche Anlagen auch direkt in der Produktionsstraße verbaut. Diese Geräte zerstäuben das Desinfektionsmittel und verbreiten es im Raum. So verteilt sich das Mittel in der Luft und auf den Arbeitsgeräten.

Desinfektionsmittel auf Wasserbasis

Der Wunsch, ein Produkt zu entwickeln, das handlich ist, überall und von jedem verwendet werden kann, spornte die beiden Jungunternehmer zum Tüfteln an. „Wir wollten, dass auch kleine Betriebe Räume und Flächen mit wenig Aufwand keimfrei bekommen können“, so Eibisch. Er denkt dabei an kleine Metzgereien, Gaststätten oder Hotels.

Ein Jahr lang arbeiteten die beiden Kemnather an ihrem mobilen Trockenvernebler. Im Januar 2020 meldeten sie ihre Firma "TBT Desinfektion" im Gewerbeamt an. Stolz sind sie vor allem auf die Zerstäuberdüse. „Die haben wir uns patentieren lassen“, sagt Györi. Der Zerstäuber wird auf einen Kanister mit Desinfektionsmittel aufgeschraubt.

Die Kemnather verwenden hierfür ein schnell wirksames Desinfektionsmittel auf Wasserbasis, welches alkohol-, aldehyd- und parfumfrei ist. „Alle Inhaltsstoffe liegen deutlich unter den gesetzlichen Grenzwerten“, ergänzt Györi. Anders wäre ein Einsatz in der Lebensmittelindustrie auch nicht möglich. Nachhaltig sei das Mittel ebenfalls: „Es hat keine chemische Abbauzeit“, so Eibisch.

Der Kanister wird mit einem Schlauch an einen Kompressor angeschlossen – durch die Druckluft schießt feinster Nebel aus der Zerstäuberdüse. „Wir verwenden die Luft als Trägerstoff“, sagt Györi. „Überall, wo Luft hinkommt, legen sich auch die feinen Nebeltropfen ab.“ Der Nebel benetzt alle im Raum befindlichen Gegenstände. „Von den kleinen Partikeln geht keine Feuchtigkeit aus“, erklärt Eibisch. Ein Nachwischen oder Trocknen sei nicht nötig. Dadurch sei auch das Desinfizieren von Büroräumen kein Problem, Papier und Dokumente würden nicht beschädigt.

Einsatz im Büro und im Autohaus

Das ist auch für Alexander Graser, der im Landkreis Neustadt ein Autohaus besitzt, ein Vorteil. „Wir nutzen den Trockenvernebler nicht nur in den Büros und Verkaufsräumen, sondern auch in unseren Leih- und Ausstellungswagen“, sagt er. Durch die leichte Handhabung desinfizieren seine Mechaniker Kundenfahrzeuge nach dem Servicetermin oder der Probefahrt. „Die Autos werden eingenebelt, dann schalten wir das Gebläse ein“, erzählt Graser. So verteilt sich der Trockennebel im gesamten Fahrzeug und desinfiziert zugleich die Lüftungs- und Klimaanlage.

Ein Büro mit 35 Kubikmetern Raumvolumen könne mit dem Trockenvernebler in zwei Schritten desinfiziert werden: Zehn Minuten lang wird der Nebel in das Zimmer geblasen. Es folgt eine zehnminütige Einwirkzeit. „Zurück bleibt ein frischer Desinfektionsgeruch“, beschreibt Eibisch. Der Raum werde nun kurz gelüftet und könne geruchsneutral wieder verwendet werden.

Nachweis mit Abklatschprobe

Im Januar 2020 meldeten die beiden ihr Start-up-Unternehmen beim Gewerbeamt an. Die Corona-Pandemie hat die Geschäftsfelder für ihr Unternehmen erweitert. Zu den Kunden der Kemnather zählen inzwischen Ärzte, Restaurants, Metzgereien, Hotels und Fitnessstudios in der Region sowie Rinder- und Schweine-Zerlegebetriebe.

Dass ihr System funktioniert, können Györi und Eibisch mit der sogenannten Abklatschprobe nachweisen. Vor der Desinfektion nehmen die beiden von einer bestimmten Fläche einen Abstrich. „Es folgt eine weitere Probe nach der Desinfektion“, erklärt Györi. Die Nährböden werden an ein externes Labor versendet. Ein paar Tage später erhält der Kunde das Ergebnis.

Eine Abklatschprobe bleibt den beiden Jungunternehmern besonders in Erinnerung. Dabei nahmen sie von einer Stuhllehne eine Probe. Das Ergebnis: Vor der Behandlung mit dem Trockennebel waren Bakterien und Keime zu finden, die sogar Magen-Darm-Probleme hätten auslösen können. Nach dem Trockennebel seien an der gleichen Stelle keine Keime nachweisbar gewesen.

Eibisch und Györi sind von ihrem Trockennebel überzeugt, denn „Hygiene wird auch in Zukunft eine große Rolle spielen“. „Unser Wissen aus der Lebensmittelindustrie machen wir nun für alle Branchen nutzbar“, so Györi. Auf Kundenwunsch werden maßgeschneiderte Hygiene- und Desinfektionskonzepte erstellt. „Wir schauen uns die Situation beim Kunden an und geben dann Empfehlungen, wann und wie er seine Räumlichkeiten desinfizieren kann.“ Was mit dem Gedanken begann, Räume von Grippeviren zu befreien, hat nun die Chance, die Verbreitung eines weltweiten Virus zu verringern.

Lesen Sie hier, warum die Steinwald-Brennerei Desinfektionsmittel herstellte

Erbendorf

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Hintergrund:

Luftfilteranlagen, UV-C-Licht und dezentrale Luftbehandlung

Um Mikroorganismen in der Luft zu reduzieren, gibt es zentrale und dezentrale Maßnahmen.

  • Luftfilteranlagen und eine Behandlung mit UV-C oder Ozon zählen zu den zentralen Maßnahmen. „Die Anlagen werden in den Räumen oder Gebäuden fest installiert“, erklärt Benjamin Eibisch. Die Luft muss zu den Geräten transportiert werden. Bis die Luft den Filter erreicht, kann viel Zeit vergehen. Um Viren zu bekämpfen, sind spezielle Filter nötig. Die Anlagen sind oft wartungsintensiv und teuer.
  • "Nachteil der Ozon- oder UV-C-Licht-Behandlung ist, dass die UV-C-Lampen mit der Zeit an Strahlungsleistung verlieren. Die Mikroorganismen können nur in einem gewissen Umkreis der Lampe unschädlich gemacht werden“, erklärt Timo Györi. Durch die Reaktion mit Ozon könnten gesundheitsgefährdende Stoffe freigesetzt werden.
  • Dezentrale Luftbehandlung, wie Trockennebel, wird in der Industrie bereits eingesetzt. Die Inaktivierung von Mikroorganismen ist wissenschaftlich bestätigt. Die Organismen werden unmittelbar an der Quelle minimiert.
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