09.05.2021 - 09:20 Uhr
KemnathOberpfalz

Hausarzt Dr. Peter Deinlein: „Geimpfte sollen mit einem sicheren Gefühl nach Hause gehen“

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Über 32.500 Impfungen sind im Kreis Tirschenreuth bereits durchgeführt worden, davon haben Hausärzte seit 1. April über 3500 Impfdosen verabreicht. Wie laufen die Impfungen? Welche Probleme gibt es? Hausarzt Dr. Peter Deinlein informiert.

Dr. Peter Deinlein beim Impfen.
von Holger Stiegler (STG)Profil

ONETZ: Herr Deinlein, 3500 Impfungen durch Hausärzte im Landkreis: Ist das Ihrer Ansicht nach viel oder wenig?

Dr. Peter Deinlein: Ich sag es mal so: Es ist das, was geht. Im landesweiten Schnitt sind es sicherlich eher niedrige Impfzahlen.

ONETZ: Woran liegt das?

Dr. Deinlein: Da gibt es verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen. Zum einen hatte der Landkreis schon eine relativ hohe Impfquote, was unter anderem durch die Sonderzuteilungen an Impfstoff bedingt war. Die sinkende Inzidenz führt auch dazu, dass viele Patienten aufgeschobene Routineuntersuchungen jetzt nachholen wollen. Dies bedeutet, dass die Praxen maximal ausgelastet sind. Bei mir finden die Impfungen oft in Sonderschichten vor und nach der Sprechstunde oder an einem freien Nachmittag statt. Und in gewisser Weise kann man an den Impfzahlen bei den Hausärzten auch den ärztlichen Versorgungsgrad im Landkreis ablesen.

ONETZ: Wie sieht es insgesamt mit der Impfstoff-Versorgung aus?

Dr. Deinlein: Ich bekomme in meiner Praxis zwischen 50 bis 80 Prozent der Bestellmenge, weswegen die Planung von Woche zu Woche kurzfristig angepasst und aktualisiert werden muss. Ohne die vielen Extra-Schichten der Arzthelferinnen würde das gar nicht funktionieren. Die Leistung der medizinischen Fachangestellten in allen Praxen und deren Anteil an der Versorgung der Patienten insbesondere während der andauernden Pandemie sind bisher nicht genügend gewürdigt worden.

ONETZ: „Astrazeneca oder Biontech?“ - das hat sich ja zur „Gretchen“-Frage entwickelt…

Dr. Deinlein: Prinzipiell gilt erst einmal, dass wir ohne den Einsatz des Impfstoffes von Astrazeneca nicht da wären, wo wir jetzt sind, denn er ist gut wirksam. Leider wurde der Impfstoff häufig nicht in der optimalen Altersgruppe angewendet. Hierdurch und durch eine unglückliche Informationspolitik ist eine spürbare Verunsicherung entstanden. Für mich gilt: Es muss der Impfstoff so ausgewählt werden, dass das individuelle Nutzen-Risiko-Verhältnis für den Patienten gut ist. Umso wichtiger ist, dass der Hausarzt sich die Zeit nimmt und verantwortungsvoll aufklärt. Die Geimpften sollen mit einem sicheren Gefühl wieder nach Hause gehen. Dazu gehört auch, einschätzen zu können, wie sich eine zu erwartende Impfreaktion von einer Impfkomplikation unterscheidet. Und klar ist: Die Ansprüche an die Sicherheit eines Impfstoffes steigen mit einer sinkenden Inzidenz.

ONETZ: Am Donnerstag wurde beschlossen, Astrazeneca bundesweit ohne Priorisierung freizugeben. Eine richtige Entscheidung?

Dr. Deinlein: Dies bedeutet nochmals zusätzlichen Beratungsaufwand für die Praxen. Ich persönlich bin über diese Entscheidung nicht glücklich und sehe entsprechend der Empfehlung der Stiko die Indikation zum Einsatz dieses Impfstoffs vor allem bei Personen über 60 Jahren. Wobei ich dies bei einer hohen Inzidenz und einem akuten Ausbruchsgeschehen eventuell anders bewerten würde.

ONETZ: Wie geduldig sind Ihre Patienten, wenn es um den Zeitpunkt des individuellen Impftermins geht?

Dr. Deinlein: (lacht) Naja, es ist vereinzelt schon eine gewisse Ungeduld spürbar. Das ist ja auch ein Indiz dafür, dass der Impfwille vorhanden ist. Wobei die große Mehrheit Verständnis für die Wartezeit hat. Insgesamt fände ich es aber gut, wenn das jeweils aktuelle Durchschnittsalter der Impflinge veröffentlicht werden würde. Dann könnte man besser einschätzen, wann man selbst an der Reihe ist.

ONETZ: Sie selbst sind als Hausarzt vermutlich schon geimpft?

Dr. Deinlein: Nein, ich hatte im Dezember 2020 selbst eine Corona-Infektion. Aber wenn die sechs Monate nach der Infektion vorbei sind, lasse ich mich selbstverständlich impfen. Wir sollten aus der Pandemie auch lernen, dass jene, die bereit sind, Erkrankte zu Hause zu versorgen, noch früher geschützt werden müssen.

Blick hinter die Kulissen im Impfzentrum Waldsassen

Waldsassen
Hintergrund:

Zur Person: Dr. Peter Deinlein

  • 44 Jahre alt
  • Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin, Gemeinschaftspraxis in Kemnath
  • Stellvertretender Bezirksvorsitzender im Bayerischen Hausärzteverband

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