08.01.2021 - 12:00 Uhr
KemnathOberpfalz

Erinnerungen an die "Krautsabl-Gmoi" in Kemnath: Von Krauthobeln, Autos und heimlichen Verhandlungen

Kaum jemand kennt heute noch in Kemnath die "Krautsabl-Gmoi". Was war das für eine geheimnisumwitterte Vereinigung und wie kam sie zustande? Ein Auto spielt während der Vereinszeit eine besondere Rolle.

Das Auto der "Krautsabl-Gmoi" war auch bei der 975-Jahrfeier der Stadt Kemnath 1983 im Einsatz.
von Josef ZaglmannProfil

Im Frühjahr 1928 schlossen sich humorvolle bodenständige Kemnather Bürger zu einer losen, gemütlichen Gesellschaft zusammen. Man traf sich monatlich jeweils in einem der vielen Kommun-Wirtshäuser, die es damals noch gab. Dabei plauderte man und ließ Vergangenes und Erlebtes humorvoll wieder aufleben.

Nach einiger Zeit wurde auch an die Gründung eines Vereins gedacht. Der sollte aber ganz anders als jeder „normale“ Verein sein. So hatte der beispielsweise keinen Vorsitzenden oder Vorstand, sondern einen Oberdirektor. Der erste war der Zimmermeister Josef Dötsch: Er war Hausbesitzer des Anwesens in der Erbendorfer Straße 243. Dort war um 1860 eine Person sesshaft, die für Dritte Kraut schnitt. Die später verwendeten kastenförmigen Krauthobel, mit dem der ganze Krautkopf durch Hin- und Herschieben zerkleinert wurde, waren hier noch nicht bekannt. Deshalb wurde eine Vorrichtung gebaut und mit einem scharf geschliffenen Säbel gewerbsmäßig das Kraut zum Einlegen (Sauerkraut) geschnitten. Das war den älteren Bürgern noch bekannt - und so nannte sich diese lose Vereinigung „Krautsabl-Gmoi“. Der zweite Mann hinter dem Oberdirektor, der Kassier, nannte sich Säcklwart. Für Niederschriften und die Organisation war der Organisierer zuständig. Als Vereinsabzeichen trugen die Mitglieder bei ihren Zusammenkünften einen etwa 5 Zentimeter langen und 2,5 Zentimeter breiten spitz zulaufenden Lederfleck am Revers. Beim Betreten des Versammlungslokals musste der Eintretende als Gruß den Daumen der linken Hand in den Mund stecken und wortlos seinen Platz einnehmen.

Die "Krautsabl-Gmoi" richtete Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre Faschingsveranstaltungen, Faschingszüge und Kappenabende aus. In den Sommermonaten trafen sich die Mitglieder regelmäßig im Biergarten des ehemaligen Wirtshauses „Beim Krawatt“ in der Wunsiedler Straße und auf der Blockhütte.

Auto hergerichtet

Mitte der 1920er Jahre erwarb der Spediteur Max Mayerhofer auf dem Cammerloherplatz ein gebrauchtes Motorkraftfahrzeug der Marke „Dürrkopp“. Das war sechssitzig mit einem Lederverdeck, das zurückgeschlagen werden konnte, sodass der Wagen auch offen zu fahren war. Das Fahrzeug war nicht mehr im allerbesten Zustand. Deshalb verkaufte es Mayerhofer 1931 dem damaligen Altmaterialhändler (Eisen, Papier, Lumpen) und Malermeister Hans Steiner in der Erbendorfer Straße. Der schlachtete es aber nicht aus, sondern stellte es in der Scheune seines Nachbarn Andreas Scherm unter. Steiner und Scherm waren beide Mitglieder der "Krautsabl-Gmoi". Im Laufe der Zeit reifte bei den „Krautsablern“ der Gedanke, das Fahrzeug wieder herzurichten und bei verschiedenen Anlässen zu benutzen. Hans Steiner überließ dem Verein das Fahrzeug.

Der Mechaniker Hans Kreuzer war auch ein geschickter Motorbastler und hat das Auto wieder fahrtüchtig gemacht. Er war auch der Einzige, der es fahren konnte. Der Standort wechselte immer wieder: Jahrelang stand es in einem Nebengebäude der Klosterbrauerei, bis es in der Scheune von Max Mayerhofer in der Wunsiedler Straße ankam.

Das derzeit stärkste Serienmotorrad der Welt "Boss Hoss" ist ebenfalls im Automobilmuseum in Fichtelberg zu bewundern

Fichtelberg

In den 1950er Jahren, als die Tätigkeiten der "Krautsabl-Gmoi" durch die Kriegsjahre fast vollständig zum Erliegen gekommen waren, übernahm die Stadt Kemnath das Fahrzeug und stellte es im nicht mehr genutzten Kommunbackofen am Schützengraben beim Knabenschulhaus unter. Für die Unterstellung wurde erstmals eine baurechtliche Genehmigung erteilt. Viele ältere Mitglieder der "Krautsabl-Gmoi" waren inzwischen gestorben. Eines der jüngeren Mitglieder - Bertl Dötsch aus Kemnath - versuchte, den Verein wieder etwas zu beleben.

Dann begann die Odyssee des "Krautsabl-Autos": Hans Steiner hatte es 1932 der "Krautsabl-Gmoi überlassen", ohne irgendeine Bedingung zu stellen. Das Fahrzeug wurde genutzt und als dem Verein gehörig betrachtet. Ein Vereinsmitglied, nämlich der damalige Notariatsinspektor Josef Speckner, der damals schon in München war, riet dem Verein dringend, Steiner das Fahrzeug abzukaufen. Bei einer Versammlung des Vereins im Wirtshaus von Jakob Zitzlmann im Mai 1935 wurde vereinbart, dieses Fahrzeug zu erwerben. Hans Steiner erklärte sich bereit, zu verkaufen, und handelte mit dem Oberdirektor und dem ersten Vorsteher einen Kaufpreis von 35 Reichsmark aus. Dieser Betrag wurde in der Versammlung an Steiner bar ausbezahlt. Der Verkauf wurde, wie früher bei solchen Rechtsgeschäften üblich, per Handschlag besiegelt und von den in den 60er Jahren noch lebenden 13 "Krautsabl"-Mitgliedern übereinstimmend bestätigt. Genauso zutreffend wurde auch bestätigt, dass der Sohn von Hans Steiner, Malermeister Max Steiner, das Fahrzeug nie zurückerworben oder zurückgenommen hätte. Nach übereinstimmender Auffassung aller Mitglieder war das Auto Eigentum der "Krautsabler-Gmoi" Kemnath.

Max Steiner gegenüber waren jedoch einige Mitglieder zurückhaltender - fast alle standen nämlich mit Steiner in geschäftlicher Verbindung. Der war dafür bekannt, dass er im Kolonialwarengeschäft anschreiben ließ und seine Leistungen als Malermeister oft sehr spät erst in Rechnung stellte oder sich gerne unter der Hand bezahlen ließ. Außerdem vergaß er auch die eine oder andere Leistung einfach. Das war für sozial schwächere Vereinsmitglieder Grund genug, nicht so sehr das Eigentumsrecht des Vereins an dem Fahrzeug zu bejahen. In nachfolgenden Zusammenkünften wurde immer wieder darüber gesprochen und zum Ausdruck gebracht, die Stadt Kemnath möge die Verhandlungsführung ganz übernehmen und versuchen, einen Weg zu finden, dass das Fahrzeug erhalten bleibt.

„Bei besonderen Festivitäten wird es dann wieder in Kemnath zu bewundern sein.“

Max Ponnath über das Auto der "Krautsabl-Gmoi"

Im August 1961 ging bei Bürgermeister Anton Zetlmeisl ein Schreiben des Allgemeinen Schnauferl-Clubs, Landesgruppe Südbayern, München ein: Hierin wurde mitgeteilt, dass der Club Kenntnis davon erhalten habe, dass in Kemnath ein altes Automobil stehe, das sozusagen herrenlos sei und wofür es kaum eine Verwendung gebe. Der Schnauferl-Club interessierte sich für die Übernahme und Erhaltung des Fahrzeugs. Unterzeichnet war der Brief von einem gewissen Georg Schlautkötter. Bürgermeister Zetlmeisl neigte von Anfang an dazu, das Fahrzeug zu veräußern. Seiner Meinung nach steckte ein hoher Wert dahinter.

Kaufinteressenten aus München

Gusti, Tochter von Alois Neumann und Schwester von Max Neumann, war seit Jahren in München verheiratet. Sie baute Anfang der 60er Jahre in München ein Wohnhaus. Planender und bauleitender Architekt war der Hochbauingenieur Dieter Schlautkötter, der Sohn des Briefunterzeichners Georg Schlautkötter. Alois Neumann, Gründungsmitglied der "Krautsabl-Gmoi", war öfter in München und hat Schlautkötter über die Existenz des Fahrzeugs in Kemnath informiert. Er riet den Schlautkötters, doch einmal nach Kemnath zu kommen und das Fahrzeug anzuschauen. Das geschah auch unter Mithilfe von Alois Neumann und Hans Kreuzer, allerdings ohne Wissen der Stadt und der "Krautsabl-Gmoi".

Jetzt wurden die Telefonate und der Schriftverkehr zwischen der Familie Schlautkötter und der Stadt Kemnath immer intensiver. Bei einer Dienstfahrt nach München zur Bayerischen Gemeindebank besuchte Bürgermeister Zetlmeisl auch die Familie Schlautkötter. In zwei großzügig ausgestatteten Nebengebäuden standen mehrere Oldtimer-Fahrzeuge. Schlautkötter senior erklärte, dass jedes Familienmitglied ein Oldtimer-Fahrzeug besitze und er das in Kemnath stehende Fahrzeug gerne für seine Tochter erwerben würde. Etwas später stieß die Tochter des Hauses zur Runde und nahm an den Gesprächen teil. Sie war Berufschullehrerin, Fachlehrerin für Hauswirtschaft. Zetlmeisl schwenkte sofort auf die Berufsschule um und bot ihr eine Lehrerinnenstelle an der Berufsschule Kemnath an. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch tatsächlich eine Lehrkraft gesucht. Die Tochter Schlautkötter zeigte sich nicht abgeneigt.

Am 20.11.1963 kam es schließlich zur Unterzeichnung eines Überlassungsvertrages zwischen der Stadt Kemnath, dem Verein "Krautsabl-Gmoi" und Ingenieur Dieter Schlautkötter. Letzterer nahm die Bedingungen, die Stadt und Verein stellten, an. Der Münchener hinterlegte eine Kaution von 500 D-Mark. Dieser Betrag wurde auf ein Sparbuch der "Krautsabl-Gmoi" bei der Sparkasse Kemnath angelegt. Er sollte für den Fall dienen, dass das Fahrzeug nach Kemnath zurückbeordert werden müsste, um die Kosten zu tragen. Dieses Sparbuch ist heute im Stadtarchiv Kemnath aufbewahrt.

Der Vertrag hatte eine Laufzeit von zehn Jahren. Bis dahin lief alles ganz normal. Das Fahrzeug wurde gemäß dieses Vertrags wiederholt von Schlautkötter nach Kemnath gebracht und bei historischen Veranstaltungen genützt, beispielsweise bei den Festen zum 100-jährigen Bestehen der Feuerwehr, bei der 975-Jahrfeier der Stadt Kemnath und noch einigen anderen Festivitäten.

In Braunschweig aufgetaucht

1969 verhandelte Schlautkötter ohne Wissen der Stadt und der "Krautsabl-Gmoi" mit Max Steiner und Else Mayerhofer, um das Fahrzeug zu kaufen. Beide willigten schließlich ein und verkauften das Auto für 1500 D-Mark an den Münchener Ingenieur. Als die Mitglieder der "Krautsabl-Gmoi" davon erfuhren, setzten sie sich sofort mit Schlautkötter in Verbindung und wiesen darauf hin, dass dieser Kauf rechtsungültig sei: Max Steiner sei nie Eigentümer des Fahrzeugs gewesen und Else Mayerhofer habe überhaupt nichts mit dem Fahrzeug zu tun. Der darauf folgende Schriftverkehr mit dem Schlautkötter vertretenden Rechtsanwalt Max Strasser lässt erkennen, dass beide Seiten unsicher waren. Sie bemühten sich um eine gütliche Einigung. Die Stadt beziehungsweise der "Krautsabl-Verein" hätten damals einen Rechtsvertreter dringend gebraucht.

Kemnaths Ehrenbürger Max Ponnath ist historisch sehr interessiert. Er wollte dieses Auto unbedingt haben. Aber es war nicht mehr in München. Ponnath stellte Nachforschungen an und fand heraus, dass es mittlerweile in Melle bei Braunschweig gelandet war. Für 45.000 Euro kaufte er es der Tochter von Schlautkötter ab und ließ es in das Automobilmuseum in Fichtelberg bringen. Dort erhielt es einen Ehrenplatz. Leider funktioniert der Motor nicht mehr. Aber Max Ponnath wusste Rat: Er beauftragte eine tschechische Werkstatt mit der Reparatur für 5000 Euro. Jetzt hofft er, dass dieses historische Fahrzeug bald wieder einsatzfähig ist. „Bei besonderen Festivitäten wird es dann wieder in Kemnath zu bewundern sein“, verspricht er.

 

 

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