29.11.2021 - 16:22 Uhr
Kastl bei KemnathOberpfalz

Von Kastler Hilfspolizisten zu sehr erfolgreichen Schützen

Heuer wollten die Kastler Schützen 100. Vereinsjubiläum feiern. Pandemiebedingt musste das Fest entfallen. Dabei hätten die Mitglieder Und Verantwortlichen allen Grund gehabt, mit Stolz auf das bisher Erreichte zurückzublicken.

von Autor HWKProfil

Am 14. November 1921 haben 21 Männer aus Kastl den Schützenverein gegründet. Seinen Ursprung hatte dieser, wie viele seiner Art, in der Bürger- oder Einwohnerwehr, die sich nach dem Ersten Weltkrieg in vielen Orten formiert hat. Laut Alois Dimper, einem Mitglied der ersten Stunde, ist damals wegen der katastrophalen Zustände sehr viel gestohlen worden. Die Mitglieder kontrollierten bei Nacht, was für "Gesindel" sich im Ort befand. Als eine Art "Hilfspolizist" bekam jedes Mitglied ein Gewehr gestellt. Eine Art "Gauleitung" der Einwohnerwehren des damaligen "Kulm-Fichtelgaus" befand sich wohl in Unterbruck.

Nachdem sich die Situation allmählich wieder gebessert hatte, wurden die Einwohnerwehren aufgelöst. Um die Kameradschaft fortzuführen, wurde der "Schützenverein Hubertus" gegründet. Erster Vorsitzender (bis 1926) war der Lehrer Josef Adam. Neben einem Zweiten Vorsitzenden und Kassier wurden auch zwei "Zieler" gewählt. Diese hatten die Gewehre für jeden Schützen zu laden und die Karten aufzustecken. Geschossen wurde im Gasthaus Vetter. Nach dem Wegzug Adams wurde der bisherige Zweite Vorsitzende Oberforstwart Carl Brendamour neuer Vereinschef.

Wehrpflichtige ausbilden

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Vereinsleben und der Schießsport stark reglementiert. Einem Rundschreiben des Deutschen Schützenbundes im Februar 1940 war schließlich zu entnehmen, dass sich die Vereine vor Ort an der Ausbildung ungeübter Wehrpflichtiger beteiligen sollen. Zum Kriegsende wurde der Verein auf Anordnung der US-Armee aufgelöst und das Vereinsvermögen eingezogen. Der damalige Vorsitzende Wolfgang Frank aus Weha konnte noch verhindern, dass die Gewehre beschlagnahmt wurden.

Hubertus Kastl nahm seine Aktivitäten am 8. Dezember 1951 wieder auf. Vorsitzender wurde Alois Brand. Im Protokoll über die Jahreshauptversammlung vom 1. Oktober 1955 ist Austritt einiger Mitglieder vermerkt, die offensichtlich mit der Vereinsführung nicht zufrieden waren und die Schützengesellschaft Kastl gründeten. Diese schloss am 1. Februar 1957 mit Gastwirt Albert Vetter einen Vertrag ab, der den Neubau eines Schützenheimes mit Schützenstand im gegenüberliegenden Garten der Wirtschaft vorsah.

Der Höhepunkt der bis dahin kurzen Vereinsgeschichte war 1959 die Fahnenweihe vom 6. bis 8 Juni. Der Festplatz befand sich auf einem Feld neben dem neuen Vereinsheim, der Gastwirtschaft Reichold, in der heutigen von-Lindenfels-Straße. Die Fahne zeigt auf der einen Seite die Kirche mit dem Kastler Berg und auf der anderen Seite die Hubertuslegende vor dem Rauhen Kulm. Ihr Preis betrug 1250 D-Mark.

Im August 1986 begann Hubertus Kastl mit dem Neubau seines ersten Schützenhauses, da in der damaligen Vereinswirtschaft der Familie Reichhold kein geregelter Schießbetrieb mehr stattfinden konnte. Im Vorfeld der Planungen gab es intensive Gespräche mit den Vertretern beider Vereine und weiteren Verantwortlichen, um eine Fusion der beiden Schützenvereine herbeizuführen. Allerdings waren die Bemühungen vergebens. Das Gebäude entstand neben dem neuen Festplatz der Gemeinde in unmittelbarer Nachbarschaft zum Sportgelände des TSV 1960 Kastl.

Gebaut wurde es für zwölf Luftgewehrstände mit elektrischen Seilzuganlagen, einem Auswertungsraum, einem Fitnessraum sowie mit Duschen, Umkleiden und Toiletten für Damen und Herren. Auf einen aufwendigen Kleinkaliberstand musste zunächst verzichtet werden. Weiter umfasste das Schützenhaus eine große Gaststube mit Ausschanktheke und Küche. Um größere Veranstaltungen bewältigen zu können, konnte der Schießstand als Saal genutzt werden.

Die Planung und Bauleitung hatte Vorsitzender und Maurer- sowie Zimmerermeister Reinhold Kneidl inne. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 650 000 Mark. Nach nicht ganz zweijähriger Bauzeit fand im Sommer 1988 die Einweihung mit Segnung durch Pfarrer Otto Gebert statt. Mit dem Neubau gelang den Sportschützen auch der sportliche Aufstieg. Die Jugendarbeit wurde unter Vorsitzendem Reinhold Kneidl, Jugendleiter Alfons Raps und dem Trainerteam forciert. Die damals zwölf Stände waren bei jedem Schießabend belegt. In kürzester Zeit machten sich die Kastler Jungschützen im Oberpfälzer Schützenbund einen Namen.

Bei Premiere Vize-Meister

1990 qualifizierten sich erstmals Jungschützen für die Deutschen Meisterschaften in München-Hochbrück. In der Mannschaftswertung der Schülerklasse gewannen Christian Kneidl, Stefan Walberer und Wolfgang Raps in der Disziplin Luftgewehr stehend auf Anhieb die Vizemeisterschaft. Bereits ein Jahr später folgte durch Wolfgang Raps die erste Einzelmedaille.

1990 fusionierten auch die beiden Kastler Schützenvereine. Im gleichen Jahr konnte zudem eine Böllergruppe gegründet werden, die seitdem von 4 auf nun über 20 Schützen angewachsen ist. 1996 feierte der Verein sein 75. Gründungsfest. Legendär ist bis heute die große Tombola, bei der es 10 000 Preise, darunter sogar Autos, zu gewinnen gab. Die Einnahmen bildeten den Grundstock für den Erweiterungsbau des Schützenhauses. 2003 ging dann nach sechsjähriger Bauzeit eine hochmoderne, mit der neuesten Technik ausgestattete Schießanlage in Betrieb. Die Gebäudelänge von 70 Metern haben eine 50 Meter lange Schießbahn, ein Kugelfang mit Kiesbett, der Schützenstand und die Aufenthaltsräume gewissermaßen vorgegeben.

Das Herzstück sind die elektronischen Schießstände mit Zuschauer-Monitoren, über die jeder Schuss sowie Zwischen- und Endergebnisse hautnah mitverfolgt werden können. Die Feuerwaffenstände wurden so schallisoliert, dass auch nachts ohne Lärmbelästigung geschossen werden kann.

Nicht ausgeblieben sind die sportlichen Erfolge. Hier sind beispielsweise vier Welt-, zwei Europa-, über ein Dutzend erste, acht zweite sowie sechs dritte Deutsche Meister zu nennen. 1997 erhielt der Verein vom Deutschen Sportbund das Grüne Band für vorbildliche Jugendarbeit verliehen, verbunden mit einer Spende 10 000 D-Mark.

Heute zählt der Verein fast 300 Mitglieder, darunter fast 50 Jugendliche. Für sie stehen derzeit zehn Fachübungsleiter bereit. Weitere Personen sind im Besitz der Jugend-Basis-Lizenz. Der Schützenjugend steht ein Trainerstab zur Seite, der sie nicht nur in der Schießtechnik, sondern auch in den Bereichen Fitness und Psychologie für den Schießsport ausbildet. Um den Anfängern den Start zu erleichtern, ist im Verein eine Schießgrundausrüstung vorhanden. Der Jahresetat für die Jugendarbeit beläuft sich auf mehrere Tausend Euro.

Mehrmalige Europameisterin

Zum Aushängeschild avancierte Rebecca Frank, die 1996 als erste Kastlerin zum Nationalkader gehörte. Sie blickt unter anderem auf elf Titel bei den Deutschen Meisterschaften für ihren Stammverein und Sportgemeinschaften zurück, zudem auf drei Meisterschaften mit den Bundesligamannschaften von "Der Bund München" und der "HSG München". Bei den Europameisterschaften 1997 in Warschau wurde Frank mit dem Luftgewehr im Einzel und der Mannschaft Europameisterin. Im darauffolgenden Jahr verteidigte sie in Tallinn mit dem Team den Titel, im Einzel wurde sie Vize-Europameisterin. Im selben Jahr folgten in Barcelona noch Weltmeistertitel mit dem Luftgewehr und dem Kleinkaliber jeweils im Einzel- und Teamwettbewerb. 1999 wurde sie Arnheim nochmals Mannschafts-Europameisterin und zum Abschluss ihrer Karriere Mannschaftsweltmeisterin der Armbrustschützen im österreichischen St. Veit.

2009 gewann Katja Müller in Lübeck mit einem 29,4-Teiler der beste Schuss von allen 20 Landesjugendköniginnen und Königen. Das machte sie zur Bundesjugendkönigin. Das derzeitige Aushängeschild ist die Erste Luftgewehrmannschaft. Als Außenseiter war sie 2020 erstmalig in der 1. Bundesliga Süd angetreten. Der Underdog entwickelte sich zum Favoritenschreck und trotzte einigen etablierten Teams Punkte ab. Mit vier Siegen aus elf Partien belegten die Kastler einen Nichtabstiegsplatz und gehen ein weiteres Jahr in der höchsten Liga Deutschlands an den Start.

Aber auch die anderen Teams sind in leistungsstarken Ligen integriert. So gehören die Zweite Gewehr- sowie die Erste Pistolenmannschaft in der Landesliga des Oberpfälzer Schützenbundes mitunter zu den Favoriten. Insgesamt sind derzeit neun Mannschaften im Ligenbetrieb gemeldet.

Gaumeisterschaften fast ein Vereinswettbewerb

Kastl bei Kemnath
Hintergrund:

Ausstattung des Schützenhauses

  • Im Untergeschoss sind die Feuerwaffenstände untergebracht, davon acht Stände mit 50 Metern und fünf Stände mit 25 Metern Länge.
  • Im Obergeschoss befinden sich weitere 30 Stände auf die 10-Meter-Distanz für die Luftdruckwaffen.
  • Weiter gibt es zwei Anlagen für den Luftpistolen-Mehrkampf- und drei für die Nachwuchsarbeit entwickelte Lichtgewehranlagen.
  • Zudem sind ein Schulungsraum, Aufenthaltsräume, Umkleideräume sowie ein Gymnastikraum und eine Industrieküche im Gebäude untergebracht.

 

 

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