Heiliger Schmerz in der Seele der Mutter – Erinnerung an den Heiligen Abend in den Kriegsjahren

Weihnachten 2020 ist vieles durcheinandergewirbelt. Traditionen und Bräuche, die über Jahre gewachsen und scheinbar unveränderlich waren, sind nicht möglich. Das passiert nicht zum ersten Mal.

Weihnachten im Krieg hinter verdunkelten Fenstern unterm Christbaum: Krankenschwester Maria Bayer (Mitte) mit Maria und Josef Kellner. Deren Bruder Pfarrer Georg Kellner befand sich bereits 1941, ein Jahr nach seiner Priesterweihe, als Sanitätssoldat in Russland und kehrte erst 1948 aus französischer Gefangenschaft heim.
von Siegfried BockProfil

Der Blick in Geschichtsbücher und Erinnerungen macht klar, dass die Corona-Situation, die heute Alltag und Festtage verändert, keine einzigartige ist. Weihnachten 2020 ist mit Einschränkungen verbunden. Vielleicht lässt sich dadurch ein neuer Zugang zum Weihnachtsfest finden, auch zu existenziellen Fragen nach dem Sinn des Lebens.

Der Umgang mit der Angst vor Krankheit, Tod und sozialer Distanz lässt sich nicht schönreden. Dennoch sollte der Blick auf die schrecklichen Ereignisse, die Not in den Kriegsjahren vor mittlerweile über 70 Jahren zum Nachdenken anregen, dass wir heute doch alle in Wohlstand, Frieden und Freiheit leben dürfen.

Dazu sollen Auszüge aus den Aufzeichnungen von 1942 bis 1944 in der Ortschronik beitragen. Aufbewahrt sind sie im Heimatmuseum von Alfons Bösl.

  • 24. Dezember 1942: Triumph des Lichtes. Zart und sachte senkte sich die Dämmerung auf das Land, feine Nebelschleier geisterten auf den Straßen und Wegen, in Höfen und an den Häusern, vereinzelte Sternlein glitzerten am Himmel, leise nur und einsam beginnt das Glöcklein zu läuten. Die anderen drei Glocken waren im November abgeholt worden, um nach ihrem Einschmelzen als Munition oder Waffe fortan den Tod zu bringen. Die tiefsten Saiten des menschlichen Gemüts und der Seele beginnen zu klingen. Auf der Bank am Ofen sitzt ein Vater mit brennenden Augen, nicht weit davon die Mutter. Ein heiliger Schmerz zittert in ihrer Seele. Kaum ein Wort vermögen die Lippen zu formen. Ihre Buben, ihr Stolz und ihr Glück sind in Russland geblieben. Dort in jenem Hause sitzt am Lichterbaum ein Mädchen. Tränend blicken die traurigen Augen in den Kerzenschein. Er, der Beste, der Heißgeliebte – nie mehr wird er kommen.
  • 24. Dezember 1943: Weihnachten im fünften Kriegsjahr. Ist es heuer anders? Die Hochstimmung, die Kraft dieses Festes. Ist alles dies verblasst? Das tiefe Fühlen, das innere Glück, das mich gerade an diesen Tagen immer erfasste, ist nicht gekommen. Und so wie mir ist es vielen ergangen- warum wohl. Ist es das Hoffen, das bis zum nächsten Weihnachten Frieden werden möchte, siegreicher Frieden?
  • 25. Dezember, erster Weihnachtsfeiertag 1943. Während früher am Heiligen Abend die Christmette um 24 Uhr war, wird sie seit einigen Jahren um 19.30 Uhr abgehalten. Die schönste Abendzeit wird dadurch der Familie weggenommen. Christbaumschmuck ist kaum zu kaufen, doch fast in jedem Haus steht ein Weihnachtsbaum, einzelne Kerzlein sind zu finden. In den Läden gab es selten Kinderspielzeug. Vieles wurde selber gebastelt, auch durch die HJ (Hitlerjugend). Die Geschenke der Erwachsenen waren auf das Mindestmaß beschränkt. Von den Wachmannschaften des hiesigen Strafgefangenenlagers bekam jeder als kleine Weihnachtszuwendung einen Stollen, Plätzchen und 10 Reichsmark. Auch von den Russen erhielt jeder je ein Stück Brot und Käse sowie einen Liter Bier. Sichtlich freuten sie sich.
  • Heiliger Abend 1944: Abteilungen von Soldaten kommen vom Bunkerbau, Reiter traben gemächlich durch den Ort. Fleißig arbeiten die andern mit der Hacke und Säge im Schulhof.
  • Weihnachten im sechsten Kriegsjahr 1944 – ein Meer von Blut und Tränen. Dumpf lastet das Dunkel um uns, und dennoch birgt dieses Fest etwas Großes, Heiliges, unsagbar Trostvolles. Aus dumpfer Verzweiflung und Verzagtheit lösen sich die Herzen der Menschen. Darin liegt der süße Trost, ihr beseligender Glaube. Dieser hebt die Menschen aus Not und Leid und gibt ihnen Kraft und Stärke. Während der gestrigen Mette wurde ein gut gelungenes Krippenspiel aufgeführt. Zu gleicher Zeit fand auch in der evangelischen Kirche ein Gottesdienst statt, endet der Verfasser, von dem nicht genau zuzuordnen ist, wer welche Passagen schrieb.
Ortsansicht des Marktes Kaltenbrunn 1942.

Zeitzeugen erinnern sich an Weihnachten während des Zweiten Weltkriegs

Ehenfeld bei Hirschau

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.