09.07.2020 - 17:31 Uhr
IllschwangOberpfalz

Rastplätze für die Seele

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Seit kurzem hat der Tourismus sogenannte Kraftorte für sich entdeckt. Kritiker sprechen von Hirngespinsten, Verfechter von heilsamen Stätten. Was zeichnet einen Kraftort aus und wer macht ihn dazu?

Für manche Menschen ein Kraftort, für andere beeindruckend aufgrund seiner Geschichte: Der Kalmusfels war Teil einer vor- und frühgeschichtlichen Ringwallanlage.
von Christa VoglProfil

Eigentlich beginnen die Schwierigkeiten schon beim Begriff. Denn Kraftort kann vieles sein: Quellen, Berge, Waldlichtungen, besondere Bäume, Felsformationen, eine Wallfahrtskirche, sogar der kleine Altar im eigenen Garten. Ein Kraftort kann in der Tat vieles sein, doch eines ist er nicht: naturwissenschaftlich nachweisbar.

Für Petra Jäger, die in der Gemeinde Kümmersbruck wohnt und in der Gesundheitsberatung tätig ist, hat das aber keine Bedeutung. Für sie ist ein Kraftort einfach "ein Ort mit magischer Ausstrahlung, von dem man sich angezogen fühlt". Dass hierbei aber die Empfindungen von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sind, erfährt sie immer wieder aufs Neue. Nämlich dann, wenn sie mit ihren Kursgruppen zu Kraftorten in ihrer Heimat unterwegs ist. Die Gefühlspalette der Teilnehmer reicht dabei vom einfachen "man kommt zur Ruhe, man kann loslassen, man schaltet ab, die Stille tut gut" bis hin zu "jetzt fühle ich mich endlich wieder mit mir selbst verbunden" oder "ich bin jetzt wieder mit Energie aufgeladen".

Natur wirken lassen

Eine typische Kraftortwanderung, die Jäger anbietet, beginnt gleich in der Nähe ihres Wohnorts. Mit einer Gruppe von maximal sechs Personen startet sie von Illschwang aus auf einem schmalen Pfad, der durch einen Mischwald zu zwei Kraftorten führt: dem Kalmusfels und dem Osterloch. "Wir gehen in aller Ruhe, ohne uns zu unterhalten. Wir nehmen ganz bewusst die Atmosphäre des Waldes auf, den Duft der Nadelbäume, das Rauschen der Blätter, das Zwitschern der Vögel. Wir gehen den Weg achtsam, Schritt für Schritt. Hin und wieder halten wir an und lassen die Natur auf uns wirken", erklärt Petra Jäger, die diese Wanderung seit ungefähr einem Jahr anbietet. Nach einer halben Stunde bewussten Wanderns kommt die Gruppe schließlich am Kalmusfels an.

Und jetzt? Wer will, kann einfach etwas abseits von der Gruppe in der Stille die Kraft des Ortes auf sich wirken lassen. Wer will, kann aber auch unter Jägers Anleitung mit Atemübungen und gemeinsamer Meditation versuchen, der Ausstrahlung des Kraftorts näher zu kommen.

Rituelle Kultstätten

Kraftorte gab es auch schon in früheren Zeiten. Man schrieb ihnen magische Eigenschaften zu. Sie waren ein Ort der Verehrung, ein Ort der besonderen Energie. Oft wurden sie auch als rituelle Kultstätten genutzt. Manchmal ist die Rede von "mystischen Orten". Zu den weltweit bekanntesten Kraftorten zählen Stonehenge in England mit seinen Menhiren, der Uluru (Ayers Rock) in Australien oder auch die Pyramiden von Gizeh. Berühmte Kraftorte sind oft auch beliebte Ausflugsziele und ziehen ganz verschiedene Menschen in ihren Bann: solche, die an ihre Wirkung als Kraftort glauben und andere, die darin nur einen schönen Ort oder ein Naturspektakel sehen.

Petra Jäger ist überzeugt, dass jeder Mensch seine ganz persönlichen Kraftorte finden kann. Dass man dazu nicht weit reisen muss. Und dass diese Orte auch nicht auf einer Karte eingezeichnet sein müssen. "Sie spenden mir Energie, sie strahlen etwas aus", versucht die 54-Jährige etwas in Worte zu fassen, was schwer zu beschreiben ist. Ganz persönliche Kraftorte, kraftvolle Orte können eine Bank am Waldrand sein, eine alte Dorfkirche, ein knorriger, mit Moos bewachsener Baum: eben Orte, die Entspannung spenden, die Mut machen, die nachdenklich stimmen.

Seele und Welt im Einklang

Auch der bekannte Benediktinermönch Anselm Grün hat persönliche Kraftorte und beschreibt die verschiedenen Wirkungen dieser besonderen Plätze: "Ich sehe alles viel deutlicher, etwas klärt sich in meiner Seele, ich kann ausruhen, ich kann einfach da sein, ich fühle mich frei, mein Leib kann sich erholen, er holt sich das, was er braucht." Für ihn sind Kraftorte dort, "wo Seele und Welt im Einklang sind".

Man muss also nicht nach England, Australien oder Ägypten reisen, um Kraftorte zu finden. Kraftorte können individuell sein, jeder hat eine andere Empfindung für sie. Manche spüren, dass eine magische, unerklärliche Ausstrahlung von ihnen ausgeht. Manche spüren nur, dass sie sich an diesem Ort wohlfühlen.

Auch die Teilnehmer der Kraftort-Wanderung von Petra Jäger teilen sich in diese zwei Lager. Für die einen sind sowohl Kalmusfels als auch Osterloch sagenumwobene Orte: Orte mit besonderer Energie, die sich hier konzentriert und die inspiriert, mystische Orte, die einen gewissen Zauber ausstrahlen. Für die anderen wiederum ist der Kalmusfels eine durchaus bemerkenswerte Felsformation aus Kalkgestein und das Osterloch eine beeindruckende Höhle, zirka 18 Meter breit und 6 Meter hoch, in der vorgeschichtliche Funde gemacht wurden.

Feinfühligkeit

Es ist wohl so, dass beide Lager auf ihre Weise recht haben. Denn Menschen sind nicht gleich. Es gibt Unterschiede in ihrem Wahrnehmungsvermögen, in ihrer Feinfühligkeit. Wenn es in einem alten Kinderspiel heißt: "Ich sehe was, was du nicht siehst", so müsste es in Bezug auf Kraftquellen und ihre besondere Wirkung auf bestimmte Menschen heißen: "Ich spüre was, was du nicht spürst." Wobei sich hier dann die Beschreibung wesentlich schwieriger gestalten dürfte.

Petra Jäger ist in der Gesundheitsberatung tätig. Für sie ist ein Kraftort ein Ort, von dem man sich angezogen fühlt.
Auf dem Plateau der Hainsburg, nahe dem Kreuz mit Ruhebank, führen ein paar Stufen hinunter zum Osterloch. In der Höhle wurden vorgeschichtliche Funde gemacht.

Waldbaden mit Petra Jäger:

Theuern bei Kümmersbruck

Eine Wanderung zum Osterloch:

Illschwang

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