Von "Kornmandln" und "Gerstenweibln"

Erinnerungen an die Getreideernte vor 60 Jahren. Jedes Korn und jeder Strohhalm waren zu wertvoll, um sie auf dem Acker zu lassen. Die Erträge waren nicht so hoch wie heutzutage.

Hermann Reger aus Amberg hat in den frühen 1960er Jahren noch das Aufladen der „Kornmandln“ auf ein Pferdefuhrwerk festgehalten.
von Josef SchmaußerProfil

Wenn an den Wegrändern die "Blaue Wegwarte" blüht, die Getreidefelder gelb werden und herrlich duften, dann beginnt schon oft Anfang Juli die Getreideernte. Der Wandel in der Landwirtschaft ist allgegenwärtig sichtbar. Heute schaffen riesige Mähdrescher auf großen, oft flurbereinigten Feldern, mit einem Mann die früher sehr schwere und schweißtreibende Arbeit von vielen Mägden und Knechten. In den späten 1950er Jahren, in der Kindheit von Heimatpfleger Josef Schmaußer, bot sich auf den Dörfern noch ein völlig anderes Bild. Das Getreide, vor allem der Hafer, war oft erst im August ausgereift, deshalb war früher der August der Monat der Getreideernte.

Erst um 1910 war in der Oberpfalz "der Wachler" eingeführt worden. Diese besondere Sensen-Art hatte einen Bügel, der mit einem Drahtgitter bespannt war, mit dessen Hilfe das Getreide gleichmäßig abgelegt werden konnte. Diese Erfindung ermöglichte es nun auch, dass das Getreide auf Feldern angebaut werden konnte. Die Mutter von Schmaußer, Jahrgang 1913, konnte sich noch erinnern, dass in ihrer Kindheit das Getreide oft noch auf Beeten angebaut wurde. Es musste dann mühsam mit Sicheln geerntet werden.

Nach dem Mähen erfolgte, meist von Frauen verrichtet, das "Wegnehmen" mit einer Sichel. Die Getreidehalme wurden in "Bischala" (Büscheln) abgelegt und mit Strohbändern zu sogenannten Garben zusammengebunden.

War der Acker abgemäht oder der Abend erreicht, mussten die Garben - meist sagte man auch einfach Büschel dazu - aufgestellt werden, damit die Ähren wieder von der Erde wegkamen und der Trocknungsprozess beschleunigt ablaufen konnte.

Dazu wurden "Mandln" mit 9, 8, 7 oder 5 Garben je nach Getreideart zusammengestellt. Die Gerste war relativ kurz und deshalb waren "Mandln" problematisch. Es wurden dann "Weibln" gebildet. Es handelte sich dabei um relativ große Garben, die einzeln für sich aufgestellt und dann kurz unterhalb der Ähren mit einem Strohband zusammengebunden wurden. Das Ganze sah aus wie ein Reifrock, daher der Ausdruck "Weibln". Außerdem ist das Gerstenstroh relativ weich und musste deshalb lockerer aufgestellt werden, damit es trocknen konnte und nicht schimmlig wurde. Auch bei kurzem Hafer wurde manchmal diese Technik angewandt.

Zum Abtransport wurden die "Weibln" dann auf ein Garbenband ("Gaabandl") - es handelte sich dabei um eine dicke, meist rot eingefärbte Schnur mit Holzknebel - gelegt und von Hand auf einen hölzernen Leiterwagen geladen. Bei den anderen Garben erfolgte das Aufladen unmittelbar von den "Mandln" weg oder sie wurden vorher gabelgerecht nebeneinander auf das Feld gelegt. Diese Garben wurden meist mit einer zweizinkigen Gabel auf den Leiterwagen gespießt, wo eine weitere Person das "Laden" übernehmen musste. Es handelte sich dabei um ein fachgerechtes Neben- und Aufeinanderlegen der einzelnen Büscheln.

Eine große Hilfe für die Bauern war die Einführung der Bindemäher, gezogen von Kühen, Ochsen oder Pferden. Vor dem Mähen musste erst mit Sensen eine Bahn um das Feld gemäht werden. Nach Abfahren der Garben wurde der Stoppelacker mit einem großen hölzernen oder eisernen Rechen nachgerecht, um auch die letzten Halme und vor allem Ähren heim zu bekommen. Oft wurden die Ähren sogar per Hand in einem Korb gesammelt.

Die Erträge waren nicht so hoch wie jetzt. Jedes Korn und jeder Strohhalm war zu wertvoll, um es auf dem Acker zu lassen. "Wir Kinder trieben nach der Ernte die Gänse zum Ajchalan, Ähren, auf ein abgeerntetes Getreidefeld. Mutter gab uns auch noch einen Tiegel und eine ,Stitzn' (Gießkanne) mit Wasser für die Gänse mit", erinnert sich Schmaußer. Gefährlich wurde es, wenn eine der Gänse anhob, heimzufliegen. Die anderen hatten dann nichts Besseres zu tun, als "dem Herdentrieb" zu folgen und hinterher zu fliegen. "Wir liefen dann barfuß und schimpfend über das Stoppelfeld hinterher."

Mit dem Wagen auf dem Betrieb angekommen, galt es nun, die Garben in die Scheune einzulagern, entweder auf der Tenne (ebenerdig) oder auf den oberen Böden, wo sie bis unters Dach geschlichtet (geschichtet) wurden. Das Getreide konnte hier noch etwas nachreifen und "ausschwitzen". Gedroschen wurde erst im Winter, wenn alle Außenarbeiten erledigt waren.

(Der Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Leiter des Amtes für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten in Amberg, Willibald Götz, der sachkundige Hinweise und Ergänzungen beisteuerte. Einige Passagen wurden mit Erlaubnis des Autors wörtlich aus seiner Arbeit "Getreideernte einst und jetzt" übernommen)

Ein von Pferden gezogener Bindemäher. Wie der Name schon sagt, wurde das Getreide automatisch zu Bündeln gebunden. Eine große Arbeitserleichterung.
Andreas Schuhmann (1933 bis 2006) aus Garsdorf vor „Kornmandln“ aus dem Familienalbum von Familie Schuhmann.
Wie schnell und leicht geht heute die Getreideernte (hier bei Hohenkemnath) mit den modernen Mähdreschern. Ein Mann erledigt die früher schweißtreibende Arbeit von vielen Mägden und Knechten.
Getreidemähen mit dem „Wachler“.
Ein Teil des Getreides wurde zum Verkauf an das nächste Lagerhaus geliefert. Hier ein Bild aus den 1940er Jahren vor dem Lagerhaus Ursensollen aus dem Familienalbum von Josef Lautenschlager aus Heinzhof.
Die „Gaabandln“ waren nicht nur für die Getreideernte wertvoll. Der Holzknebel war sehr praktisch zum Ziehen, wenn man die Garbenbänder an die Schlitten festmachte.

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