26.09.2021 - 17:33 Uhr
HohenburgOberpfalz

Hohenburg - Wo die Großen Hufeisennasen am liebsten abhängen

Die seltenste heimische Fledermausart hat in Hohenburg im Landkreis Amberg-Sulzbach ein Zuhause. Als Gebietsbetreuer ist Rudi Leitl für Deutschlands letzte Kolonie der Großen Hufeisennasen verantwortlich. Ein Besuch im Fledermaushaus.

Eine Große Hufeisennase hängt im Keller des Fledermaushauses von Hohenburg von der Decke.
von Mareike Schwab Kontakt Profil

Stille. Dann ein lautes Pfeifen. Es raschelt in der Dunkelheit. Dann ein wildes Flattern. Das Gerät in Rudolf Leitls Händen knackt. Langsam und vorsichtig schleicht er in den hinteren Teil der Scheune. Nur durch die halboffene Scheunentür dringt etwas Licht in den düsteren Raum. Wieder das ungewöhnliche Pfeifen aus dem Gerät. Mit seiner Stirnlampe leuchtet Leitl durch eine rechteckige Öffnung in die Kellerräume. "Da hängen sie und schlafen", flüstert er erfreut. Sie, das sind die Großen Hufeisennasen - die seltenste Fledermausart Deutschlands. Im Fledermaushaus von Hohenburg wohnt die letzte Kolonie in ganz Deutschland. Einzeln oder in kleine Gruppen zusammengekuschelt hängen die Tiere von der steinernen Decke des Kellers. Ein paar bewegen sich. Flattern mit den Flügeln. Aufgeweckt von den Eindringlingen, die sie tagsüber stören.

Immer mehr Pfeiftöne dringen aus dem Gerät in Leitls Händen. Es ist ein Fledermausdetektor. "Der transferiert die Ultraschallrufe der Fledermäuse in den für Menschen hörbaren Bereich", erklärt Leitl. "Hufeisennasen rufen sehr hoch, bei 80 Kilohertz." Die menschliche Hörfähigkeit endet bei 16 bis 18 Kilohertz. Die Rufe dienen aber nicht nur der Verständigung untereinander. In erster Linie nehmen sie ihre Umgebung damit war, sagt Leitl. Denn Fledermäuse sehen quasi mit ihren Ohren. Mit der sogenannten Echoortung. Hufeisennasen haben, das sagt schon der Name, einen Hufeisenförmigen Nasenaufsatz. Sie senden die Ultraschallrufe über die Nase aus. "Das hat den Vorteil, wenn man was im Mund hat, zum Beispiel ein Beutetier, kann man weiterhin die Echoortung machen", erklärt Leitl. Das Echo, das von der Umgebung zurückkommt trifft dann auf das Trommelfell und geht über den Hörnerv ins Gehirn. Dort entsteht ein Bild. "Obwohl die Tiere so klein sind, haben sie Gehirnleistungen, die sind unvorstellbar", sagt Leitl begeistert. Die Tiere können 230 Rufe pro Sekunde ausschicken und speichern so jede Nacht hunderttausende Bilder.

Ein Symbol für Glück

Fledermaus heißt auf Chinesisch Bian Fu und Fu heißt Glück. Die Fledermaus ist ein Symbol für Glück in China. Auch für Rudolf Leitl bedeuten Fledermäuse Glück. Als Gebietsbetreuer für Schutzprojekte im Landkreis Amberg-Sulzbacher ist er auch für die Großen Hufeisennasen in Hohenburg verantwortlich. Diese Aufgabe ist für ihn mittlerweile mehr als nur ein Job. In der Region ist der geborene Schnaittenbacher auch als "Fledermaus Rudi" bekannt. In der Zeit, in der er nicht schläft, ist er mit dem Erhalt der Natur und bedrohten Arten beschäftigt. "Ich hab mir schon mal überlegt, ob es nicht besser gewesen wäre, irgendeinen anderen Job zu machen, und die Natur weiterhin als Hobby hätte", sagt Leitl lachend. Aber wenn er abends auf einem Hochsitz hockt und die Fledermäuse bei der Jagd beobachtet, dann erfüllt ihn das mit Freude. "Fledermäuse sind Tiere der Extreme und der Superlativen. Sie haben bis zu 1100 Herzschläge pro Minute. Im Winterschlaf fällt dieser dann auf nur 10 Schläge pro Minute ab. Fledermäuse machen im Winterschlaf nur alle 90 Minuten einen Atemzug und sie können monatelang ohne Nahrung und ohne Trinken auskommen", erzählt Leitl.

Die letzte Kolonie in Deutschland

Eigentlich dachten Naturschützer jahrelang, die Großen Hufeisennasen seien ausgestorben. Das letzte bekannte Vorkommen wohnte im Schloss Schönbrunn im Altmühltal. 1988 erlosch diese Kolonie. Vier Jahre später, 1992, wurde in einem einsturzgefährdeten Bauernhaus in Hohnenburg, dem heutigen Fledermaushaus, eine Kolonie aus vierzehn Weibchen mit zehn Jungtieren entdeckt. Die Regierung der Oberpfalz kaufte daraufhin das Anwesen auf. Von 2009 bis 2011 wurde das Fledermaushaus dann aufwendig saniert. "Seit dem geht es steil bergauf mit unseren Hufeisennasen", sagt Leitl. Trotz des widrigen Wetters seien in diesem Jahr 470 Hufeisennasen gezählt worden.

Das Fledermaushaus am Rande des Naturparks Hirschwald wurde über die Jahre zum Besuchermagnet. "Es kommen sogar Leute aus dem Ausland um die Fledermäuse zu beobachten", sagt Leitl. Damit die Besucher die Fledermäuse auch tagsüber beobachten können, wurden bei der Sanierung des Gebäudes mehrere Infrarotkameras installiert. Rudolf Leitl kann die Kameras steuern und das Bild vergrößern. So haben der Naturschützer und Besucher beispielsweise auch die Möglichkeit live bei einer Fledermausgeburt dabei zu sein.

Idealer Lebensraum

Ein Grund warum die Großen Hufeisennasen gerade in Hohenburg überlebt haben, ist laut Leitl die Landschaft hinter dem Fledermaushaus. Vor allem der 16 000 Hektar große Truppenübungsplatz in Hohenfels. "Truppenübungsplätze haben ein Paradoxon. Hier übt der Mensch das Töten, aber für die Natur ist es das pure Leben", sagt Leitl. Auf dem Gelände gebe es mehr Tier- und Pflanzenarten als außerhalb. Das hänge in erster Linie damit zusammen, dass dort noch nie irgendwelche Pestizide verwendet wurden.

Auch die Waldränder rund um Hohenburg seien ideale Jagdgebiete für die Großen Hufeisennasen. Für die Tiere wurden dort extra Obstbäume gepflanzt und Steinhaufen errichtet. Im Rahmen des Artenschutzprojektes wird in Hohenburg das Rote Höhenvieh, eine spezielle Rinderart, extra für die Fledermäuse zum Grasen in den Wald getrieben. Diese naturnahe Rinderbeweidung sei wichtig, da bei einer konventionellen Tierhaltung sehr oft Entwurmungsmittel eingesetzt werden. "Im Kot von Rindern, die regelmäßig entwurmt werden, können sich keine Dungkäfer entwickeln", erklärt Leitl. Doch genau diese Dungkäfer seien eine wichtige Nahrungsquelle für die Hufeisennasen. Der Besitzer des Roten Höhenviehs setze deshalb keine Medikamente ein. Bis jetzt habe dieser laut Leitl noch keine Probleme mit Verwurmung gehabt. Die Rinder können sich auf den wechselnden Weiden immer die Kräuter suchen, die gut für ihre Gesundheit sind.

Von den Rindern profitieren nicht nur die Hufeisennasen. Durch die Beweidung im Wald bekommen die Bäume mehr Wasser. Das Rote Höhenvieh hält den Graswurzelfilz kurz. Dank der Rinder hat der Naturschützer dieses Jahr 14 Orchideenarten im Wald entdeckt. Und auf der Weide seien so viele Libellen-Schmetterlingshafter herumgeflogen, wie nie zuvor. Genau dieser Erfolg treibt Rudolf Leitl an.

Schwarzenfeld (Lkr. Schwandorf) und seine Umgebung sind für ihre Natur bekannt

Schwarzenfeld

Alpakas in Altenstadt

Altenstadt bei Vohenstrauß
Hintergrund:

Große Hufeisennase

Deutschlands am stärksten bedrohte Fledermausart.

  • Ist mit einer Länge von maximal sieben Zentimetern (ohne Schwanz) die größte europäische Hufeisennasenart.
  • Flügelspannweite von bis zu 40 Zentimetern
  • Charakteristisch für die Große Hufeisennase ist ihre Nase. Der vordere Teil erinnert an ein Hufeisen, worauf der Name zurückzuführen ist.
  • Großen Hufeisennasen gehören eigentlich gar nicht zu den normalen Fledermäusen, sondern sind mehr mit Flughunden verwandt.
  • Sie haben lange Beine. Mit denen können sie zwar nicht so gut krabbeln, dafür aber sehr gut Fliegen.
  • Große Hufeisennasen können bis zu 30 Jahre alt werden.
  • Mit ihrem Ultraschallrufen können sie Objekte auf bis zu 30 Meter wahrnehmen.
  • Die Große Hufeisennase frisst hauptsächlich Großinsekten: Große Käfer, Dipteren und Nachtfalter.
  • Deutschlands letzte Kolonie der Großen Hufeisennasen lebt in Hohenburg.
  • Durch die industrielle Landwirtschaft und den Einsatz von Pestiziden gibt es für sie immer weniger Nahrung.
ECHT.OBERPFALZ:

Serie: Besondere Menschen und Orte in der Region

Was macht die Oberpfalz so einzigartig? - Dieser Frage gehen die Volontäre von Oberpfalz-Medien auf den Grund. Anlässlich des diesjährigen Dreifach-Jubiläums im Medienhaus wollen sie die Vielfalt der Region würdigen. Sie suchen für die Serie "echt. Oberpfalz" nach besonderen Menschen, kreativen Köpfen, bunten Hunden, außergewöhnlichen Vereinen oder verrückten Traditionen, die unsere Heimat so einzigartig machen. Die Volontäre fahren einmal quer durch die Oberpfalz und machen Halt an berühmten und auch vielleicht nicht so berühmten Orten. Den Auftakt macht die Biodiversitätsgemeinde Tännesberg. Und es sollen noch viele weitere Städte und Gemeinden folgen. Bei Ihnen gibt es auch etwas Besonderes und Einzigartiges in Ihrem Heimatort? Dann schreiben Sie uns an jubi[at]oberpfalzmedien[dot]de. Vielleicht schauen unsere Volontäre auch in Ihrer Heimat vorbei.

"Truppenübungsplätze haben ein Paradoxon. Hier übt der Mensch das Töten, aber für die Natur ist es das pure Leben"

Rudolf Leitl

 

 

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