28.01.2021 - 00:41 Uhr
Oberpfalz

Hoffnung auf den nahen Frühling

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Mit dem Fest Mariä Lichtmess am 2. Februar endet die Weihnachtszeit. Im Königreich Bayern ist es bis 1912 ein hoher Feiertag. Die Mägde und Knechte wechseln an diesem Tag ihren Dienstherrn, bekommen ihr spärliches Jahresgehalt.

Der Bauer Karl Bürzer aus Hohenkemnath (geboren am 1. Juni 1903, gestorben am 6. September 1985) beim „Aufackern“ von „Kartoffelbifing“ (Kartoffelbeeten). Er arbeitete mit seinem Pferd mit Leidenschaft bis 1981. Die Aufnahme entstand 1977.
von Josef SchmaußerProfil

Mit dem Fest Mariä Lichtmess am 2. Februar endet der Weihnachtsfestkreis. Im Kirchenkalender steht an diesem Tag "Mariä Reinigung", einst ein viel begangenes Marienfest in den katholischen Landen. Seit der Liturgiereform von 1960 wird dieser Tag als "Fest der Darstellung des Herrn" begangen.

Das Neue Testament erzählt, dass der greise Simeon, der in Gebet und großer Hoffnung auf den Erlöser gewartet hatte, das göttliche Kind "ein Licht zur Erleuchtung der Heiden" nannte. Von dieser Freude soll auch in uns etwas spürbar werden. Das Licht spielt an Mariä Lichtmess eine große Rolle. Man lässt Kerzen und - heute eher selten - Wachsstöckln weihen und nimmt sie mit nach Hause, um sie bei besonderen Anlässen anzuzünden.

Der Lichtmesstag war im Königreich Bayern bis 1912 ein hoher Feiertag. Lichtmess war Anfang und Ende des Dienstbotenjahres. An Lichtmess war für die Mägde und Knechte Zahltag für das ganze Jahr. Nur an diesem Tag konnten die Dienstboten, einst auch "Ehhalten" genannt, ihren Arbeitsplatz wechseln, sie konnten "schlenkeln".

Das alte Bayern war bis in die 1960er Jahre stark bäuerlich geprägt. Für die Arbeitswelt war der Lichtmesstag von besonderer Bedeutung. Um diesen Tag hatten die Dienstboten ihre "Schlenkeltage", den einzigen "Urlaub" im Jahr. Diese paar arbeitsfreien Tage wurden auch "Kälberweil" genannt. Das alte Wort "kolbeln" heißt so viel wie "herumziehen, herumwandern". Nur an diesem Tag war ein Wechsel des Dienstboten-Verhältnisses möglich. Von den Dienstboten, die auf den Höfen blieben, wurde erwartet, dass sie während der "Kälberweil" das Füttern übernahmen.

Mädchen und Burschen aus entfernteren Höfen verbrachten die arbeitsfreien Tage daheim. Der Samstag nach Lichtmess war früher auch in Amberg ein Tag, an dem sich Mägde und Knechte trafen. Endlich konnte man einmal ein Kino besuchen. Man ging zum Tanzen, ein großer Taubenmarkt sorgte für Entspannung und für die Möglichkeit, Freunde und Bekannte zu treffen. In Schmidmühlen gab es die sogenannte Lichtmesskirchweih.

Nach Lichtmess fanden auf dem Land vor allem unter Dienstboten vielfach Hochzeiten statt, denn sie hatten jetzt das meiste Bargeld, die Feldarbeit hatte noch nicht begonnen. Geheiratet wurde früher oft an einem Dienstag.

Die Entlohnung der Dienstboten war alles andere als großzügig. Um 1930 bekam die "kleine Magd" auf einem Hof 200 Reichsmark im Jahr, die "große Magd" 300 Reichsmark. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde der Lohn dann teilweise schon monatlich ausbezahlt. Er betrug für eine Magd auf einem mittleren Hof 20 Reichsmark. Wurde eine Kuh verkauft, dann sprangen auf manchen Höfen für die Dienstboten je 5 Reichsmark heraus.

Mancher Bauer gab auch an der Allerweltskirchweih (dritter Sonntag im Oktober) einen Taler (5 Reichsmark) Zugeld. Sonst gab es nur an Weihnachten kleine Geschenke, wie ein "Vierder" (blauer Schurz), ein Hemd, eine Bluse oder Unterwäsche, eben "das Ausgemachte". An Michaeli (29. September) oder an St. Martin (11. November) wurde ein "Drangeld" von zirka 20 Reichsmark gezahlt. Nahm es der Dienstbote an, dann galt dies als Zusage, auch über Lichtmess hinaus auf dem Hof zu bleiben. Man nannte diese Vereinbarung auch "Leitkauf".

Manches Gespräch zwischen Knecht und Bauer sorgte schon vor Lichtmess für klare Verhältnisse. So fragte beim Mist breun (ausbreiten) der Knecht: "Du Baua, wou saan ma nou nächst Jouha an Howan (Hafer) hi?" Gab der Bauer auf diese Frage keine rechte Antwort, war dies auch eine klare Botschaft: Der Knecht hatte auf diesem Hof ausgedient. Auf großen Höfen wurden die neuen Dienstboten manchmal vom Bauern mit dem Fuhrwerk abgeholt. An diesem Tag gab es dann oft einen Festschmaus, Kraut und Fleisch.

Auf manchen Höfen wechselten die Dienstboten selten. 20 Jahre und mehr waren keine Seltenheit. Manche Dienstboten, wie Margaretha Lehmeier aus Stockau (die OWZ berichtete) verbrachte gar ihren Lebensabend bei ihren ehemaligen Dienstherrn.

Nicht jeder Wechsel klappte ohne Blessuren. So sagte einst ein Knecht: "Enger Kraut und enger Roum (Rüben) hom uns vatriebn! Hejt's (Hättet ihr) uns efta a G'reichats gebm, war ma nu blieb'n!" Der Bauer antwortete: "Klaub zam deine Hoddern, klaub zam deine Fleck! Iatz wird's bald hoißn: Von meim Hof mousst weg!"

Ein schönes Spottgedicht fand der Autor vor Jahren in einer oberbayerischen Heimatzeitung: Sagt der Bauer zum Knecht: "I sog dir's oamol, i sog dir's zwoamol, i sog dir's dreimol, a viertsmol sog ich dir's nimmer! Finf Wocha bis iatz dou, koane sechs Mork host ma vadejnt (verdient). Pack deine siebn Zwetschga, in acht Dooch kannst gejh! Um neine standst af, um zehne host nu nix g'orbat, owa vo elfi bis zwölfi mechast essn!" Sagt da Knecht zum Bauern: "Guat, vo elfi bis zwölfi mechat i essn! Owa um zehne kannst mir schou neimol am Buckl owirutschn! Acht Wocha bin i iatza dou, owa niert siebnmol host mi auszahln kinna, du sechseckerter Bauernfinfa! Um vejare mou i afstejh, bloß drei han uns zur Orwat, um zwoa gibt's nu nix zum Essn, I sog da oans: I gejh!"

Nach dem Heimatkundler Karl Winkler, einem Lehrer, heißt der Tag nach Lichtmess, der Blasiustag, "Zudientag", der nächste ist der Abziehtag.

Für nachgeborene Bauernsöhne ergaben sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts etliche Möglichkeiten, ihre Zukunft zu sichern.

  • Knecht beim Bruder ("die wahrscheinlich schlechteste Möglichkeit", merkt Karl Winkler an)
  • Knecht bei einem anderen Bauern
  • In einen anderen Hof einheiraten (zum Beispiel eine Witwe)
  • Selbst einen Hof erwerben ("dies schaffte mein Großvater")
  • Arbeit in der Industrie ("hier war Amberg eine sehr gute Adresse: Gewehrfabrik, Emailfabrik Baumann, Luitpoldhütte", so Karl Winkler)
  • Ein Handwerk erlernen ("dies ließen viele Bauern nicht zu, denn sie spekulierten mit der billigen Arbeitskraft der Söhne auf dem eigenen Hof")
  • Zu den Soldaten gehen
  • Geistlichkeit, zum Beispiel Kloster, Priester, Frater, Nonne
  • Auswandern nach Amerika ("ab 1860 sehr häufig")

"Viele Kinder und Jugendliche können sich heute nicht mehr vorstellen, dass sich schon Schulkinder und Heranwachsende verdingen mussten", berichtet Karl Winkler. "Sie nahmen Stellen als Hütebuben und Jungknechte an und mussten nicht selten das Elternhaus und das heimatliche Dorf verlassen. Ich habe als Zehnjähriger von August 1961 bis August 1962 auf einem Hof in Hohenkemnath als Hütebub gedient." "Trotz eines sehr guten Dienstherren" könne sich heute wohl kaum mehr ein Zehnjähriger die Arbeitsleistung ("Ranner abzejgln" = Rüben mit einem alten Messer vom Schmutz befreien, beim Ausmisten helfen, Stroh und Heu durch das Zugloch werfen und in die Ställe bringen) vorstellen, die noch vor 50, 60 Jahren von Kindern in der Landwirtschaft gefordert worden sei. "Wenn ich meinen Grundschülern hin und wieder von dieser Lebensphase erzählte, merkte ich an den ungläubigen Augen, dass sie meinten, ihr Lehrer wolle sie prüfen, ob sie Wahrheit und Schwank unterscheiden könnten."

Um Lichtmess herum werden die Tage spürbar länger. Die Freude über die zunehmende Helligkeit des Tages ist für den "modernen Menschen", der längst die Nacht zum Tag machen kann, nur noch schwer nachvollziehbar. Man denke nur an die schweren Winter und das spärliche Licht von Ölfunseln, Kienspänen und Kerzen. Die zunehmende Kraft der Sonne, die Hoffnung auf den nahen Frühling erfüllte die Menschen mit Freude und Dankbarkeit.

Die Geschichte der Magd Margaretha Lehmeier

Ursensollen
Hintergrund:

Bauernregeln zu Lichtmess

  • „Tagwachs, Schneewachs!“
  • „An Fabian und Sebastian (20. Januar), da fängt der Tag zum Wachsen an!“
  • „Lichtmess, dich grüß ich von Herzensgrund. ​ Du schenkst dem Tag eine ganze Stund’.“
  • „Ist’s an Lichtmess hell und rein, wird ein langer Winter sein. Wenn es aber stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit.“
  • „An Lichtmess, die Supp’ ich bei Tag ess!“
  • „Sonnt sich der Dachs in der Lichtmess-Woch’, geht er noch vier Wochen in sein Loch!“ (in Punxsutawney, Pennsylvania/USA, begeht man den 2. Februar als den „Tag des Murmeltiers“, den „Groundhog Day“, zu sehen im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“). (schß)

„An Weihnachten ein Hahnenschrei! An Neujahr ein Hahnentritt. An Dreikönig ein Mannerschritt! An Sebasti ein Hirschensprung! An Lichtmess a ganze Stund!“

Spruch über die Freude, wenn die Tage wieder länger werden

„Gell, dass das woasst! Fier uns zwoa is heia Lichtmess!“

Spruch des Bauern zu faulen und langsamen Knechten und Mägden

„Heit is a schöina Dooch, singen die Meis’n. Heint is da Lichtmessdooch, Wir müssen verreisen.“

Spruch zum Dienstboten-Wechsel am Lichtmesstag

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