22.11.2019 - 10:24 Uhr
HirschbachOberpfalz

Die Pickels aus Hirschbach und ihre Kaltblüter - ein Gespann fürs Leben

Vater und Sohn - Kutscher der eine, der andere Hufschmied. Gerhard und Andreas Pickel aus Hirschbach arbeiten mit Pferden und für Pferde. Dabei sind sie viel unterwegs, der Sohn in Nordbayern, der Vater in ganz Deutschland.

von Helga KammProfil

Die Kaltblüter daheim im Anwesen in Hirschbach haben ganz sicher zur Berufswahl von Andreas Pickel (24) beigetragen, denn er ist schon immer gut ausgekommen "mit den Viechern". Auch sei er gern unter Leuten und ebenso gern unterwegs, denn: eine Schmiede gibt es bei ihm nicht. 2016 hat Pickel Junior die Schmiedemeisterprüfung im Staatsgestüt Schwaiganger bestanden als einer der Jüngsten seines Faches. „Sein Meisterstück, ein Dutzend verschiedene Hufeisen, haben wir daheim an der Wand“, erzählt der stolze Vater Gerhard. Nach einer Lehre als Automechaniker begab sich Andreas unter die Fittiche von Werner und Martin Stubenvoll. Die Schmiedemeister in Sorghof brachten ihm in zwei Jahren das nötige Rüstzeug für den angestrebten Beruf bei. Es folgten vier Monate Abschlusskurs in Schwaiganger und die Prüfung, da war der junge Mann gerade 21 Jahre alt.

Als reisender Schmied unterwegs

Als reisender Schmiedemeister baute er sich durch Begegnungen in Reitställen und Mundpropaganda schnell einen Kundenstamm auf. „250 Reitställe und Privatleute im Umkreis von rund 50 Kilometern besuche ich seit drei Jahren regelmäßig“, erzählt Andreas, „denn meine Klienten, müssen alle vier bis sechs Wochen beschlagen werden“. Ponys, Reitpferde und Kaltblüter sind darunter, „natürlich unsere eigenen auch“, fügt Vater Pickel an. Bei seinen Besuchen, zwei bis sechs sind es am Tag, muss der Schmiedemeister sein komplettes Handwerkszeug dabeihaben: den Amboss, den mit Gas betriebenen Schmiedeofen und den Bandschleifer, mit dem die scharfen Kanten der Hufeisen geglättet werden. Auch die Bohrmaschine für die Hartmetallstifte, die im Huf die Trittsicherheit erhöhen, braucht er. Außerdem das Gewindeschneideisen, Verbandsmaterial, Einlagen, Polster und anderes mehr. Dann geht es an die Arbeit. „Für das komplette Beschlagen der vier Hufe eines Pferdes brauch ich so 80, 90 Minuten“, beschreibt Andreas seine Arbeit, „wenn es keine Probleme gibt“.

Ob es Probleme gibt, sieht der Schmiedemeister am Bewegungsablauf des Tieres. Wenn es lahmt kann das Folge einer Vorerkrankung sein, eine Entzündung, ein Abszess. Mit einer speziellen Zange wird der Huf untersucht und dann zugeschnitten. Was sagen die Pferde dazu? „In 90 Prozent der Fälle lassen sie mich das gern machen“, sagt der Schmiedemeister, aber es gibt auch welche, die schlagen aus, steigen, springen oder beißen. Ein paar Pferde habe ich, da muss der Tierarzt dabei sein, die brauchen Beruhigungsmittel“. Andreas Pickel mag seine Pferde, seine Arbeit beschert ihm viele schöne Erlebnisse. Da erzählt er vom Pauli, dem besonders braven und gelassenen Pferd einer Familie in der Umgebung von Amberg. "Der lässt sich von der fünfjährigen Sophie am Seil zu mir führen und sie darf sogar seine Beine zum Beschlagen hochhalten. Pferd und Kind vertrauen einander.“ Aber auch eine brenzlige Situation hat er erlebt. Bei seiner Arbeit unter einem Pferd ist dieses, an der Schlafkrankheit Nakolepsie leidend, eingeschlafen und auf ihn gefallen. „Beim Aufwachen, war es verwirrt und schlug um sich, Gott Lob ist mir nichts weiter passiert“.

Gerhard Pickel ist stolz auf seinen Sohn. Auch in seinem Familienbetrieb in Hirschbach arbeitet der Junior mit, wenn Not am Mann ist und die Zeit es erlaubt. Fünf Pferde im Alter von vier bis 18 Jahren hat der 50-jährige Vater in seinem Stall. Es sind allesamt Kaltblüter der Rasse Hannoveraner, Stockmaß 177, fuchsfarben. „Sanfte Riesen sind das mit einem hohen Körpergewicht und einem ruhigen Gemüt“, beschreibt sie ihr Besitzer. Ihr Fell, ihre Mähnen und ihr Schweif sind sehr dick, die Fesseln mit einem üppigen Behang. „Sie alle sind umgänglich, intelligent und zuverlässig“, lobt Pickel-Senior seine Prachtstücke. Das müssen sie auch sein, denn sie alle sind Kutschpferde. Sie ziehen Kutschen, Schlitten, Feuerwehrspritzen und hin und wieder sogar einen Leichenwagen und werden bestaunt und bewundert, wo immer sie im Einsatz sind.

Kaltblüter aus Hirschbach beim Karneval

„Es waren schon einmal mehr als zwölf Kaltblüter, aber das rechnet sich nicht mehr“, sagt der Unternehmer, „zu viele Vorschriften, zu wenig Nachwuchs“. Die Stuten Fabi und Heidi, der Wallach Maxl und die beiden Hengste Wastl und Sigi stehen im Stall des ehemaligen landwirtschaftlichen Anwesens, den Pickel nach EU-Normen umgestaltet hat. Heu und Gras baut er auf eigenen Flächen an, Treber, Gras-Cops und Hafer für seine Pferde kauft er zu. Im Einsatz sind seine Tiere rund ums Jahr bei verschiedenen Anlässen. Immer dabei ist Hans Ertl (68) aus Niederärndt, den Pickel seinen besten Fahrer nennt. Zusammen sind sie seit Jahren bei den Rosenmontagsumzügen im Rheinland dabei, lassen in Köln Postmeisterwagen ziehen und in Bonn den Bagagewagen der Stadtsoldaten. Sie besuchen den Berchinger Rossmarkt, werden ins Freilandmuseum Neusath-Perschen gerufen, wenn für den Heuwagen oder Holzwagen Pferdegespanne gebraucht werden. Pickels Rösser ziehen bei Feuerwehrfesten eine alte Spritze aus dem Jahr 1903, transportieren 30 Meter lange Bäume bei Kirwan im Landkreis, sind auf Weihnachstmärkten und Erntedankumzügen dabei, bei Mittelalterfesten und auch beim Leonhardiritt in Schrobenhausen. „Natürlich geputzt, gestriegelt und im besten Geschirr, da stellen sie schon was dar“, beschreibt ihr Herr die Auftritte. Für den Transport der Tiere und der Gefährte ist Pickel bestens ausgerüstet mit Kaltblut-Anhängern und einem Tieflader für die Kutschen, Wagen und Geräte.

"Neun Jahre lang war ich der Postillion am Nürnberger Christkindlesmarkt“, erinnert sich der Hirschbacher. „Heute sind Pferdekutschen da leider nicht mehr erlaubt.“ Beerdigungen mit dem historischen Leichenwagen, Hochzeiten in der mit rotem Samt gepolsterten Viktoria-Kutsche, den mit Fässern beladenen Bierwagen - es gibt quasi nichts, was Gerhard Pickel und seine Rösser nicht zu einem exklusiven Ereignis macht. Das schätzen auch die Bewohner der Behinderteneinrichtung von Karin Herbst in Pruppach, die regelmäßig Planwagenfahrten unternehmen dürfen. „Du bist überall gern gesehen, denn Kaltblüter sind mittlerweile dünn gesät“, weiß Pickel. Die Hochzeiten liebt er, aber auch die Kinder, die fragen: „Darf ich den mal streicheln?“ Sie sind dankbar, sagte er, „und dann hock' ich sie rauf auf die Kutsche oder auf das Pferd“.

Andreas, der Schmiedemeister, schaut ruhig in die Zukunft. Seinen Beruf sieht er nicht in Gefahr, „denn der weit verbreitete Reitsport braucht den Hufschmied“. Die Kaltblüter aber, das weiß sein Vater, stehen auf der Liste der gefährdeten Nutztierrassen. Seit die Landwirtschaft immer mehr Maschinen und Traktoren benützt, werden diese Rösser nicht mehr gebraucht. Ihr Einsatz als Helfer des Bauern beim Pflügen, als Rückepferd in der Forstwirtschaft und noch früher als Kriegspferd, das den Ritter samt seiner schweren Rüstung tragen konnte, ist Vergangenheit. Bleiben nur die besonderen Anlässe, für die die Tiere ausgebildet sind und die vielen Menschen Freude machen, hoffentlich noch recht lang.

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