27.01.2021 - 17:31 Uhr
HirschauOberpfalz

Autounfall vor 90 Jahren: AKW-Gründer Georg Schiffer tödlich verunglückt

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Es gab nur wenige Hirschauer, die in den 1920er- und 1930er-Jahren ein Auto besaßen. Einer von ihnen war Georg Schiffer, der Gründer der Amberger Kaolinwerke. Sein Leben fand am 28. Januar 1931 in eben einem solchen ein jähes Ende.

Schräg gegenüber dem Anwesen Pfab (1. Gebäude links) stand das Kassenhäuschen des Pflasterzolleintreibers Luber, bei dem der Knecht zahlte, während sein Pferd alleine weiter ging. Nach gut 100 Metern kam es in der Nürnberger Straße zu dem für Georg Schiffer (mit Spazierstock) tödlichen Unfall. Zur Orientierung: Mittleres Gebäude = Kaufhaus Geiß/heute Physiotherapie Stenger, rechts daneben: Frisörladen Staudigl und Bäckerei Schneider, heute Heuberger.
von Werner SchulzProfil

Georg Schiffer war der Gründer und Chef der Amberger Kaolinwerke. Heute vor 90 Jahren starb er bei einem tödlichen Autounfall. Paul Freimuth fertigte darüber im November 2005 ein Gedächtnisprotokoll, das er Stadtheimatpfleger Sepp Strobl zur Verfügung stellte: „Am Abend des 28. Januar 1931, es war schon dunkel, passierte der Knecht des Bauern Pongratz (Zimmermann) aus Steininglohe mit einem Pferdefuhrwerk das Kassenhäuschen des Pflasterzolleintreibers Thomas Luber. Das Häuschen, eine einfache Bude aus Holz, befand sich ungefähr auf Höhe des (1968 abgebrochenen) Höflerstadels (am Pfab-Eck, Einmündung zur Kolpingstraße). Luber forderte ihn auf, seine 10 Pfennig Zoll zu entrichten. Wie damals ohne Weiteres üblich ging das Pferd alleine weiter, während der Knecht bezahlte.

In der Nürnberger Straße kam ihnen in einer leichten Linkskurve bei Hausnummer 13 (Wisgickl) gegenüber dem Carl-Keller ein Auto aus Richtung Amberg entgegen. Der Chauffeur des Fahrzeuges war Michael Rösch (Hausname Kannerl), Werkmeister bei den Amberger Kaolinwerken. Neben ihm saß der Fabrikbesitzer Georg Schiffer.

Wahrscheinlich scheuten die Pferde, die Deichselkette riss ab und die Deichsel durchstieß die Scheibe des Autos. Sie drang oben beim Dach des Fahrzeugs wieder aus. Sie traf Georg Schiffer so unglücklich am Kopf, dass er an den Folgen seiner Verletzung starb. Die Pferde hatten sich laut Zeugen an den Nüstern verletzt und bluteten.“

Leben und Werk

Geboren wurde Georg Schiffer am 15. Juni 1864 in Neustadt a.d. Haardt. Sein Vater war 1848 in die USA ausgewandert, hatte sich zum Teilhaber einer großen Brauerei in Louisiana emporgearbeitet und kehrte um 1862 als reicher Mann in seine Heimat zurück. Georg Schiffer soll mit 16 Jahren – ohne seine Angehörigen zu verständigen – das Elternhaus verlassen haben, er schiffte nach Amerika ein und musste bei der Landung feststellen, dass man ihm seine Habseligkeiten gestohlen hatte. In der Neuen Welt kämpfte er sich als Schuhputzer, Tellerwäscher, Cowboy, Schafzüchter, Getreidehändler und schließlich als Leiter eines Goldbergwerks in Kolumbien durch. Die Malaria zwang ihn 1866 zur Heimkehr.

Weil ihm wegen seiner Krankheit ein Aufenthalt in frischer, rauer Luft empfohlen wurde und der Familie Schiffer als Aktionär der Pfälzischen Chamotte- und Tonwerke Schiffer & Kircher das Ton- und Kaolinvorkommen in der mittleren Oberpfalz bekannt war, kam Georg Schiffer um die Jahrhundertwende nach Hirschau. Nach sorgfältigen Erkundungen gründete er am 29. März 1901 mit vier finanzstarken Teilhabern die Amberger Kaolinwerke, die er am 7. Mai 1901 mit einem Grundkapital von 100.000 Mark in das Handelsregister eintragen ließ. Zu der Bezeichnung kam es, weil Schiffer zu dieser Zeit in Amberg wohnte und er dort sein Büro errichten wollte. Zudem konnten sich die Kunden leichter orientieren, da Amberg als alte Eisenstadt bekannt war.

Aufbau der Amberger Kaolinwerke

Schon bald begann Schiffer mit Planung und Aufbau der ersten einfachen Betriebsanlagen, dafür stand ihm nur eine kleine Belegschaft zur Seite. Seine Mitarbeiter waren nicht entsprechend ausgebildet und wurden erst im Umgang mit den Maschinen geschult. Maschinen, die Schiffer teilweise erst entwickeln ließ. Die Firma stellte sich von Anfang an auf Großversand ein, zumal die Bahnstrecke Amberg-Schnaittenbach seit 1898 in Betrieb war. Schiffer kaufte rund 80 Hektar Felder und sicherte das Unternehmen durch Bohrungen in bis zu 40 Meter Tiefe. Er errichtete großräumige Fabrikgebäude zur Aufbereitung des Rohkaolins in Kaolin, Feldspat und Quarz für den Versand.

Mancherorts sei der Firma der Bankrott prophezeit worden. Schiffer aber hätte mit seiner Tatkraft sowie seinem technischen und kaufmännischen Können alle Hindernisse und Fehlschläge überwunden. Er wurde der Pionier der modernen Kaolinindustrie und nach dem 1. Weltkrieg Vorsitzender des Deutschen Kaolinkontors in Dresden. Innerhalb zweier Jahrzehnte wurden die AKW zum bedeutendsten und fortschrittlichsten Betrieb dieser Art. Bald nach 1920 bewegten in der rasch größer werdenden Grube Bagger und Lokomotiven die Erdmassen, eine 450-PS-Dampfmaschine lieferte die Betriebskraft.

1926, zum 25. Betriebsjubiläum, rollten bei 250 Beschäftigten 100.000 Tonnen Versandgut ins In- und Ausland. Immer weiter wurde der „Schifferbau“ (im Hirschauer Slang „Schieferbau“) vergrößert. Der Freistaat Bayern verlieh Georg Schiffer für sein erfolgreiches Schaffen 1926 den Titel eines Kommerzienrates.

Großes Ansehen im Ort

Bei den Hirschauern genoss er den Überlieferungen nach hohes Ansehen. Standesdünkel habe er nicht gekannt und jeden einfachen Mann respektiert. Er galt als tolerant und gab als Protestant eine großzügige Spende zur Beschaffung der Glocken für die katholische Pfarrkirche, auch zum Bau der evangelischen Kirche leistete er einen großen finanziellen Beitrag.

1908 hatte er in Hirschau das Bürger- und Heimatrecht erworben. Mehrere Jahre war er bis zur Revolution am Ende des 1. Weltkriegs Magistratsrat. 1921 heiratete er seine um 32 Jahre jüngere, aus Enzisweiler bei Lindau stammende Frau Franziska. Die Ehe blieb kinderlos. 1923 bezog er die an der Schnaittenbacher Straße (heute Georg-Schiffer-Straße) errichtete Villa mit Garten und Tennisanlage.

Schon 1905, als Autos in der Oberpfalz noch rar waren, fuhr Georg Schiffer einen Wagen, ab 1911 besaß er zwei. Der Autounfall am Abend des 28. Januar 1931 setzte seinem Schaffen ein jähes Ende.

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