07.05.2021 - 12:12 Uhr
Guttenberg bei KemnathOberpfalz

Zweiter Weltkrieg mit den Augen eines Neunjährigen Guttenbergers

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Geschichtsbücher vermitteln Wissen über historische Ereignisse mithilfe von Jahreszahlen und Fakten. Zeitzeugen dagegen berichten von persönlichen Erfahrungen. Alois Schraml aus Guttenberg erinnert sich an den Zweiten Weltkrieg.

Neun Jahre alt war Alois Schraml bei Kriegsende. Heute, über ein Dreivierteljahrhundert später ist er 85. Es sind keine großen Geschichten, die er über die Zeit damals erzählt. Eher Bruchstücke, die er aus seiner Erinnerung hervorkramt
von Christa VoglProfil

Diesen Samstag vor 76 Jahren ging der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands zu Ende. Umfassende Informationen über das Kriegsgeschehen halten Geschichtsbücher und Chroniken bereit. Systematisch gegliedert und übersichtlich wird dort detailliert der Ablauf beschrieben: Vorgeschichte, Kriegsziele, Kriegsführung, Achsenmächte, Alliierte, der Holocaust, die strategischen und politischen Aspekte, Folgen.

Doch es gibt auch noch den Krieg abseits von Geschichtsbüchern, abseits von bloßen Fakten, Zahlen und Schlachten. Die Rede ist von den persönlichen Erfahrungen der Menschen, die den Zweiten Weltkrieg er- und überlebt haben. Wobei nicht nur Erwachsene Zeitzeugen sind. Auch Kinder, die die Kriegsjahre gut behütet in ihren Familien erlebten, haben lebhafte Erinnerungen an diese Zeit. Neun Jahre alt war Alois Schraml aus Guttenberg damals bei Kriegsende. Heute ist er 84. Es sind keine großen Geschichten, die er über die Zeit damals erzählt; es sind eher Bilder, Bruchstücke und kurze Episoden, die er aus seiner Erinnerung hervorkramt.

Angst vor Tieffliegern

Dazu gehören der tägliche Fußmarsch zur Schule in den Nachbarort mit den anderen Dorfkindern, die Angst vor den Tieffliegern sowie Stauden und Hecken am Wegesrand, in denen sich die Kinder vor diesen versteckten. Aus der Schulzeit weiß er noch den Hitlergruß zu Unterrichtsbeginn und die Verbannung der Christus-Kreuze aus den Klassenzimmern. Nicht vergessen wird Schraml auch den Militärlaster, der auf dem Weg nach Flossenbürg im Dorf gehalten hat und auf dessen Ladefläche Juden eingepfercht waren. Vom Kirchenrangerl aus beobachteten die Kinder neugierig das Geschehen. Eine Großmutter wollte den Juden gekochte Kartoffeln bringen. Ein Mann lag bereits wie tot auf der Ladefläche des Lkw. Auf die anderen schlugen Soldaten mit Gewehrkolben ein, um sie am Essen zu hindern.

Die deutschen Soldaten, die durch das Dorf marschierten und auf ihrem Weg in den Osten "Heim ins Reich, ins Vaterland" sangen, die Petroleumlampen und das erste elektrische Licht im Dorf, die Angst der Erwachsenen vor der Gestapo und dem Arbeitslager, die vom Volkssturm mit massiven Baumstämmen gebauten Panzersperren, die Angst vor den Russen und die Schützengräben, in denen die Kinder spielten - all diese Bilder ziehen noch immer vor Schramls geistigem Auge vorbei.

Mit 15 Jahren zum Militärdienst

Die Menschen, die den Nationalsozialismus unterstützten, sprachen damals von "notwendigem Blutzoll", als ihre Söhne im Krieg fielen. Von den Eltern, vom Lehrer und Pfarrer musste sich auch ein 15 Jahre alter Junge aus dem Dorf verabschieden, der zum Militärdienst eingezogen wurde. Bauern waren verpflichtet, bestimmte Mengen an Lebensmitteln zu abzuliefern. Um heimliches Mahlen zu unterbinden, war die Schrotmühle verplombt. Wer ein eigenes Schwein schlachten wollte, benötigte einen Schlachtschein. Weil es an allem mangelte, wurden schließlich Bezugsscheine eingeführt.

Wie Schraml erzählt, mussten Grubenholz zum Bau von Unterständen für die Soldaten geliefert und Ochsen an das Militär abgegeben werden. Jeden Sonntag nach dem Gottesdienst übte der Volkssturm. Eine Panzerfaust, die dabei versehentlich explodierte, verletzte mehrere Menschen. Lastkraftwagen einer Militärkolonne, die ganz in der Nähe des Dorfes von Tieffliegern angegriffen wurden, brannten aus. Das verbindet der 84-Jährige immer noch mit Rauchsäulen und einem tiefen Bombenkrater.

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Als dann die Amerikaner ankamen, wurden weiße Fahnen als Zeichen der friedlichen Aufgabe rausgehängt. Den Kindern schenkten die US-Soldaten Süßigkeiten. Der Bürgermeister übergab ihnen die Gemeinde. Aus Maschinengewehren der amerikanischen Soldaten peitschten Salven bei der Suche nach versteckten SS-Leuten. Schraml kann sich an die Angst der Menschen vor den US-Soldaten und an deren Jeeps erinnern. Bei der Durchsuchung der Häuser nach Waffen entdeckten sie im Elternhaus einen alten Vorderlader, den sie kopfschüttelnd in eine Ecke warfen. Nachdem die Amerikaner das Dorfwirtshaus besetzt hatten, zog die Wirtsfamilie in ein altes Gebäude im Hinterhof. Schließlich erreichten Flüchtlinge aus dem Osten das Dorf. Sie wurden bei den Familien einquartiert. Es kam der Hunger der Flüchtlinge, Speck und die -schwarten waren entsprechend wertvoll.

Die Erinnerung an die Zeit nach dem Krieg prägen aber auch die Suchaktionen des Roten Kreuzes zur Zusammenführung der getrennten Familien, die vielen toten Soldaten und das Glück derer, die den Krieg überlebt haben.

Hintergrund:

Zur Person: Alois Schraml

Alois Schraml wurde 1937 in Guttenberg, einem kleinen Dorf in der Nähe von Kemnath, geboren. Er wuchs zusammen mit drei Brüdern auf dem elterlichen Bauernhof auf und führte die Landwirtschaft später als Hoferbe weiter. Inzwischen hat Alois Schraml den landwirtschaftlichen Betrieb in die Hände seines Sohnes gelegt und genießt zusammen mit seiner Frau den gemeinsamen Lebensabend.

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