23.11.2020 - 13:47 Uhr
Guttenberg bei KemnathOberpfalz

Arnika findet neues Zuhause: Verein Naturpark Steinwald startet Artenhilfsprojekt

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Im Frühjahr startete der Verein Naturpark Steinwald einen Aufruf zum Artenhilfsprojekt Arnika. An die zehn Interessenten meldeten sich. Auf zwei Wiesen in der Nähe von Guttenberg wurden jetzt Jungpflanzen ausgebracht.

Die beiden Steinwaldranger Jonas Ständer und Marie Wittmann treffen sich mit Landschaftsplanerin Susanne Ullmann-Wiesend auf einer kleinen Waldwiese bei Guttenberg. Mit im Gepäck: einige Paletten mit jungen Arnikapflanzen.
von Christa VoglProfil

Ein kühl-feuchter Novembermorgen am Rande des Steinwalds: Auf einer kleinen Wiese in der Nähe von Guttenberg hat Susanne Ullmann-Wiesend ihr Auto abgestellt und öffnet die Klappe des Kofferraums. Der Blick fällt auf vier Anzuchtpaletten mit Jungpflanzen: unauffällige Gewächse mit bodennahen Rosetten und lanzenförmigen Blättern. In dem Moment, als die Landschaftsplanerin aus Kulmain die erste Palette herausnimmt, treffen auch ihre Projektkollegen, die beiden Naturparkranger Jonas Ständer und Marie Wittmann, ein. Der Wagen hält neben einem etwas in die Jahre gekommenen Jägersitz am Rande der Wiese, die von dichtstehendem Mischwald umgeben ist. Eine kurze Begrüßung, die leichten Schuhe werden durch Gummistiefel ersetzt. Jetzt fehlt nur noch der Spaten aus dem Kofferraum, dann kann es endlich losgehen: Heute werden die selbstgezogenen Arnika-Setzlinge ins Freie gepflanzt.

Doch von einer Pflanzung „ganz einfach ins Freie“ kann im vorliegenden Fall nicht die Rede sein: Immerhin stellt die Echte Arnika (botanisch Arnica montana), eine alte Heilpflanze, die mittlerweile auf der Roten Liste steht, durchaus konkrete Ansprüche an den Boden und ihre künftige Umgebung. Was sie nicht mag: zu starke Düngung, intensive Bewirtschaftung, mehrmalige Mahd. Was sie dagegen schätzt: saure Böden, nährstoffarme Wiesen- und Waldränder oder sonnige Magerwiesen mit später Mahd. Allerdings darf der Bewuchs nicht zu dicht sein, denn die Arnika ist eher konkurrenzschwach und wird oft von anderen starkwüchsigen Pflanzen verdrängt.

Aufruf im Frühjahr

Um zu erfahren, wo es im Naturpark Flächen mit genau diesen Eigenschaften gibt und wo Flächeneigentümer gleichzeitig auch Interesse an der Wiederansiedlung dieser Pflanze zeigen, wurde im Frühling vom Verein Naturpark Steinwald ein Aufruf gestartet: „Arnika sucht neues Zuhause“. Grundbedingungen waren dabei die Lage der Fläche innerhalb des Naturparks Steinwald und eine Zweckbindungsfrist von fünf Jahren.

Erfreulicherweise meldeten sich um die zehn Interessenten, allerdings kamen einige Vorschläge nicht in die engere Wahl, weil die entsprechenden Fördervoraussetzungen fehlten oder sich die Grundstücke nicht eigneten. Auch aus Guttenberg zeigten drei Flächeneigentümer Interesse an dem Projekt, zwei der vorgeschlagenen Standorte wählte das Team um die Landschaftsplanerin bereits für die diesjährige Herbstpflanzung aus. Das Schöne daran: Auf einer der Wiesen gab es bereits früher große Bestände an Arnika. Damit kann die zweite Wiese zwar nicht punkten, erfüllt aber ansonsten alle notwendigen Bedingungen und scheint ideal für eine Neuansiedlung.

Im Dorf selbst ist die Erinnerung an die Zeit, als man Arnika sammelte, durchaus noch vorhanden. Allerdings war die Pflanze, die je nach Gegend viele verschiedene Namen trägt, nicht als Arnika, sondern als Johannisblume bekannt, im Dialekt ist die Rede von „Khannesblumen zupfen“.

Die Oma schickte mich im Sommer zum Pflücken der Blumen auf unsere Wiese oben am Wald. Sie setzte die Arnikablüten mit Spiritus an und verwendete dann die Tinktur bei Prellungen oder Blutergüssen.

Hans Dumler

Auch die Guttenberger Hans Reindl und Hans Dumler, deren Grundstücke für die Herbstpflanzung herangezogen wurden, erzählen davon, dass noch in den 1980er Jahren die Johannisblume auf bestimmten Wiesen blühte: „Die Oma schickte mich im Sommer zum Pflücken der Blumen auf unsere Wiese oben am Wald. Sie setzte die Arnikablüten mit Spiritus an und verwendete dann die Tinktur bei Prellungen oder Blutergüssen. Die gab es früher öfter bei den Arbeiten auf dem Hof oder beim Melken und Füttern der Kühe“, erzählt Hans Dumler rückblickend. Und auch Hans Reindl, der ebenfalls aus einem landwirtschaftlichen Betrieb stammt, erinnert sich noch gut an die Zeit: „Diese Wiese, auf der es damals die vielen Johannisblumen gab, war etwas Besonderes: Sie war nicht drainiert, der Boden war etwas wellig und uneben, das Vieh wurde dort gehütet und sie wurde nur einmal im Jahr gemäht.“ Allerdings, so Reindl, gab es im Zuge der Flurbereinigung dann auch hier große Veränderungen: Die Anlage von Drainagegräben, die Einebnung der Fläche, das Umpflügen der Fläche, die komplette Neuansaat der Wiese. Die Folge: „Danach gab es an dieser Stelle keine Johannisblumen mehr.“

Diese Wiese, auf der es damals die vielen Johannisblumen gab, war etwas Besonderes: Sie war nicht drainiert, der Boden war etwas wellig und uneben, das Vieh wurde dort gehütet und sie wurde nur einmal im Jahr gemäht.

Hans Reindl

Inzwischen haben sich die drei jungen Leute auf den Weg zum Zentrum der Wiese gemacht: An einer lückigen Stelle stößt Ständer den Spaten in das feuchte Erdreich und hebt ein kleines Pflanzloch aus. Wittmann und Ullmann-Wiesend setzen vorsichtig zwei der kleinen Rosetten in die Mulde, füllen mit Mutterboden auf und klopfen die Erde rund um die Pflänzchen fest. Während weitere Löcher folgen, wird auf einem Blatt die Anzahl der gesetzten Arnika-Pflanzen notiert und Jonas Ständer speichert die GPS-Daten des genauen Pflanzorts ab.

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Friedenfels

„Das ist wichtig für die weitere Betreuung“, sagt Susanne Ullmann-Wiesend. Denn nach der Pflanzung werden die jungen Setzlinge nicht einfach sich selbst überlassen. „Der Herbst ist die ideale Zeit für die Auspflanzung, auch wegen der Feuchtigkeit. Nächstes Jahr werden wir aber noch regelmäßig nach ihnen schauen. Denn wenn es sehr trocken ist, müssen wir sie vielleicht ab und zu mit Wasser versorgen. Spätestens nach dem nächsten Sommer müssen sie allerdings selbst zurechtkommen, dann müssen sie es alleine schaffen.“ Und mit den GPS-Daten sei es eben sehr einfach, den Standort der verschiedenen Pflanzungen – auch die aus den Vorjahren - wiederzufinden.

Der Herbst ist die ideale Zeit für die Auspflanzung, auch wegen der Feuchtigkeit.

Susanne Ullamnn-Wiesend

Denn das Projekt mit dem etwas sperrigen Namen „Maßnahmen zur Stützung und Förderung des Bestandes der Arnika im Naturpark Steinwald“ ist kein neues Programm, es existiert bereits seit 2009. Eine Erfolgsgeschichte? Landschaftsökologin Susanne Ullmann-Wiesend, die seit vier Jahren das Vorhaben betreut, sagt dazu: „Es werden seit zehn Jahren Jungpflanzen ausgebracht und es funktioniert gut. Aber trotzdem ist es manchmal so, dass die ausgepflanzten Arnika-Setzlinge an bestimmten Standorten nicht gedeihen und wieder verschwinden, obwohl die Bedingungen von uns aus gesehen optimal sind.“ Und leider gebe es auch Stellen im Steinwald mit „ursprünglichem Arnikavorkommen“, an denen der Bestand nach wie vor zurückgeht.

Bestimmte Eigenschaften entwickelt

Jonas Ständer, der gerade das letzte Pflanzloch ausgehoben hat, bestätigt die Aussage seiner Kollegin und weist auf die besondere Wichtigkeit dieser ursprünglichen Vorkommen hin, aus deren Samen die Jungpflanzen für die Wiederausbreitung gezogen werden. „So ungefähr 20 solcher Stellen gibt es noch im Steinwald“, sagt Ständer und erklärt auch gleich, warum es so wichtig ist, Arnika-Saatgut aus der Region zu verwenden – also von Pflanzen aus dem Steinwald: „Die Arnikapflanze hat im Laufe der Zeit genau für diesen Standort bestimmte Eigenschaften entwickelt, sie ist also genetisch auf den Steinwald angepasst, der Fachbegriff heißt ‚autochthon‘“. Mit gebietsfremdem Saatgut würden diese Eigenschaften allerdings sehr schnell verloren gehen.

Doch warum der große Aufwand? Und warum gerade die Echte Arnika? „Wir haben hier in Deutschland eine besondere Verantwortung für diese Pflanze“, erklärt dazu Susanne Ullmann-Wiesend. "Deutschland ist ein Verbreitungsschwerpunkt. Wenn wir uns also nicht um den Erhalt dieser Pflanze kümmern, dann schaut es um ihren Fortbestand sehr schlecht aus.“

Inzwischen ist die Pflanzpalette leer. Die letzten GPS-Daten werden aufgenommen und eine kleine Zeichnung angefertigt mit Infos zur Größe und Anzahl der Pflanzen. Während die Landschaftsplanerin den übriggebliebenen Boden zerbröselt und auf der Fläche verteilt, erklärt sie, dass gerade offene Bodenstellen zum Keimen der Samen immens wichtig sind für die Wiederausbreitung der Arnika. Und dass früher durch die Beweidung mit Rindern und den damit verbundenen oft sehr tiefen Hufspuren auf natürliche Weise Aussamungsstellen und Keimbetten geschaffen wurden. Und dass genau solche Stellen heute oft fehlen.

Die Arnikapflanze hat im Laufe der Zeit genau für diesen Standort bestimmte Eigenschaften entwickelt, sie ist also genetisch auf den Steinwald angepasst, der Fachbegriff heißt ‚autochthon‘.

Steinwaldranger Jonas Ständer

Auf dem Weg zurück zum Auto mit Klemmbrett, Spaten und der leeren Pflanzpalette fällt auf, dass die kleine Waldwiese nicht nur von Rehen als ruhiger Äsplatz genutzt wird. Auch Wildschweine haben an mehreren Stellen markante Spuren hinterlassen: Auf der Suche nach Engerlingen und schmackhaften Wurzeln haben sie die Grasnarbe aufgerissen, die oberste Bodenschicht liegt offen und feinkrümelig da. Der Landwirt, der die Fläche bewirtschaftet, wird bei dem Anblick der vielen Wühlstellen bestimmt nicht begeistert sein. Die Arnikapflanzen und besonders ihre Samen wird‘s dagegen freuen.

Info:

Die Arnika steht unter Naturschutz und darf auf keinen Fall gepflückt oder ausgegraben werden. Auf Wikipedia wird die Pflanze folgendermaßen beschrieben:

  • Die Echte Arnika erreicht Wuchshöhen von 20 bis 60 Zentimetern. Der drüsenhaarige Stängel ist einfach oder höchstens wenigästig verzweigt und besitzt meist ein bis zwei, selten drei gegenständige Paare Laubblätter. Die Grundblätter sind in Rosetten angeordnet und eiförmig bis lanzettlich und ganzrandig.
  • Arnikablüten wirken entzündungshemmend und antimikrobiell. Wegen der Toxizität sollten Tinkturen und Auszüge aus Arnikablüten nicht als Selbstmedikation innerlich angewendet werden. Daneben enthalten die gelben Blütenkörbe der Arnika unter anderem ätherisches Öl. Die Inhaltsstoffe können allergische Reaktionen hervorrufen (Juckreiz, Hautausschlag, Blasenbildung, allergisches Kontaktekzem, Kontaktdermatitis).
  • Den antiken Schriftstellern war Arnika als Heilpflanze nicht bekannt. Die wohl früheste Erwähnung findet sich bei Hildegard von Bingen. Bei der von ihr als „Wolfsgelegena“ bezeichneten Pflanze könnte es sich um die Arnika handeln. Ab dem 18. Jahrhundert wurde Arnika tatsächlich bei Beschwerden und Krankheiten eingesetzt. Heutzutage wird Arnika zur äußeren Anwendung bei Verletzungen und bei rheumatischen Muskel- und Gelenkbeschwerden verwendet.
  • Die Arnika zählt zu den alten Zauberpflanzen. Als leuchtend gelb blühende Pflanze spielte sie früher im Kult der Sommersonnenwende eine Rolle. Viele dieser heidnischen Bräuche gingen dann ins volkstümliche Brauchtum über. In einigen Gegenden zählt Arnika auch zu den Blumen, die in den Strauß der Kräuterweihe an Maria Himmelfahrt gehören. Damit zählt Arnika zu den Marienpflanzen. Möglicherweise war sie schon in vorchristlicher Zeit der Muttergöttin Freyja (oder Freia) zugeordnet.

Interessierte Flächeneigentümer können sich melden beim Verein Naturpark Steinwald, Marienstraße 41, 95689 Fuchsmühl, unter der Telefonnummer 09634/707 89 29 oder per E-Mail an info[at]naturpark-steinwald[dot]de.

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