Biodiversität: Der Wild-Wasser-Weg soll alle ins Boot holen

Ein Wegenetz von 40 Kilometern rund um Neunburg soll ein großes Nachhaltigkeitserlebnis werden – und das schon im August. Ein Treffen mit Jürgen Donhauser, dem Mann, der dafür 30 000 Euro und viel Zeit investiert hat.

Jürgen Donhauser (rechts) und der Neunburger Bürgermeister Martin Birner sehen sich eine der Infotafel an, die bis Anfang August an Wanderwegen im ganzen Neunburger Umland angebracht werden sollen.
von Julian Seiferth Kontakt Profil

Jürgen Donhauser ist ein Irrer. Das sagt niemand, der den Mann nicht ausstehen kann oder ihm Böses will – das sagt der 50-Jährige über sich selbst. Wer sich also fragt, warum der Jagdwirt die für viele lebensverändernde Summe von 30.000 Euro aus eigener Tasche in ein Projekt gesteckt hat, mit dem er der Artenvielfalt in und um Neunburg vorm Wald wieder auf die Beine helfen will, der hat seine kurze Antwort: Der spinnt, der Donhauser.

Obwohl „irre“ eine Selbstbezeichnung ist, spricht einiges dafür, dass Donhauser sich selbst eher als jemanden sieht, der begeistert ist und begeistern will. Donhauser hat zusammen mit seinen Partnern – unter anderem der Stadt Neunburg, dem Naturpark Oberpfälzer Wald und dem Bayerischen Jagdverband – auf einem Wegenetz von rund 40 Kilometern in einem Gebiet von 1000 Hektar rund um Neunburg und den Eixendorfer See, kurz gesagt, einen Naturlehrpfad errichtet. Doch Donhauser und seine Partner haben nicht nur einen über sieben Kilometer langen Wanderweg eingerichtet – den Wild-Wasser-Weg – sondern entlang des gesamten Lehrpfad-Netzes Anwohner und Landwirte mit in das Projekt einbezogen, dazu animiert, ihre Wiesen und Felder mehr im Sinne der Biodiversität, also der Vielfalt des Lebens, der Pflanzen und Tiere, auszurichten. „Nun“, sagt er, „ist das nicht nur schön anzuschauen, sondern auch ein gesünderes System.“

Donhauser ist ein Kind der Region, seit 40 Jahren lebt der gebürtige Amberger in und um Neunburg. Zusammen mit seiner Ehefrau Caroline betreibt der 50-Jährige mit Forst Eibenstein ein Projekt, das neben den Forstbetrieben auch eine private Artenschutzinitative umfasst. Donhauser selbst ist aktiver Jäger, Kontakt mit der Natur ist für ihn mehr als ein Beruf. Die Erfahrungen, die er in seinem Alltag macht, will er weitergeben: „Man geht in die Lebensräume und versteht, warum das Gras beispielsweise nicht überall geschnitten werden sollte. Es gibt Ecken, da wird alles gemäht. Doch auch hohes Gras ist Lebensraum.“ Lebensraum, der besonders den sogenannten Bodenbrütern in den vergangenen Jahren mehr und mehr ausging.

Bodenbrüter ist erstmal ein Begriff, der genau zwei Dinge aussagt: Es handelt sich dabei erstens um Vögel, die zweitens am Boden brüten. Dazu gehören beispielsweise Feld- und Rebhühner oder Fasane. Seit den Flurbereinigungen der 70er Jahre seien die Bestände europaweit um 90 Prozent nach unten gegangen, sagt Jürgen Donhauser. Diese Entwicklung habe ihn bewogen, etwas zu tun, er habe nicht nur reden wollen. Das Problem, das Donhauser ausgemacht hat: „Viele tun etwas, aber jeder macht sein eigenes Ding. Oft bekommen die Landwirte dann auch noch einen drüber. Ich dachte mir: Was können wir schaffen, wenn wir diese Kräfte bündeln?“ Donhauser will dazu nicht nur Jäger und Landwirte ansprechen, sondern so viele Menschen wie möglich – er selbst nennt seine Zielgruppe eine „interessierte Öffentlichkeit“.

Messen will das Projekt seinen Erfolg an der Zahl der Fasane und Rebhühner in den Revieren Mitteraschau und Stockarn rund um Neunburg. Ersteres hat noch wenige Restbestände, während in Stockarn seit 20 Jahren keine Rebhühner mehr in freier Wildbahn beobachtet wurden. Der Plan: Donhauser will seine eigenen Küken, die den Winter in der Wildkammer überstanden haben, nach und nach Ausbildern. Wenn die Bedingungen stimmen, sollten sie eine Überlebenschance haben. Nachgewiesen werden soll der Bestand mit einer Reihe von Foto- und Geräuschfallen, die die Tiere aufzeichnen.

Es ist ein Projekt, das in seinem Ansatz riesig wirkt – die Artenvielfalt in einem Gebiet von 1000 Hektar zu erhalten, mit viel Geld und noch mehr Arbeit, die noch nicht mal am Ende angelangt ist und laut Donhauser möglicherweise nie sein wird. Jürgen Donhauser, selbsternannter Irrer, hat allerdings auch eine Motivation, die etwas einfacher zu verstehen ist. Die liegt unter anderem in der Corona-Pandemie: „Jeder hat Angst vor Zoonosen, also Krankheiten, die sich im Tierreich entwickeln und auf den Menschen überspringen können. Das Coronavirus ist wohl so eine. Je weniger Biodiversität existiert, desto wahrscheinlicher werden wir solche Fälle auch in der Zukunft haben.“ Wer sehen will, wie das geht, der kann sich bald selbst ein Bild machen: Die offizielle Eröffnung des Wild-Wasser-Weges steht laut Donhauser Anfang August an.

Zum Thema: Im Einsatz für Fledermäuse

Neunburg vorm Wald
Hintergrund:

Biodiversität in Bayern

  • Am 1. April 2008 hat der Bayerische Ministerrat eine Strategie zum Erhalt der biologischen Vielfalt in Bayern, die sogenannte Bayerische Biodiversitätsstrategie, unter dem Motto "Natur.Vielfalt.Bayern." beschlossen.
  • Die Strategie hat vier Ziele: die Sicherung der Arten- und Sortenvielfalt, die Erhaltung der Vielfalt der Lebensräume, die Verbesserung der ökologischen Durchlässigkeit von Wanderbarrieren wie Straßen, sowie die Vermittlung und Vertiefung von Umweltwissen.
  • Zur Umsetzung der Bayerischen Biodiversitätsstrategie wurden am Umweltministerium drei Arbeitsgruppen eingerichtet: "Biodiversität und Entwicklung, Infrastruktur und Wasserwirtschaft", "Biodiversität in Land- und Forstwirtschaft" und "Biodiversität in Bildung und Forschung".

 

 

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