02.12.2020 - 09:36 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Lärm-Messungen am Truppenübungsplatz Grafenwöhr: Ruhebringer oder Unruhestifter?

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Der Truppenübungsplatz Grafenwöhr und sein Schießlärm sind immer wieder Thema in den Randgemeinden. So mancher Anwohner fühlt sich gestört. Eine dauerhafte Messung soll nun Klarheit bringen, doch einer fürchtet weitreichende Konsequenzen.

Das Schießen auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr ist ein zweischneidiges Schwert - dem einen bringt es Ärger, dem anderen einen Arbeitsplatz.
von Anne Wiesnet Kontakt Profil

Mal ist es das monotone Brummen eines Hubschraubers, mal sind es die krachenden Schüsse der Panzer, die die Menschen rund um den Truppenübungsplatz Grafenwöhr zu hören bekommen. Was die einen kaum noch wahrnehmen, spüren andere dafür umso extremer. Dazu gehört auch das Ehepaar Dier aus dem Auerbacher Stadtteil Bernreuth, das circa 500 Meter Luftlinie von der Schießbahn 213 entfernt wohnt. "Die Fenster wackeln, wir werden nachts aufgeschreckt. Das ist absolut übel", klagt Werner Dier sein Leid. Der 65-Jährige führt seit drei Jahren sogar das Bürgerforum Umwelt und Truppenübungsplatz an, in dem sich 60 Mitglieder aus unter anderem Auerbach, Kirchenthumbach und Eschenbach zusammengeschlossen haben, um sich gegen den Schießlärm Gehör zu verschaffen. Gegründet wurde das Forum schon in den 80er Jahren.

Zwei Herzen in einer Brust

Dass das Bundesverteidigungsministerium ab nächstem Jahr nun "eine permanente messtechnische Überwachung" am Truppenübungsplatz Grafenwöhr einführen will – wie der Bundestagsabgeordnete des Bündnis90/Die Grünen, Stefan Schmidt, in einer Pressemitteilung informiert – darüber freut sich Dier. Er hofft, dass sich für ihn dadurch etwas verändern könnte, dass es ruhiger wird. "Ich halte das schon für wichtig, dass das passiert. Aber es sind zwei Herzen in einer Brust. Auf der anderen Seite hängen viele Existenzen dran, und wir wollen keine Existenzen vernichten. Aber es ist halt so, dass man auf die gesundheitlichen Belange der Anwohner Rücksicht nehmen muss."

Werner Dier und seine Frau Angela fühlen sich so sehr vom Lärm belästigt, dass sie bereits überlegt hatten, wegzuziehen, doch die Bindung zur Heimat sei zu stark. Deshalb hoffen sie jetzt, dass die Messungen, die Schmidt nach einem Besuch in Auerbach beim Bund angeschoben hatte, Unterstützung bringen. Als einzige Alternative, den Lärm für sich erträglicher zu machen, sieht Werner Dier aber, die Schießbahn 213 nicht mehr zu nutzen. "Warum man in 500 Meter Entfernung von einer Wohnbebauung so übt, ist für mich nicht nachvollziehbar. Wenn sie weiter drinnen üben würden, wäre das ja erträglich."

Grafenwöhr: Grüne fordern "Ende des Krachs"

Auerbach

Abhilfe schaffen

Stefan Schmidt, der für Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag sitzt, kennt das Problem der Diers. Er war schon bei ihnen zu Besuch, um sich selbst von dem Lärm und der Belastung zu überzeugen. Allerdings blieb es an diesem Tag eher ruhig, erinnert er sich. Er habe aber gemerkt, wie sehr Schieß- und Fluglärm die Familie beschäftige und dass sie sich hilflos fühle. "Wenn mitten in der Nacht so ein Kanonenschlag kommt...", gibt sich Schmidt verständnisvoll. Er setzt seine Hoffnung nun auf die Arbeitsgruppe, die im Deutschen Bundestag zu dem Thema gegründet wurde. Ein erster Schritt seien die geplanten Lärm-Messungen am Truppenübungsplatz Grafenwöhr. "Es wird interessant, welche Werte zusammenkommen. Ich will da auch sukzessive nachfragen", kündigt er an. Sind die Werte erst einmal dokumentiert, sei es leichter, nachzuvollziehen, welche Manöver zu besonders großen Belastungen führen, und man könne eher Abhilfe schaffen. "Wir machen nicht nur Messungen, damit der Auftrag erfüllt ist und damit wir es abheften können, sondern, dass auch das Ziel erreicht wird", stellt er klar.

Mit möglichen Konsequenzen einer Messung hat Edgar Knobloch, Bürgermeister von Grafenwöhr, allerdings so seine Probleme: "Wir sind schon interessiert am Erhalt des Truppenübungsplatzes." Dieser bringe nämlich nicht nur Lärm mit sich, sondern auch circa 3000 Arbeitsplätze. Ein wichtiger Faktor, den Schmidt bei seiner Zielverfolgung nicht aus den Augen verlieren sollte, findet Knobloch.

Sorge vor Konsequenzen

Der Wunsch Schmidts passe laute dem Bürgermeister auch "nicht so in die Zeit, in der wir intern kämpfen, dass der Truppenübungsplatz bleibt". "Ich hoffe, dass die Messungen nicht kontraproduktiv für die Wirtschaft sind, wenn alles von den Amerikanern lebt. Gastronomie, Autohandel, Bauwirtschaft", gibt Knobloch zu verstehen. Von aktuellen Beschwerden über den Schieß- und Fluglärm wisse er nichts. "Damit leben wir in Grafenwöhr schon immer", sagt der Bürgermeister und hofft, dass die Amerikaner auch weiterhin zusammen mit der deutschen Bundeswehr in Grafenwöhr üben – Lärm hin oder her.

Dass ab nächstem Jahr dauerhafte Lärm-Messungen um den Truppenübungsplatz herum geplant sind, ist natürlich auch der US-Armee bekannt. Auf die Frage, ob die Ergebnisse denn Einfluss auf den Schießbetrieb haben könnten, teilt André Potzler, Pressesprecher vom "7th Army Training Command Grafenwöhr", mit: "Unser Hauptaugenmerk liegt darauf, die Einsatzbereitschaft der hier übenden Einheiten zu gewährleisten. Wir sind aber stets bestrebt, den Übungsbetrieb so zu gestalten, dass die Lärmbelastung so gering wie möglich ist." Und das sieht derzeit so aus: Übungen würden, wann immer möglich, tagsüber abgehalten. Doch auch nachts müssten die Truppen einsatzbereit sein und das natürlich auch üben, erklärt Potzler. "Wir versuchen, die Übungen gleichmäßig auf dem Übungsplatz zu verteilen. Des Weiteren werden mittlerweile viele Übungen vollkommen ohne Geräuschentwicklung simuliert. Hierfür haben wir in Grafenwöhr das sogenannte Joint Multinational Simulation Center. Dies ersetzt natürlich Übungen im freien Gelände oder den scharfen Schuss nicht gänzlich, mindert das wahrnehmbare Übungsaufkommen jedoch enorm", zeigt er die Anstrengungen der US-Armee auf. Extra errichtete Lärmschutzwände und Wälder im Bereich der Schießbahnen sollen die Geräusche zusätzlich mindern. Beschwerden aus der Bevölkerung würden aber dennoch nicht ausbleiben, weiß der Pressesprecher.

Der Schießlärm ist auch im Grafenwöhrer Stadtrat ein Thema

Grafenwöhr
Angela und Werner Dier aus Auerbach fühlen sich vom Schieß- und Fluglärm des Truppenübungsplatzes oft gestört.
Hintergrund:

Die Lärm-Beschwerden in Zahlen

  • 45 Beschwerden über den Schießlärm, 26 über den Fluglärm am Truppenübungsplatz Grafenwöhr sind im Jahr 2019 eingegangen, teilt das Bundesverteidigungsministerium auf Anfrage von Bundestagsabgeordnetem Stefan Schmidt (Bündnis 90/Die Grünen) mit.
  • 2020 waren es laut Pressemitteilung des Abgeordneten bislang 13 Schießlärm-Beschwerden, 26 wegen Fluglärm.
  • In den Jahren davor bis 2010 lag die Zahl der Beschwerden beim Schießlärm überwiegend im einstelligen, beim Fluglärm überwiegend im zweistelligen Bereich mit einer Höchstzahl von 63 im Jahr 2014. Davon war 13 Mal der gleiche Anrufer am Apparat.
  • Beschwerde-Telefonnummern: Bei Fluglärm bei der Flugbetriebs- und Informationszentrale der Bundeswehr: 0800/8620730, FLIZ[at]bundeswehr[dot]org; bei Schießlärm bei der Öffentlich-rechtlichen Aufsicht für Arbeitssicherheit und Technischen Umweltschutz der Bundeswehr unter 089/12492235, oerabwMuenchen[at]bundeswehr[dot]org

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Rudolf Heindl

Wer erst vor einigen Jahren direkt neben dem Übungsplatz baut und von den niedrigen Grundstückspreisen profitiert hat sollte jetzt nicht anfangen sich über Schieß- und Fluglärm zu beschweren.

Der Übungsplatz existiert seit über 100 Jahren und ist keine Neuheit die es erst seit gestern gibt.

03.12.2020