26.10.2020 - 11:58 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Friedhofskirche St. Ursula birgt ältesten Kultgegenstand von Grafenwöhr

Die Friedhofskirche ist 425 Jahre alt. Das wird mit einem festlichen Gottesdienst am Ursulatag gefeiert. Zuvor bringt Kreisheimatpflegerin Leonore Böhm den Gläubigen die Geschichte des Gotteshauses näher.

von Renate GradlProfil

"Dank der Sachkenntnis, Vorsicht und Sorgfalt von Malermeister Albert Hößl wissen wir heute viel mehr über die Entstehungsgeschichte der Friedhofskirche als Generationen vor uns." Kreisheimatpflegerin Leonore Böhm bat die Gläubigen bei ihrer Kirchenführung zur 425-Jahr-Feier der Friedhofskirche St. Ursula zunächst nach draußen.

Dort wurde eine Tafel am Kirchenportal begutachtet. Albert Hößl hatte die 1 mal 0,70 Meter große Tafelwährend der Renovierung beim Aufstellen des Gerüsts zum Streichen der Westfassade am 11. Juni 1976 unter dem Dach des Vorbaus entdeckt.

Nachdem Hößl die Schriftrillen schwarz nachgefahren hatte, konnte er folgendes lesen: "Christo servat diß Kirch/jenseit der Stadt vor zeit/In Nam S. Ursula geweiht! - Hatt jetzt ein Gmein Christo zu ehrn/herbaut, sein wort darinn zu lehrn/im Tausend und fünfhundertiar,/als neinzigfünf die khleinr zal war./O Gott, dein Christlich kirch bewar."

Über der Tafel fand der Maler ein sogenanntes Christushaupt. Es ist der älteste Kultgegenstand von Grafenwöhr und mit 1410/20 datiert.

"Der reformierte Pfarrer Kaspar Michl (1545 bis 1613, geboren in Dinkesbühl) habe mit dem Bau der Friedhofskirche "ein historisches Denkmal geschaffen", ist sich Böhm sicher. Er sei bestimmt kein Eiferer gewesen, sagte sie und gab zu bedenken, dass Michl auf der Inschriftentafel die Vorgeschichte seiner neuen Kirche mit Nennung des Namens der heiligen Ursula angeführt habe.

Dabei habe der Calvinismus ja die Heiligenverehrung "verteifelt". "Vielleicht hat er da an seine seine Mutter mit dem Vornamen Ursula gedacht", überlegte Böhm.

Pfarrer Michl hatte 16 Kinder. Laut dem Fresko hinter dem Nothelferaltar starben davon drei Buben und drei Mädchen im Kindsalter. Dies belegten die Kreuzchen über den Köpfchen der Kinder, merkte die Kreisheimatpflegerin an.

Der Brauch wollte es, dass nach einem verstorbenen Kind das nachfolgende den gleichen Vornamen wieder erhielt. Dies zeige die Vornamensliste, informierte Böhm.

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Dann kam sie auf eine weitere Entdeckung von Albert Hößl zu sprechen. Ein kleines Wappenschild befindet sich - kaum von einem Kirchenbesucher bemerkt - auf der Südseite der Friedhofskirche am vorderen Fenster rechts oben. Bei der Renovierung, als die Fensternische gestrichen wurde, bemerkte der Maler eine Unebenheit.

Vorsichtig legte er mit Meißel und Hammer das Relief frei. Sichtbar wurden der Name Jörg Rosner und eine stilisierte Rose. Das war der Anlass für Nachforschungen. Seit 1577 existieren noch verschiedene Rechnungsbücher. Gleich fiel der Name "Wolf Rosner" ins Auge.

Dessen Sohn, Jörg Rosner, ein junger ortsansässiger Bürgersohn, errichtete aus den Steinen der 1593 abgebrochenen Alten Kirche zwei Jahre später die Friedhofskirche. Diese wurde 1723 nach Norden verbreitert und 1894 erfuhr sie eine Veränderung auf der Ortsseite.

Zurück im Inneren des kleinen Gotteshauses, kam die Kreisheimatpflegerin zunächst auf die Kanzel zu sprechen. Diese befindet sich in der Mitte der Kirche, so dass alle Gläubigen den Prediger gut verstehen konnten. Dem Calvinismus entsprechend, seien die Seitenflächen einfach gehalten, informierte Böhm.

Eine große Gedenktafel neben der Steinkanzel ist ein Werk der deutschen Renaissance und erinnert an den ehemaligen Forstmeister von Grafenwöhr, Stephan Gruber (gestorben 1601). Die nur noch teilweise lesbare Inschrift lautet: "Stephan Gruber ist nicht tot. Er schläft im Herrn und lebt bei Gott, dem er sein Seel befohlen hat; da er nun seelig Stund hat im Blut und Tod des Herrn Christ. Darauf er beständig blieben ist ..."

1626 erfolgte die Rekatholisierung, 1737 begann die Barockisierung des Gotteshauses. An der linken nördlichen Seitenwand, die jetzt den Hauptaltar darstellt, thront in einer Wolkennische die Holzfigur einer Madonna mit dem Kinde.

"Schon das hohe Alter aus dem Jahr 1460, macht das Werk ehrwürdig", heißt es darüber in einer Aufzeichnung aus dem Jahr 1926. Darin ist auch von einem "Kleinod edler Art" die Rede.

Die wertvolle Skulptur war laut Leonore Böhm innerhalb der Friedhofskirche bereits an verschiedenen Orten platziert: an der Nordwand des Kirchenschiffes, auf der Kanzel, an der Nordwand des Anbaus und heute im Hochaltar.

1894 wurde der Kreuz- oder Schmerzhafte-Mutter-Altar auseinandergenommen und an die Nordwand transferiert. Die Mater-Dolorosa-Skulpturen gibt es seit dem Frühbarock, also der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Das Heilig-Grab-Gemälde am jetzigen Ursula-Altar sei mit Sicherheit das Antependiumsgemälde dieses Kreuzaltars gewesen, meinte die Kreisheimatpflegerin.

Die Statue der Mater Dolorosa trägt das Kopftuch einer verheirateten Frau. Der verstorbene Stadtmüller Thomas Sigert hatte der Friedhofskirche 15 Gulden hinterlassen. Pfarrer Sebastian Raith hatte das Geld in ein neues Kleid mit rotem Damast für die Schmerzhafte Mutter im Kreuzaltar investiert.

Der Nothelfer-Altar zeigt die 14 Nothelfer als Gemälde aus dem Jahr 1744. Die Verbundenheit der heiligen Ursula mit ihren Gefährtinnen werde durch die Verschmelzung von Schutzmantelmotiv und Segelschiff beim Ursula-Altar zum Ausdruck gebracht, erläuterte Böhm.

Das Segel zeigt den todbringenden Pfeil und die Märtyrerpalme. Das Antlitz der Heiligen sei das einer erfahrenen Frau und Mutter, machte die Rednerin deutlich.

Während des Ursula-Gottesdienstes wurde auch das Lied gesungen: "Sankt Ursula ein Schiff regiert, des Herren Hand im Sturm sie führt. Es trägt der Jungfrau'n gläub'ge Schar zum sichern Ziel durch viel Gefahr. Sankt Ursula, du Jungfrau rein, auch uns nimm in dein Schiff hinein, reih' uns der Schar der Zeugen ein".

Pfarrer Bernhard Müller bedanke sich abschließend bei den Mitfeiernden des Gottesdienstes sowie beim Mesner und Organisten. Kreisheimatpflegerin Leonore Böhm galt sein Dank für ihr fundiertes Wissen über die Friedhofskirche.

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