27.06.2021 - 14:15 Uhr
GleiritschOberpfalz

Verletzter Fischadler trifft in Gleiritsch auf Helfer

Teichbesitzer und Jagdpächter sind in Sorge: Da sitzt an einem Weiher bei Gleiritsch ein verletzter Fischadler. Was tun? Am Ende findet sich die richtige Anlaufstelle zur Rettung des geschützten Tiers.

Dem flugunfähigen Fischadler mit dem eingebundenen Fang wird in der Vogelstation in Regenstauf die Beute serviert, seine letzte Mahlzeit in Lampenricht bei Gleiritsch war ein Karpfen.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Der Fischadler hatte es gerade noch geschafft, sich aus einem Weiher in Lampenricht bei Gleiritsch einen Karpfen zu holen. Dass er dazu noch in der Lage war, erstaunt Paul Baumann. Der 67-jährige ist ehrenamtlicher Koordinator im Artenhilfsprojekt Fisch- und Seeadler der Regierung der Oberpfalz. Bei ihm waren Teichwirt, Jäger und natürlich der gefiederte Patient an der richtigen Adresse, als man vor einer Woche nach einer Lösung suchte. "Der verletzte Vogel ist schon am Vortag beobachtet worden", weiß Baumann, der das Tier schließlich abholen kam und in die Vogelstation des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) nach Regenstauf brachte.

Sicherheitshalber stülpten die Retter einen Karton über den Vogel, um ihn vor einer panikartigen Flucht zu hindern. Erst später war Zeit für eine genauere Untersuchung des seltenen Tiers, von dem es in der gesamten Oberpfalz etwa 15 Brutpaare gibt. Allerdings geht es generell aufwärts mit dem Vogel, der schon lange auf der Roten Liste der gefährdeten Arten steht, meint Baumann. "Bis vor drei Jahren waren Horste von Fischadlern in Bayern nur in der Oberpfalz bekannt, jetzt hat sich das Gebiet etwas ausgeweitet", so der Naturschützer, den nun die Herkunft des Gleiritscher Adlers brennend interessiert. Denn das Tier war nur an einem Fuß beringt, in der Regel gibt es so ein Erkennungszeichen für beide Beine. Eines davon ist der sogenannte Kennring, mit größeren Buchstaben, der auch über eine weitere Entfernungen mit guter Optik zu identifizieren ist. Einheitlich geregelt ist die Kennzeichnung durch die Zentrale für Tiermarkierungen an der Vogelwarte Radolfzell des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie. Immerhin, der Gleiritscher Fischadler trug laut Baumann einen offiziellen Vogelwart-Ring aus Spanien. "Wo er erbrütet wurde, ist damit nicht geklärt", sagt der Naturschützer, "kann sein, dass er von Ornithologen auf seinem Weg ins oder vom Überwinterungsquartier in Westafrika gefangen und beringt wurde." Für Details wartet der ehrenamtliche Koordinator nun auf Antwort aus Spanien. In Bayern werden hauptsächlich junge Fischadler beringt, die gerade erst das Nest verlassen.

Erste Nachrichten vom Gesundheitszustand des verletzten Fischadlers gibt es bereits aus der Vogelstation in Regenstauf, wo das Tier nun gepflegt wird. Schon auf den ersten Blick waren eitrige Geschwüre an den Füßen des Tiers zu erkennen. Laut Ferdinand Baer, fachlicher Leiter der Vogelstation, hat ein Tierarzt den Neuankömmling behandelt. Jetzt sei der entzündete Fang einbandagiert und habe Zeit zu heilen. "Fischadler sind sehr seltene Pfleglinge bei uns, das letzte Mal war vor zwei Jahren einer da", erzählt Baer, und streicht damit den Stellenwert dieser Rote-Liste-Art heraus.

Für Paul Baumann aus Schwarzenfeld ist es ein gutes Zeichen, dass der Vogel in Gleiritsch Ersthelfer gefunden hat. Dafür macht er nicht nur die Gesetzgebung verantwortlich, die ein Töten des Tiers unter Strafe stellt. Auch ein Wandel im Bewusstsein der Bevölkerung sei zu erkennen, wenn der Fischadler gerade von Teichwirten nicht mehr als übler Fressfeind, sondern als Bereicherung betrachtet werde. Als Tier, "das genauso ein Recht zu leben hat wie alle anderen Tiere und Pflanzen". "Vor 30 Jahren wurde noch alles, was krumme Schnäbel und Krallen hatte, erschlagen", betont der 67-Jährige. Fischadler waren in Bayern bereits ausgestorben, mittlerweile haben sie Unterstützer gefunden, darunter auch die Bayerischen Staatsforsten. "Der Fischadler baut sein Nest immer ganz oben auf der Spitze eines Solitärbaums, der will immer freie Sicht haben", berichtet der Fachmann. Bei der Waldarbeit werde das inzwischen berücksichtigt. Was die Nahrung betrifft, ist der seltene Vogel aber auf Gewässer fixiert: "Er frisst eigentlich nur Fische", weiß der ehrenamtliche Mitarbeiter beim Artenhilfsprogramm. Auf der Pflegestation in Regenstauf hat man den Fischereiverein bemüht, weil der gefiederte Spezialist nun mal ganz und gar auf glitschige Kost, also Fisch eingestellt ist. "Er hat dazu extra Widerhaken an den Füßen und kann die Außenzehen vor und zurück bewegen", beschreibt Baer die Tricks der Natur. Einen großen Fisch täglich kann der seltene Patient auch im Krankenstand verdrücken, "er hat durchaus Appetit".

Auch in der nördlichen Oberpfalz sorgt der Fischadler für Aufsehen

Eschenbach
Info:

Fischadler in der Oberpfalz: Ausgestorben und wieder angesiedelt

  • Ausrottung: Bis Mitte der 1950er Jahre war der Fischadler in weiten Teilen Europas und Nordamerikas ausgerottet. Neben der Verfolgung durch Menschen werden dafür auch giftige Chlorverbindungen und Insektizide verantwortlich gemacht, die der Vogel über Fisch aufgenommen hat.
  • Erholung: Inzwischen hat sich der Bestand erholt. Fischadler gibt es nach der Wiederbesiedlung beispielsweise in Schottland und Frankreich, in Deutschland in Thüringen und Rheinland-Pfalz sowie Niedersachsen In Bayern gab es den ersten neuen Brutnachweis auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. [
  • Verbreitung: Der deutsche Bestand stieg laut Wikipedia von etwa 70 Paaren um 1975 auf 470 Paare in den Jahren 2003 und 2004, ist aber nach wie vor weitgehend auf den Nordosten Deutschlands beschränkt. In der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands von 2015 wird die Art in der Kategorie drei als gefährdet geführt. In der Oberpfalz hat man aktuell 15 Revierpaare Brutpaare registriert, dazu kommen laut Homepage der Regierung elf weitere in den restlichen Regierungsbezirken. Die Oberpfalz hat damit eine Vorreiter-Rolle inne.
  • Artenhilfsprojekte (AHP): spezielle Konzepte für einzelne, besonders schutz- und pflegebedürftige Arten. In der Oberpfalz gibt es sie für über 100 Pflanzen- und Tierarten. Darunter auch Arten, für die die Oberpfalz eine ganz besondere Verantwortung hat, da ihre letzten Vorkommen oder ihr Verbreitungsschwerpunkt im Regierungsbezirk zu finden sind. Im Fokus ist dabei auch der Fischadler, für den sich in der Region neben mehreren Horstbetreuern Paul Baumann, Wolfgang Nerb und Dr. Daniel Schmidt-Rothmund (wissenschaftlicher Betreuer) engagieren. Das Artenhilfsprogramm unterstützt die Wiederansiedlung durch Monitoring und den Bau von Nisthilfen.
  • Kontakt: baumann.paul[at]t-online[dot]de

"Fischadler sind sehr seltene Pfleglinge bei uns, das letzte Mal war vor zwei Jahren einer da."

Ferdinand Baer, fachlicher Leiter der LBV-Vogelstation

Ferdinand Baer, fachlicher Leiter der LBV-Vogelstation

"Vor 30 Jahren wurde noch alles, was krumme Schnäbel und Krallen hatte, erschlagen"

Paul Baumann, ehrenamtlicher Koordinator im Artenhilfsprojekt

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