04.11.2020 - 13:50 Uhr
GleiritschOberpfalz

Starthilfe für Habichtskauz: Luftbrücke zwischen Steinwald und Bayerischem Wald

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Der Habichtskauz galt lange als ausgestorben. Seit vier Jahren läuft ein Auswilderungsprojekt im Steinwald. Der Forstbetrieb Flossenbürg will den Eulenvogel auch in die Region locken. Die Aktion startet im Staatswald bei Gleiritsch.

Der Habichtskauz gilt als der größte Kauz Mitteleuropas. Er wird etwa 1,2 Kilogramm schwer und ernährt sich zu 90 Prozent von Mäusen.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Mit einem Seil gesichert steht Tobias Ott, Forstwirtschaftslehrling im dritten Ausbildungsjahr, auf der fünf Meter hohen Tiroler Steigtanne. Seine drei Kollegen im ersten Lehrjahr hieven den rund 15 Kilogramm schweren Nistkasten per Umlenkrolle den Baumstamm hoch. Ott platziert den baumelnden Kasten an der Buche. Ausbildungsleiter Anton Plödt nickt zufrieden: „Das Einflugloch ist nach Südosten ausgerichtet. Es wird eine warme Wohnung.“

Ausbreitung fördern

Der Habichtskauz soll im nördlichen Oberpfälzer Wald wieder fester Bestandteil der Tierwelt werden. „Die Bayerischen Staatsforsten leisten Unterstützung“, sagt Forstdirektor Stefan Bösl. Er verfolgt die Aktion im Staatswald „Fürstenschlag“ am Plassenberg bei Gleiritsch zusammen mit Revierleiter Josef Weber sowie den Forstreferendaren Matthias Weig und Kilian Müller. „Insgesamt werden im Bereich des Forstbetriebes Flossenbürg zehn Nistkästen aufgehängt, um die Verbreitung des seltenen gewordenen Kauzes zu fördern“, betont Bösl.

Forstbetrieb Flossenbürg und der Borkenkäfer im Urwald zwischen Oberlangau und Eslarn

Eslarn

Der Habichtskauz wurde 2017 durch den Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB) im Naturpark Steinwald angesiedelt, nachdem er hier für etwa 100 Jahre ausgestorben war. Nun soll sich die Population entlang der Wälder im Grenzgebiet, bis zum Bayerischen Wald ausbreiten. Dort gibt es ein bisher isoliertes Vorkommen.

„Der Habichtskauz nistet natürlicherweise in Baumhöhlen und verlassenen Greifvogelhorsten. Durch die Kästen werden noch zusätzliche Brutmöglichkeiten geschaffen“, erklärt Kilian Müller. Die Standorte wurden von den Revierleitern ausgewählt, um einen möglichst hohen Ansiedlungserfolg zu erreichen. Kriterien sind eine ruhige Lage mit möglichst südlicher Ausrichtung sowie die Nähe zu Waldrändern und Wiesen. „Der Habichtskauz ernährt sich zu 90 Prozent von Mäusen“, informiert der Forstdirektor. Stolz zeigt er sich über die Leistung der Auszubildenden, welche die Nistkästen unter Leitung von Forstwirtschaftsmeister Anton Plödt im Praxisunterricht gebaut haben und diese auch im Wald anbringen.

Nur "möblierte Wohnung"

Die Luftbrücke zwischen Steinwald und Bayerischen Wald wird im Bereich Oberviechtach/Tännesberg mit zwei Standorten (Kaufnitz und Gleiritsch) gehalten. Die Kästen müssen vor dem Aufhängen mit Nistmaterial (Mulm/verrottetes Holz) befüllt werden, denn der Eulenvogel bringt selber kein Brutmaterial ein. „Er übernimmt lieber verlassene Horste von Habicht oder Schwarzstorch, und zieht auch gerne in kernfaule Baumstümpfe oder vom Specht geschlagene Höhlen im Totholz ein“, informiert Bösl.

Im Staatswald zwischen den beiden Gemeinden Gleiritsch und Teunz sind Waldkauz und Steinkauz bereits beheimatet. „Ein Indiz dafür, dass das Gebiet für die Eulenvögel gut ist“, meint Matthias Weig. Die von Förster Josef Weber ausgesuchte astfreie Buche erweist sich jedenfalls als ideal. „Hier kann der Kasten fünf Meter hoch aufgehängt werden. Damit wäre die Brut vor Nesträubern, wie dem Marder geschützt“, stellt Anton Plödt fest, bevor er den drei Azubis im ersten Lehrjahr, Leon Gnan, Raphael Karl und Max Rieger, das Startzeichen gibt. Diese spannen das vorher am Baum angebrachte Seil und ziehen den Kasten in die Höhe. Oben auf der Leiter übernimmt Tobias Ott.

Waldumbau sensibel gestalten

„Dem Habichtskauz kommt auch der Waldumbau in Richtung klimatolerante Mischwälder zugute“, sagt Forstdirektor Stefan Bösl. Denn ein erhöhter Laubholzanteil und mehrere Lichtungen bieten dem großen Nachtvogel, der gerne bodennah fliegt, einen angemessenen Lebensraum. Statt reinem Fichtenbestand setzt der Forstbetrieb auf das „Vier-Bäume-Konzept“ mit Buche, Lärche, Eiche sowie als besondere Baumart mit bis zu fünf bis zehn Prozent die Douglasie. Diese erschließe mit ihrem Herzwurzelsystem tiefere Bodenschichten und gelte deshalb als resistent bei Klimaextremen. Mit Atlas-Zeder, Libanon-Zeder, Baum-Hasel, Walnuss und Edelkastanie würden nur Versuche gestartet. „Bevor wir großflächig pflanzen, müssen wir wissen, ob sie mit unserem Klima klarkommen“, so der Experte.

Im Staatswald „Fürstenschlag“ bei Gleiritsch hat der Waldumbau auf drei Hektar bereits begonnen. Hier hat in trockenen Jahren der Borkenkäfer die Fichte zum Absterben gebracht. „Und der Brachkäfer bringt die Kiefern um“, ergänzt Bösl mit Blick zur Buche mit dem soeben angebrachten Nistkasten. Die Forstwirt-Lehrlinge packen ihre Ausrüstung zusammen. Nun heißt es warten bis zum Sommer 2021. Während die Altvögel als standorttreu gelten, sucht der Nachwuchs im Juni/Juli ein eigenes Revier. Forstdirektor Stefan Bösl ist zuversichtlich: „Wir hoffen, dass die Aktion eine Starthilfe für den Habichtskauz ist.“

Ausbildung zum Forstwirt beim Forstbetrieb Flossenbürg

Dem Habichtskauz kommt auch der Waldumbau in Richtung klimatolerante Mischwälder zugute.

Forstdirektor Stefan Bösl

Forstdirektor Stefan Bösl

Hintergrund:
  • Projekt
    Bis Anfang des 20. Jahrhunderts brütete der Habichtskauz in den Wäldern Ostbayerns und ganz Europa. Der letzte seiner Art wurde um 1926 bei Sušice im Böhmerwald zu Unrecht als „schädliches Raubzeug“ erlegt. Seit 2017 werden durch den Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB) auch außerhalb des Nationalparks Bayerischer Wald Jungtiere ausgewildert (Voliere im Steinwald und Fichtelgebirge). Das Ziel ist, wieder eine stabile Habichtskauz-Population in den Wäldern Nordostbayerns zu bilden.
  • Nisthilfen
    Durch die Nisthilfen des Forstbetriebs soll eine Vernetzung zwischen dem isolierten Vorkommen im Bayerischen Wald und dem Projektgebiet Steinwald geschaffen werden.
  • Habichtskauz
    Er gilt als der größte Kauz Mitteleuropas (60 cm groß, Spannweite bis 125 Zentimenter). Auffällig ist sein schwarz-weiß gefärbtes Federkleid, welches einem Junghabicht ähnelt. Bevorzugte Beute sind Mäuse auf nahen Wiesen und Lichtungen.

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