26.05.2020 - 08:44 Uhr
Deutschland und die WeltOberpfalz

Genossenschaften: „Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele“

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Sie sind im 19. Jahrhundert aus der Not entstanden. Heute spielen Genossenschaften eine Sonderrolle im wirtschaftlichen Leben - allerdings eine sehr gewichtige. Aus gutem Grund: Das Kapital von Raiffeisenbanken, Bauvereinen und Co. soll auch dem Gemeinwohl dienen.

Schüler eines Gymnasiums in Rheinland-Pfalz stimmen über den Vorstand ihrer Schülergenossenschaft ab. Nachdem der Schulkiosk geschlossen wurde, bildeten Schüler die Genossenschaft, um den Kiosk selbst zu betreiben.
von Alexander Rädle Kontakt Profil

Wer heute über einen der vielen deutschen Raiffeisen-Plätze marschiert, wird unwillkürlich erst an eine Bank denken, die meist gleich daneben steht. Direkt an das Hauptgebäude des Geldhauses grenzt nicht selten ein Lagerhaus. Friedrich Wilhelm Raiffeisen war der Begründer dieser Initiative, die noch heute fortbesteht. Genossenschaften - das sind längst nicht nur Volks- und Raiffeisenbanken sowie Lagerhäuser.

Auch wenn sie nach außen hin wie Konzerne auftreten - hinter vielen großen Betrieben steht keine klassische Kapitalgesellschaft oder ein vermögender Einzelunternehmer, sondern eine Genossenschaft: Der größte deutsche Lebensmitteleinzelhändler Edeka mit einem Marktanteil von rund 25 Prozent etwa ist ein Zusammenschluss von selbstständigen Händlern. Ähnlich die Situation bei der Rewe-Group. In beiden Fälle wickeln das operative Handelsgeschäft zwar Aktiengesellschaften ab, Anteilseigner und Kapitalgeber im Hintergrund sind jedoch Genossenschaften.

Zeitgenössische Aufnahme des deutschen Sozialreformers Friedrich Wilhelm Raiffeisen, dem Begründer des ländlichen Genossenschaftswesens, insbesondere der ländlichen Kreditgenossenschaften (Raiffeisenbanken).

Vielfältige Branchen

Mehr als 5500 Genossenschaften weist der Deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband auf seiner Homepage aus. Den Großteil machen mit mehr 2100 ländliche Genossenschaften aus, die sich meist um die Vermarktung der von ihren Mitgliedern produzierten Waren kümmern. In diese Kategorie fallen zum Beispiel Milch-, Gemüse-, Wein-, Fleischerzeuger- und sonstige Agrar-Genossenschaften. Was zeigt: An der Genossenschaftslandschaft lässt sich ihre Geschichte erkennen. Auf Platz zwei stehen die mehr als 1300 gewerblichen Genossenschaften wie Edeka, Rewe oder auch Bäko. Mit etwa 900 Genossenschaften belegen Kreditinstitute wie Volksbanken, Raiffeisenbanken, Sparda-Banken und PSD-Banken Rang 3.

Aus der Not eine Tugend machen - dies gelang Friedrich Wilhelm. In der Mitte des 19. Jahrhunderts entwarf Friedrich Wilhelm Raiffeisen aus einer Notsituation heraus das Konzept eines genossenschaftlichen Vereins. Dieser sollte die Chancen der hungernden Bauern in seiner Gemeinde auf ein würdiges Leben verbessern. In der Folge entwickelte der Reformer seine Idee weiter und wurde so zu einem der Väter des Genossenschaftswesens. Sein berühmtestes Zitat lautet: "Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele."

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Weiden in der Oberpfalz

Lösung für schwere Zeiten

Friedrich Wilhelm Raiffeisen erblickte am 30. März 1818 in Hamm an der Sieg im heutigen Rheinland-Pfalz das Licht der Welt. Die tief religiöse Mutter und sein Patenonkel prägten seine Erziehung. Die Familie Raiffeisen war angesehen, aber nach gesundheitlichen Schicksalsschlägen verarmt, was eine höhere Schulbildung des begabten Friedrich Wilhelm verhinderte. Als 17-Jähriger ging Raiffeisen zum Militär, da seine Familie zu arm war, um ein Studium zu finanzieren. Wegen eines Augenleidens trat er später in die preußische Verwaltung ein, die ihn 1845 als Bürgermeister nach Weyerbusch im Westerwald versetzte.

Dort erwarteten Raiffeisen schwierige Aufgaben: Eine Hungersnot drohte, viele Bauern waren verarmt und konnten sich nicht einmal mehr Mehl kaufen, um Brot zu backen. Zwar erhielt Raiffeisen eine Kornlieferung - allerdings sollten die Abnehmer dieses sofort bezahlen. Nur: Womit? Raiffeisen gab das Getreide trotzdem aus - gegen Schuldscheine. Er gründete den sogenannten "Brodverein", dem wohlhabende Bürger Geld zur Verfügung stellten. Damit konnte Raiffeisen nicht nur das Korn bezahlen, sondern auch Kartoffeln und Saatgut kaufen.

Ebenfalls auf diese Weise wurde ein Backhaus finanziert, in dem günstig Brot gebacken werden konnte. Als die Ernten wieder besser wurden, konnten die Bauern ihre Schulden zurückzahlen. 1848 zog Raiffeisen ins benachbarte Flammersfeld um, wo er erste Grundlagen für die Raiffeisen-Genossenschaften legen sollte. Um gierigen Geldverleihern das Handwerk zu legen, gründete er den "Hülfsverein für die unbemittelten Landwirthe". 60 Familien zahlen ein, um von Wucher und Hunger bedrohten Familien zu helfen. Noch waren allerdings nur die Geldgeber Mitglied im Hülfsverein. Erst im Darlehenskassen-Verein von Anhausen und Heddesdorf mussten auch die Kreditnehmer Mitglied des Vereins werden.

Heute sind in Deutschland mehr als 22 Millionen Menschen Mitglied einer Genossenschaft. Ein wichtiger Aspekt dabei: "Hier zählt das Wohl aller, nicht der Profit weniger", wie es auf der Internetseite zum 200. Jubiläum der Genossenschaftsidee heißt. Die ist längst weltweit bekannt. 2016 wurde sie von der Unesco zum immateriellen Kulturerbe erklärt.

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