19.04.2020 - 13:21 Uhr
FuchsmühlOberpfalz

Pionierin des Kreistags nimmt Abschied

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Es ist ein Abschied ohne Tränen, den Hannelore Bienlein-Holl geht. Die 77-jährige Kreisrätin hat nach 37 Jahren nicht mehr für den Kreistag kandidiert.

Hannelore Bienlein-Holl kandidierte mit diesem Plakat für den Landtag. Sie hat gut abschnitten, aber es nicht geschafft. Ihrem damals verpassten Landtagsmandat weinte sie keine Träne nach.
von Ulla Britta BaumerProfil

Als Kreisrätin vertrat Hannelore Bienlein-Holl die Positionen der Sozialdemokraten, 37 Jahre lang. Die große, blonde Politikerin mit Wurzeln im hohen Norden von Deutschland legt im Alter von 77 Jahren ihr Mandat nieder. Es sind Vernunftgründe, die sie dazu treiben. Hannelore Bienlein-Holl will den Jüngeren Platz machen.

Traurig ist die gebürtige Kielerin, die ihr Leben der politischen Gerechtigkeit und Korrektheit gewidmet hat, nicht. Einzig wünscht sie sich von ihren Nachfolgern, dass diese es ihr gleichtun und den Prinzipien einer fairen Politik folgen. Und sie wünscht sich mehr Frauen in der Politik.

Immer mehr Frauen

Hannelore Bienlein-Holl ist durch und durch eine Sozialdemokratin und Vollblutpolitikerin. Die dienstälteste Frau im Kreistag erinnert sich gern an ihren Werdegang, zuerst im Gemeinderat Pechbrunn. Als 30-Jährige zog sie in den Kreistag ein. "Ich war die erste und einzige Frau." Wenn auch mit Unterbrechungen blieb sie Kreisrätin bis heute und durfte erleben, wie immer mehr ihrer Geschlechtsgenossinnen in die Politik kamen.

Nach der ersten Wahlperiode verließ Bienlein-Holl den Kreistag 1978 und wurde bayerische SPD-Landesgeschäftsführerin. Gleichzeitig kandidierte sie für den Landtag. "Willy Brandt hat uns Frauen unterstützt und ist extra zu meinem Wahlkampf in den Landkreis gekommen", erzählt Bienlein-Holl stolz, diesen Mann persönlich erlebt zu haben.

Als Frau und damit "exotische" Ausnahme habe sie aber auch viel Anfeindungen erlebt. "Bei einer Veranstaltung in einem kleinen Dorf an der tschechischen Grenze meinte ein Mann zu meiner Person, 'döi sauft wöi a Moa, döi raucht wöi a Moa, deshalb wähl' ich döi'", erzählt sie. Heute kann sie über diesen wenig schmeichelhaften Vergleich mit männlichen Politikern lachen. "Ich rauche schon lange nicht mehr", fügt sie schmunzelnd an, "und trinke höchstens mal ein Schnäpschen".

Bienlein-Holl erreicht gut 33 Prozent im Stimmkreis Tirschenreuth/Weiden und versuchte es vier Jahre später wieder. Gescheitert sei sie jedes Mal wegen männlicher Missgunst in den eigenen SPD-Reihen, bedauert sie, dass damals die Vorurteile gegenüber Frauen einfach zu hoch gewesen seien.

Nach dem erneuten Einzug in den Kreistag von 1984 bis 1990 folgten intensive Berufsjahre als Geschäftsführerin auf einem russischen Kreuzfahrtschiff. Bienlein-Holl legte ihr Mandat ein weiteres mal nieder und bereiste die Welt.

Denkt sie heute an 37 Jahre Kreistag zurück, bezeichnet sie ihr Verhältnis zu den Kreistagsmitgliedern als gut und immer fair. Daran habe sie zuerst selbst nicht geglaubt. "Ich war erstens eine Kielerin und keine Hiesige, zweitens Sozialdemokratin und drittens eine Frau." Bienlein-Holl, die ihren Gerechtigkeitssinn hauptsächlich einsetzte für Sozialpolitik, sieht ihre wichtigste Aufgabe darin, gegen den Rechtsradikalismus öffentlich Flagge zu zeigen. Was sie freut, sind die positiven, politischen Veränderungen pro Frau. Dennoch wünscht sie sich von den Frauen selbst mehr Einsatz. "Frauen sind immer noch politisch zu still."

"Nie aufgeben"

Positiv habe sie erlebt, wie der Kreistag mit den Jahrzehnten an Zusammenhalt gewachsen sei. Das wirke sich bestens auf die Entscheidungen für den Landkreis aus. "Gebt nie auf, auch wenn es einmal schwierig wird. Bleibt euren Prinzipien treu", rät die "Grande Dame" der Kommunalpolitik ihren jungen Nachfolgern. Für die Frauen erhofft sie sich eine stärkere, politische Gleichberechtigung bis in den Land- und Bundestag.

Zu ihrem Ruhestand sagt Bienlein-Holl, sie freue sich nun auf ihre Hobbys und zählt Lesen, Singen beim "Holzrechtler-Stammtisch", die Familie, ihre zwei Katzen sowie Gedichte schreiben auf. Ruhig also wird es bei ihr auch im Ruhestand nicht werden. Wenn auch ihr Herz ein Leben lang der Politik gehörte, gibt sie ihren Stuhl in dem Bereich des Kreistags, der strotzt vor politischem Frauen- und Pioniergeist, rein aus Vernunftgründen und ganz ohne Tränen frei.

Hintergrund:

Seit 53 Jahren bei den Genossen

Hannelore Bienlein-Holl war 37 Jahre für die SPD im Kreistag. Als sie 1978 für den Landtag kandidierte, wurde sie persönlich von Willy Brandt unterstützt. Die Sozialdemokratin ist seit 53 Jahren Mitglied in der SPD und bekam für ihr politisches sowie soziales Engagement die Willy-Brandt-Medaille, das Bundesverdienstkreuz, die Bürgermedaille in Gold und die Silberne Schmeller-Medaille des Landkreises.

In Fuchsmühl startete sie die politische Erwachsenenbildung. Als Kreisvorsitzende und Kreisgeschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt führte sie unter anderem Essen auf Rädern, den Bunte-AWO-Laden sowie die Mitterteicher Tafel ein.

Die 77-jährige Politikerin ist Mitglied in vielen Kreis- und Ortsvereinen sowie Ehrenmitglied im SPD-Ortsverein.

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