14.10.2020 - 11:57 Uhr
FriedenfelsOberpfalz

Szenen des Mysterienspiels aus Tirschenreuth im Internet

Wenn das Publikum nicht wie gewohnt beisammen sitzen kann, sind neue Wege gefragt. Die Grenzlandschreiber greifen nun zur Kamera und verbreiten ihre Lesungen über Youtube. Jetzt ist auch der "Oberpfälzer Jedermann" weltweit verfügbar.

Die Schauspieler Florian Winkelmüller, Manfred Grüssner und Marianne Stangl (von links) gestalteten einen unterhaltsamen wie fesselnden Auftritt mit der Dramaturgie „Abschied nehmen vom irdischen Vermögen“.
von Autor ROHProfil

Die Corona-Pandemie zwingt die Genzlandschreiber zu kreativen Lösungen. Die vierte mit der Kamera aufgenommene Leseabend war ein Schmankerl, denn angekündigt war der "Oberpfälzer Jedermann“ als Mysterienspiel. Für Manfred Grüssner war so ein öffentlicher Auftritt keine Premiere. Die Aufregung hielt sich in Grenzen, als er seine Schauspiel-Kollegen Marianne Stangl und Florian Winklmüller vom Modernen Theater Tirschenreuth vor der Kamera für das Publikum diesmal in Internet vorstellte.

Die Schauspieler waren schon 2018 zu Gast bei den Genzlandschreibern und wurden mit viel Beifall bedacht. Die Suche nach Dichtern, Denkern und Autoren zur vierten Lesung ohne Publikum brachte Hans Günther Lauth erneut zum Modernen Theater Tirschenreuth. "Es war uns eine Herzensangelegenheit, mal was außerhalb der Lyrik zu machen", sagte der Initiator und Moderator.

Diesmal stand der sehr erfolgreich aufgeführte „Oberpfälzer Jedermann“ mit Texten nach Hugo von Hofmannsthal im Mittelpunkt. Ausgewählte Szenen wurden geradezu durchlebt von Marianne Stangl, selbst Grenzlandschreiberin, Regisseur Manfred Grüssner und Florian Winklmüller, der kraftvoll den „Jedermann“ in der Fassung von Johannes Reitmeier in der Oberpfälzer Übersetzung von Grüssner und Stangl spielte. Für die musikalische Begleitung sorgte Walter Pilsak mit eigenen Kompositionen auf der Steirischen Harmonika.

Das Publikum bekommt Einblicke in das Mysterienspiel und den Abschiedsschmerz beim Sterben eines reichen Mannes. Beste Werbung für die hohe Qualität des Tirschenreuther Theaters machten die Schauspieler. Die gar nicht so einfache sprachliche Umsetzung in den Oberpfälzer Dialekt demonstrierten sie an Textbeispielen. Für den Einsatz von Dialekt sprechen nach Aussage von Grüssner einige Argumente: Der Inhalt sei besser zu verstehen, es sei leichter, Laiendarsteller zu gewinnen und das Interesse an der Kunst werde besonders bei Jüngeren geweckt. "Die Kunstszene ist auch außerhalb der Metropolen stark", sagte Grüssner.

Dieser besondere Theaterstoff gehe aus einem anonymen englischen Text des „Everyman“ aus dem 16. Jahrhundert zurück, informierte er. Premiere habe Hugo von Hofmannsthals Theaterstück 1911 in Berlin unter der Regie von Max Reinhardt gehabt. Marianne Stangl führte aus, dass das Stück 1920 erstmals in Salzburg aufgeführt wurde. Die profiliertesten Theaterspieler ihrer Zeit traten als Titelfigur auf, nannte sie Alexander Moissi, Attila Hörbiger, Will Quadflieg, Curd Jürgens, Maximilian Schell, Klaus Maria Brandauer, Ulrich Tukur und Tobias Moretti. Florian Winklmüller informierte, dass es inzwischen weitere Dialektbearbeitungen gebe und der "Oberpfälzer Jedermann" erstmals 2014 unter der Regie von Johannes Reitmeier gespielt wurde.

Lebendig und fesselnd gerieten die einzelnen Szenen für die digitale Verbreitung. Als der Tod sich nach dem großen Fest bei Jedermann meldet, empört sich der reiche Mann und protzt mit Haus, Hof und Geld. Die Mutter redet dem Todgeweihten schwer ins Gewissen, will den Wandlungsprozess in Gang setzen. Jedermann rebelliert, lehnt Beichte und Heirat ab. Schließlich tritt der Schuldknecht auf, den Jedermann in den Ruin getrieben hat, und aus der Geldtruhe springt der Mammon. Eindrücklich gelingt auch der Auftritt der beiden Vettern, die den Jedermann auch nicht auf seiner letzten Reise begleiten wollen. „Pudelnackert musst ins Grab eifoarn, Deckel zu, dou kummst nimmer zruck": Der pralle Oberpfälzer Dialekt bringt es am Ende auf den Punkt.

Jedermann-Lesung auf Youtube

Die Schauspieler Florian Winkelmüller, Manfred Grüssner und Marianne Stangl (von links) gestalteten einen unterhaltsamen wie fesselnden Auftritt mit der Dramaturgie „Abschied nehmen vom irdischen Vermögen“.
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