23.10.2020 - 15:50 Uhr
FriedenfelsOberpfalz

Interview mit Baron von Gemmingen-Hornberg: Wie steht es um Wild und Wald?

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Er ist dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen: Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg gilt als Fachmann für Hochwild und als versierter Forstmann. Im Interview schießt er scharf – unter anderem gegen die bayerische Forstpolitik.

Rotwild gibt es auch im Steinwald in einem gesunden Bestand, der dem Wald nicht schadet.
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

Das Bundesjagdgesetz soll novelliert werden, gleichzeitig will das Bundeslandwirtschaftsministerium eine "Waldstrategie 2050" verabschieden. Ziel von beiden soll sein, den deutschen Wald in eine Klima-sichere Zukunft zu führen. "In beiden Entwürfen werden die heimischen Wildtiere als wesentliche Störfaktoren für einen erfolgreichen Waldumbau bezeichnet, die Bejagung müsse intensiviert werden, " kritisiert der Vorsitzende der Kreisgruppe Tirschenreuth im Bayerischen Jagdverband, Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg aus Friedenfels. Der Baron ist selbst Landwirt, Waldbesitzer und Jäger, hat also in dieser Thematik umfangreiche praktische Erfahrung. Wir sprachen mit ihm über die Probleme im Wald.

ONETZ: Herr Baron, steht es wirklich so schlimm um den Wald in Deutschland?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Zweifellos steht der Wald in Mitteleuropa heute vor großen Herausforderungen. Die Kombination aus Stürmen, Trockenheit und Borkenkäfer ist vielerorts verheerend, gerade im mittleren Deutschland sind große Flächen im Moment ohne alte Bäume.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg

ONETZ: Sind bestimmte Baumarten besonders betroffen?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Auch die Forstbranche ist regelmäßigen Meinungsschwankungen unterworfen. Entsprechend dem Zeitgeist hat man bis in die 1980er-Jahre sogenannte Monokulturen angepflanzt, überwiegend mit Fichte. Im Fokus standen dabei vor allem ökonomische Interessen. In regenreichen Jahrzehnten hat das ganz gut funktioniert, aber die momentanen Trockenphasen verträgt die Fichte einfach nicht gut und verschwindet jetzt. Letztendlich ist die Situation also ein Ergebnis der früheren Forstlehre und Forstpolitik.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg lässt aufhorchen

Amberg

ONETZ: Zunehmend wird ein Umbau der Wälder gefordert, um diese stabiler gegen den Klimawandel zu machen. Wie sehen Sie das?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Es muss sicher etwas getan werden, ganz klar. Aber die gleiche Branche, die jetzt genau weiß, wie das gemacht werden muss, hat vor ein paar Jahrzehnten die Monokulturen gepredigt. Eine Änderung im Waldbau ist in manchen Gebieten unumgänglich, doch wer einen derartigen Rucksack voll Fehleinschätzungen mit sich schleppt, sollte etwas demütiger vorgehen.

ONETZ: Welche Rolle kann die Jagd spielen, um die Situation zu verbessern?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Ich sehe die Jagd durchaus in einer dienenden Funktion am Waldbau. Wildtiere wie Rot- und Rehwild können lokal das Wachstum junger Bäume behindern. Die Jäger unterstützen selbstverständlich die Ziele der Waldbesitzer. Wir erwarten aber auch seitens des Forstes kreative waldbauliche Maßnahmen und auch die Bereitschaft zu technischem Pflanzenschutz. Wir brauchen mehr Toleranz und gemeinsame Konzepte, mit denen man etwa die neuesten wildbiologischen Erkenntnisse anwenden kann.

ONETZ: In den aktuellen Entwürfen für das Bundesjagdgesetz und in der „Waldstrategie 2050“ ist aber von zu hohen Beständen von Rot- und Rehwild die Rede. Diese seien schuld, dass der Wald nicht wie geplant wachsen könne. Gibt es zu viel Wild?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Diese These kommt regelmäßig, und sicher gibt es in Deutschland tatsächlich viel Wild. Doch wie viele Tiere es gibt, weiß keiner, weil man sie nicht zählen kann. Solche Pauschalbehauptungen sind allerdings gut geeignet, um von der eigenen falschen Politik und waldbaulichen Fehlern der Vergangenheit abzulenken. Wer Monokulturen anlegt, braucht sich über Unnatürlichkeit später nicht zu wundern.

ONETZ: Wie gehen Sie selbst diese Thematik an?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Zunächst: Ein Wald ist ja nicht nur Holz-Produktionsanlage, sondern auch Ökosystem. Die freilebende Tierwelt ist wesentlicher Bestandteil der heimischen Natur, genauso wie die Pflanzen. Also achte ich als verantwortungsbewusster Waldbesitzer auf diese Ausgeglichenheit. Ich will mit meinem Wald Geld verdienen, gleichzeitig müssen aber auch die Wildtiere, von ganz klein bis ganz groß, bei mir in gesunden Beständen artgerecht leben können. Würde ich das nicht so machen, hätte ich ein schlechtes Gewissen gegenüber der Schöpfung.

Trotz des guten Wildbestandes gedeiht der Forst im Steinwald prächtig.

ONETZ: Das klingt anspruchsvoll!

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Das ist anspruchsvoll, aber beim Umgang mit lebenden Tieren kann man vom Menschen schon etwas verlangen. Der „Waldbau mit der Büchse“ ist natürlich viel einfacher, er ist aber ein Missbrauch der Natur zu Lasten eines Faktors.

ONETZ: Sie sind doch auch ein leidenschaftlicher Naturschützer und haben kürzlich die Bayerische Umweltmedaille verliehen bekommen. Wie beurteilen Sie die Forderungen von Naturschutzverbänden, noch mehr Hirsche, Gämsen und Rehe zu töten?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Das finde ich ziemlich grotesk. Wer sich Naturschützer nennt, sollte das Ganze im Blick haben. Viele Menschen neigen dazu, willkürlich zu selektieren, in der Natur Lebensrechte gegeneinander abzuwägen, Tier und Pflanzen nach menschlichen Maßstäben zu bewerten. Das führt zwangsläufig zur momentanen ideologisierten Diskussion.

ONETZ: Wo läuft es denn hauptsächlich schief?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Ich beobachte schon länger Veränderungen in der Forstpolitik, in der forstwissenschaftlichen Lehre und in der forstlichen Praxis: Wir erleben einen zunehmenden Drang zur Eile und zum Perfektionismus im Wald. Ein Wald, ein Ökosystem, soll sich einem ungeduldigen, forsttechnischen Interventionsglauben unterordnen.

Baron setzt sich für die Rettung von Rehkitzen ein

Friedenfels

ONETZ: Heißt das, Sie sehen Defizite in der forstlichen Ausbildung?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Eindeutig. An unseren Forst-Unis und -Fachhochschulen wird dem gesamt-ökologischen Fachwissen in der Breite zu wenig Bedeutung zugemessen. Man lernt viel über rein waldbauliche Themen und man lernt zu wenig über die Wechselwirkungen in der Vielfalt zwischen Pflanzen und Tieren. Man kann mit vielerlei Maßnahmen Wälder einigermaßen stabil machen gegen die Fraßeinwirkung von Wildtieren, aber im Fach „Waldbau und Wildtiere“ lernen die armen Studenten fast nur „Tiere stören, also Abschüsse erhöhen, längere Jagdzeiten, mehr Jagddruck“.

ONETZ: Im bayerischen Forstgesetz steht ja der Satz „Wald vor Wild“. Wie wirkt der sich aus?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: In der Natur haben wir ja meist eine Art Gleichgewicht, „Wald vor Wild“ legt aber eine Hierarchie fest, ein definiertes Ungleichgewicht. Die Formulierung ist sehr unglücklich und vielleicht die Wurzel der Probleme. Der Gesetzgeber hat eine Rangordnung festgelegt, und dieses Faktum kann dazu einladen, dass man über ein mögliches Miteinander von Bäumen und Tieren, über ein Gleichgewicht, gar nicht nachdenken muss und will. Das könnte ein Grund sein, warum zum Beispiel die Wildbiologie in der Lehre praktisch keine Rolle spielt.

Trotz des guten Wildbestandes gedeiht der Forst im Steinwald prächtig.

ONETZ: Die Forschung über die Biologie von Wildtieren führt also vor allem in Bayern ein trauriges Schattendasein?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Das stimmt leider. Im reichen und großen Bayern haben wir so gut wie keine unabhängige wildbiologische Forschung, wir haben keinen wissenschaftlich unabhängigen Lehrstuhl. Deshalb muss zum Beispiel die Wolfs-Forschung in Grafenwöhr jetzt von einem Institut in Dresden gemacht werden, in Bayern gibt es ja nichts.

ONETZ: Also müssen wir Fachwissen importieren?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Ja, das ist peinlich, aber eben unentbehrlich. Denn die wildbiologische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten herausragende wissenschaftliche und jagdpraktische Erkenntnisse gewonnen. Wir wissen heute sehr viel über die Lebensraumnutzung unserer Wildtiere, über ihr Wanderverhalten, ihre Ernährungsgewohnheiten, ihr Ruhebedürfnis. Die konsequente Anwendung dieses Wissens hilft enorm, erfolgreichen Waldbau zu betreiben und gleichzeitig den Wildtieren ein artgerechtes Leben zu ermöglichen.

ONETZ: Berücksichtigen Sie diese Erkenntnisse?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Ja. Die moderne Jagd sorgt mit kluger Bejagung für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wildtieren und Lebensraum, sie hilft bei der Verminderung von finanziellen Schäden in Feld und Wald und sie bringt gleichzeitig ein erstklassiges Lebensmittel – Wildfleisch – hervor. Wir haben ein auf lange Zeit ausgelegtes Konzept, eine kreative Mischung aus waldbaulichen und jagdlichen Maßnahmen – und siehe da: Wir sind erfolgreich damit.

Trotz des guten Wildbestandes gedeiht der Forst im Steinwald prächtig.

ONETZ: Was machen Sie konkret?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Konkret bedeutet das vor allem: den Tieren Ruhe gönnen. Tiere, die in Ruhe gelassen werden – auch vom Jäger! – machen weniger Schäden. Wir nehmen Rücksicht auf die Bedürfnisse der Tiere. Jagdlich nutzen wir nur einen Teil der möglichen Bejagungszeit aus, zudem haben wir genau definierte Flächen, auf denen so gut wie nie gejagt wird. Wenn sich dann auch die Erholungssuchenden an die markierten Wanderwege halten, was überwiegend der Fall ist, geht dieses Konzept auf, dann lassen sich Wald und Wild erfolgreich verbinden.

ONETZ: Heißt das, eine intensive Bejagung kann die Lage im Forst auch verschlechtern?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Absolut. Dauerbejagung führt zu Dauer-Beunruhigung und die hindert die Tiere, sich artgerecht zu verhalten. Das Wild wird vom Jäger – und unabsichtlich vom Wanderer – in den dicksten Unterschlupf gedrängt und muss das fressen, was gerade verfügbar ist – meistens Bäume. Hoher Jagddruck produziert hohe Wildschäden. Das ist dutzendfach bewiesen, trotzdem tun sich viele mit dem Lernen so schwer.

ONETZ: Sitzen nicht alle in einem Boot?

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: Natürlich, und es wäre ja lösbar. Aber in der Wald-Wild-Diskussion haben wir zu viel Ideologie und zu wenig Pragmatismus. Pflanzenfresser fressen nun mal Pflanzen. Waldbau und Wildtiere, das bedeutet immer Kompromiss, gegenseitiges aufeinander zu gehen. Wald und Wild heißt: konstruktiv eine einvernehmliche „Opfersymmetrie“ finden. Das muss man ernsthaft wollen. Ich wünsche mir ein Ende des Konfliktes, weil ich weiß, wie’s besser geht. Im Wald sollten wir mehr Natur, Gelassenheit und Geduld zulassen, und bei den Wildtieren brauchen wir endlich die praktische Anwendung des vorhandenen wildbiologischen Fachwissens. Beides zusammen – so würd’s gehen!

Info:

Zur Person

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg ist Jahrgang 1957, wohnhaft in Friedenfels, Steinwald, im Landkreis Tirschenreuth. Er ist Unternehmer, betreibt auch eine Biolandwirtschaft und einen Forstbetrieb, der überwiegend naturnah bewirtschaftet wird. In der Kommunalpolitik wirkt er als Gemeinderat und Kreisrat. Der leidenschaftliche Jäger ist auch Vorsitzender des Ausschusses „Hochwild“ im Bayerischen Jagdverband und Vorsitzender der Hochwild-Hegegemeinschaft Oberpfalz Nord/Veldensteiner Forst.

Rotwild gibt es auch im Steinwald in einem gesunden Bestand, der dem Wald nicht schadet.
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