03.07.2020 - 16:19 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Vom Kunststoffspitzer zum Thekenmeister

"Das passt so für den guten Service", sagt eine Frau beim Bezahlen. "Die machen wirklich gute Sachen und alles selbst", meint eine andere zu ihrem Mann. Viel Wertschätzung für ein Integrationsmodell an einem besonderen Ort.

von Ernst FrischholzProfil

Im ehemaligen SS-Casino der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg machen sich behinderte Menschen seit fünf Jahren einen großen Namen. Vieles an Jubiläen ist zwecks Corona unter den Tisch gefallen. Auch das des Museumscafé in Flossenberg. Fünf Jahre wären eigentlich nicht erwähnenswert. In diesem speziellen Fall schon. Ein Modellprojekt ist zur Erfolgsgeschichte geworden.

Mehr Symbolik geht kaum: An dem Ort, wo einst tausende Menschen Opfer der Nazi-Euthanasie wurden, arbeiten jetzt Behinderte in einem Café. Flossenbürg geht einen bemerkenswerten Weg. Das Café in der KZ-Gedenkstätte ist ein spezieller Ort – und Mitarbeiter mit Behinderung machen die Begegnungsstätte noch etwas besonderer. So berichtete Oberpfalz-Medien vor fünf Jahren. Der Leiter der Gedenkstätte Jörg Skriebeleit ging den Weg für ein interdisziplinäres Modell. Das Heilpädagogische Zentrum Irchenrieth (HPZ) bekam den Zuschlag.

"Wir vom HPZ konnten mit unserem Konzept überzeugen", berichten Christine Schneider und Natalie Gründwald-Gruber, als Leiterinnen der ersten Stunde, sowie Michaela Schrott (Sozialdienst HPZ). Die Ansprüche waren hoch. Menschen mit Behinderung in ein Serviceteam zu verwandeln. Gerade im Umgang mit Gästen waren sie ja als Mitarbeiter der Werkstätten nicht gewohnt. Die Motivation war riesig und das Ergebnis ist die Bestätigung. "Sie sind vom Selbstbewusstsein gewachsen", bestätigt Schneider. Ein Beispiel ist Christian (37): Vom Kunststoffspitzer in den HPZ-Werkstätten zum Meister an der Theke. Über ein Praktikum hat er sich vor fünf Jahren qualifiziert. Heute bedient er gerne und das Größte ist für ihn, wenn er den Gästen „guten Appetit“ wünschen darf.

Besonderes Projekt an besonderem Ort

Flossenbürg

Corona hat auch ihn zurückgeworfen. Ein Vierteljahr hat er zuhause gesessen und sein Cafe in Flossenbürg vermisst. "Da wurden viele Betreuungsgespräche telefonisch geführt", ergänzt Schrott vom Sozialdienst. "Plötzliche Schließung, alle waren total geschockt, traurig und sprachen von Abschied", berichtet Schneider. "Sie sind zuhause ohne diese sozialen Kontakte in ein Loch gefallen. Das Cafe ist für sie mehr als Arbeit." Dann kam die langsame Wiedereröffnung mit einem speziellen Hygienekonzept. Die Auflagen sehen vor, dass Betreute die zuhause wohnen, nicht mit Betreuten aus dem Wohnheim gemischt werden dürfen. Ein riesiger Aufwand.

Vor Corona boomte das Cafe. In Spitzenzeiten 300 Gäste am Tag, 250 Kuchen und Torten am Wochenende. Quantität war und ist nicht die Philosophie. Natürlich können die betreuten Menschen nicht alles alleine bewerkstelligen. Da stehen Gruppenleiter parat, bis zur Konditormeisterin Eva. Gemüse, Salat und auch Fleisch, was in der Region zu bekommen ist, ist das Credo von Schneider und deren Team. Die Speisekarte drückt das aus.

Damit man auch da flexibel sein kann, hat das Cafe nun einen VW-Bus zur Verfügung gestellt bekommen. Der ist dafür da, regional Lebensmittel einzukaufen und auch die Menschen mit Behinderung nach Flossenbürg zu bringen. Traurig ist man, dass das „Fünfjährige“ ins Wasser gefallen ist. "Aber dann feiern wir halt die zehn Jahre", sagen die Cafe-Mitarbeiter. Aufgrund Corona sind die derzeitigen Öffnungszeiten etwas eingeschränkt. Das Cafe ist Montag bis Freitag von 9 Uhr bis 18 Uhr und Sonntag von 14 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Ein Besuch lohnt sich und unterstützt alle, die hier an dem Modell arbeiten. Und – die Menschen mit Behinderung freuen sich auf die Gäste.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.