07.05.2020 - 09:30 Uhr
FlossOberpfalz

Von Lockerungen kalt erwischt

„Im Moment ganz schlecht. Wir wissen nicht, wo uns der Kopf steht.“ Wer in diesen Tagen in Altenheimen anruft, kommt ziemlich ungelegen. Die Lockerung des Besuchsverbots schon am Samstag vor Muttertag trifft die Einrichtungen unvorbereitet.

Eine Bewohnerin des Flosser Altenheims „Am Reiserwinkel“ schaut von ihrem Zimmer aus auf die Straße; am Wochenende darf erstmals wieder Besuch kommen.
von Gabi EichlProfil

„Das ist überhaupt nicht gut“, sagt ein Heimmitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden will. „Wir rotieren im Moment alle“, schimpft er. Die Telefone stünden nicht still, „jeder will wissen, wann können wir kommen, wie und so weiter.“ Vollkommen unausgegoren sei diese schnelle Lockerung.

In anderen Heimen bittet man darum, in der kommenden Woche noch einmal anzurufen, bis zum Wochenende sei man „Oberkante Unterlippe“.

"Wir sind gar nicht glücklich"

In der Flosser Einrichtung „Am Reiserwinkel“ hat Heimleiter Carsten Fischer am Mittwoch in aller Eile mit der Pflegedienstleitung ad hoc ein Konzept aus dem Boden gestampft. Und er hofft, damit über das Wochenende zu kommen, wie er sagt. Fischer ist einer der wenigen Heimleiter im Landkreis und der Stadt Weiden, der sich die Zeit nimmt für ein längeres Telefongespräch an diesem Tag. Ein Gespräch, in dem auch er mehrmals betont, dass er „gar nicht glücklich“ sei über die plötzliche Öffnung der Heime schon an diesem Samstag.

Sorgen wegen Infektion

Natürlich gönne er den Bewohnern die Möglichkeit, nach der langen Zeit des Alleinseins das Treffen mit wenigstens einem Verwandten, aber Fischer ist deutlich anzumerken, dass er sich große Sorgen macht, dass das Virus doch noch den Weg in sein Haus findet. Denn bisher sei der „Reiserwinkel“ verschont geblieben.

Das Konzept sieht laut Fischer vor, dass jeder Besucher an diesem Wochenende sich anmelden muss, und die Besuche ausschließlich im Mehrzweckraum vonstatten gehen können. Man werde Getränke zur Verfügung stellen, aber nicht Kaffee und Kuchen, so bedauerlich das sei. Und man werde sehr genau auf die Einhaltung der Besuchszeit von maximal einer halben Stunde pochen („das ist wie in der Schule“). Fischer wird an diesem Wochenende persönlich den Aufseher spielen und sich mit in den Mehrzweckraum setzen, um notfalls eingreifen zu können, sollten sich Besucher und Bewohner zu nahe kommen. Fischer ist anzuhören, wie wenig ihm das behagt.

Längere Vorlaufzeit nötig

Der Heimleiter weiß eigenem Bekunden zufolge, wie schwer die vergangenen Wochen für die Bewohner gewesen seien, er gönne ihnen die Lockerungen, sagt er, hätte sich aber eine längere Vorlaufzeit gewünscht. Man werde nun schauen, wie die Besuche am Wochenende abliefen. Sollte etwas schieflaufen, werde er das Hausrecht ausüben und das Heim erneut abriegeln.

Diakon Wolfgang Reuther, Leiter des Eleonore-Sindersberger-Hauses in Weiden, hat am Mittwoch mit seinem Führungsstab ein ähnliches Konzept erarbeitet wie die Kollegen in Floß. Auch hier dürfen Bewohner am Wochenende nur nach Voranmeldung und nur in einem speziellen Raum besucht werden.

Die Bewohner des Weidener Pflegeheims sind laut Reuther durchwegs gefasst in der aktuellen Isolation, hätten zum überwiegenden Teil Verständnis für die Maßnahmen. Der erzwungenen Vereinzelung versuche man mit Einzelbetreuung auf den Zimmern zu begegnen. Größere Probleme gebe es derzeit nicht. Sorgen machen Reuther eigenem Bekunden zufolge nur die an Demenz erkrankten Bewohner, denen die Situation nicht zu vermitteln sei. Man versuche, diesen Personenkreis zu beschäftigen, aber demenzbedingt tauchten die Fragen nach dem Warum gebetsmühlenartig wieder und wieder auf.

Garten ermöglicht Kontakte

Anders als die Kollegen reagiert Irina Löffler-Ilinov, Leiterin und Trägerin des Löffler-Seniorenwohnheims in Altenstadt/WN. Für ihr Haus sei die Lockerung zum Wochenende weniger gravierend, sagt sie. Die Bewohner hätten dank des Gartens der Einrichtung und des schönen Wetters im April im Freien auch bisher schon mit dem notwendigen Abstand und Maske Kontakt halten können zu einander und zu Angehörigen. So verursache die nun beschlossene Lockerung kaum Stress. Doch auch für die Besucher der Bewohner im Haus Löffler gelten strenge Regeln für das Muttertagswochenende; die Besuche müssen angemeldet werden und es dürfen nicht zu viele Besucher auf einmal sein.

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