28.05.2021 - 11:19 Uhr
FlossOberpfalz

Erst Jubiläum, dann Pogrom: Floß wird judenfeindlich

Wären nicht ein Jahr zuvor ihre ärgsten Feinde an die Macht gekommen, hätten die Flosser Juden etwas unbeschwerter 1934 das 250-jährige Bestehen ihrer Gemeinde feiern können. Teil 3 unserer Serie zum jüdischen Leben in Floß.

Dieses Bild mit dem Titel "Flosser Heimat" hat David Ludwig Bloch bei einem Besuch in den 1980er Jahren der Marktgemeinde geschenkt. Es hängt heute im Trauungszimmer im Alten Pflegschloss.
von Redaktion ONETZProfil

Von Renate Höpfinger und Friedrich Peterhans

Mut und Durchhaltewillen bewies die kleine jüdische Kultusgemeinde, als sie 1934 das 250-jährige Bestehen feierte. In seiner Ansprache sagte der damalige Gemeindevorsitzende Adolf Eisemann: "Es ist vielleicht jetzt nicht die Zeit, ein Jubiläum zu feiern, wo die Zustände unserer Tage Tausende unserer Brüder zwingen, das Land zu verlassen, das ihre Heimat ist, und die, welche bleiben, leben in Furcht und Not. Aber es ist ein Weg von 250 Jahren, den unsere Gemeinde in Floß seit ihrer Gründung im Jahr 1684 auf diesem kleinen Berg gegangen ist. Es war ein langer Weg, der durchtränkt ist von Tränen und Leid, aber mit dem unbeugsamen Willen durchzuhalten im Glauben unserer Väter."

Doch bald schon sollte es noch schlimmer kommen. Die Pogromnacht am 9. November 1938 verschonte auch die damals in Floß anwesenden zehn Juden nicht. Die Familien Ansbacher, Eisemann, Steinhardt und Wilmersdörfer wurden brutal aus ihren Betten geholt, misshandelt und ins Gefängnis gesperrt. Zwei Männer kamen ins KZ Dachau. Zerstörungswütig wandten sich die SA-Leute der Synagoge zu. Wertvolle Kunstgegenstände, die bis heute verschwunden blieben, wurden gestohlen, der Thoraschrein aus dem Gebetshaus gerissen und die Bestuhlung zerschlagen. Die Fenster wurden zertrümmert, so dass nur noch die Außenmauern stehen blieben.

Sechsjähriger Augenzeuge

Der frühere Flosser Bürgermeister Fred Lehner erinnert sich: "Ich bin im Februar 1932 auf dem Judenberg geboren und aufgewachsen. Aus dem Schlafzimmerfenster meiner Eltern hatte man einen direkten Blick zur Synagoge. Ich weiß noch genau wie mein Vater das Fenster öffnete und den Zerstörern der Synagoge, alle Flosser, zurief, sie sollten sofort aufhören. Die Antwort war: Solche Leute wie du gehören ins KZ Flossenbürg."

Danach suchten die Flosser Juden verzweifelt nach einer Auswanderungsmöglichkeit. Nur wenige Nachbarn wagten, für die Juden einzutreten und ihnen heimlich zu helfen. Erst 1980, 42 Jahre nach ihrer Zerstörung, konnte die im klassizistischen Stil errichtete Synagoge, nun betreut von der Israelitischen Kultusgemeinde Weiden, wiedereröffnet werden. Zwischendurch war sie Wäschetrocknungsplatz und Deponie für Müll und Sperrgut gewesen.

Hilfreich für den Wiederaufbau war ein Foto, das der gebürtige Flosser Jude David Ludwig Bloch bei der 250-Jahr-Feier gemacht hatte. 1976 stellte er es bei einem Besuch Bürgermeister Lehner zur Verfügung. Es diente als Grundlage der Innenrenovierung 1972 bis 1980.

Berühmter Emigrant

Bloch wurde 2004 postum zum Ehrenbürger von Floß ernannt. Der Künstler hatte da bereits ein abenteuerliches Leben hinter sich. Als Kleinkind verlor Bloch aufgrund einer Meningitis das Gehör. 1925 lernte er Porzellanmaler in der Fabrik Plankenhammer. Nach der Fachschule in Selb war er Mustermaler für Bauscher in Weiden. Von 1934 bis 1938 studierte er an der Staatsschule für angewandte Kunst München. Dazwischen saß er vier Wochen im KZ Dachau. Als Jude musste er die Kunstschule verlassen. Dank finanzieller Hilfe eines Verwandten aus den USA floh er nach Shanghai, nachdem er zuvor an den restriktiven Einwanderungsbestimmungen etlicher westlicher Länder gescheitert war. In China heiratete Bloch eine Einheimische und arbeitete weiter als Zeichner und Maler. 1941 hatte er in Shanghai seine erste Einzelausstellung.

1949 emigrierten die Blochs in die USA. 26 Jahre lang arbeitete David Ludwig in Mount Vernon/New York in einer Lithographie-Druckerei für keramische Abziehbilder. Nach Angaben der Akademie der Künste in Berlin erhielt er unter anderem einen Auftrag des Weißen Hauses für ein Tafelgeschirr (Lady Bird Johnson). Später verarbeitete er auch den Holocaust künstlerisch. Er starb 2002.

Blick für die Unterprivilegierten

Bloch wurde in mehreren Ländern mit Kulturpreisen geehrt. Sein Nachlass ist inzwischen im Leo-Baeck-Institut in Berlin-New York untergebracht. Künstlerisch galt der Flosser als genauer Beobachter seiner Umgebung. Den Trubel des Stadtlebens hielt er in ausdrucksstarken Farben fest. Dabei galt sein Blick oft den Unterprivilegierten, für die jeder Tag auf den Straßen ein neuer Kampf war. Seine impressionistischen und naturalistischen Aquarelle und Holzschnitte verbinden gekonnt moderne westliche Einflüsse und traditionelle chinesische Ästhetik.

Verewigt hat sich Bloch in seinem Geburtsort mit dem Ölbild "Flosser Heimat", das heute das Trauungszimmer im Alten Pflegschloss schmückt.

Die früheren Teile der Serie zum jüdischen Leben in Floß

Floss
Undatierte Aufnahme der Flosser Synagoge nach der Zerstörung 1938. Sie wird als wilder Müllablageplatz missbraucht.
David Ludwig Bloch (links) bei einem Besuch in den 1980ern in Floß mit Bürgermeister Fred Lehner.
Die Serie:

Jüdisches Leben in Floß

Floß gehört zu den bekanntesten jüdischen Gemeinden Bayerns. Zum 1700-jährigen Jubiläum des jüdischen Lebens in Deutschland beleuchtet Oberpfalz-Medien dies näher. Basis ist die Doktorarbeit von Renate Höpfinger. Die aus Konnersreuth stammende Historikerin hat die Geschichte der Flosser Juden 1648 bis 1942 erforscht. (phs)

 

 

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