19.08.2020 - 14:17 Uhr
EtzelwangOberpfalz

Oberpfälzer Natur geringgeschätzt? Bahn bringt Bürger gegen sich auf

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Die Stromtrassen-Baupläne der Bahn im Landkreis schlagen hohe Wellen. Nun werden neue Vorwürfe laut: Schützt die Bahn den Allgäuer Alpenraum mehr als die Oberpfälzer Natur? Etzelwangs Bürgermeister Roman Berr spricht von einer "Frechheit".

„Bahnstromtrasse Nein – Rettet das Lehental“ steht auf Transparenten, die Bürger an mehreren Stellen rund um Oed (Weigendorf) aufgestellt haben. Dahinter fährt ein dieselbetriebener Regionalexpress der Bahn. Um die Züge mit Strom zu betreiben, will die Bahn eine Stromtrasse in die teils geschützte, naturbelassene Landschaft bauen.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Benachteiligt die Deutsche Bahn (DB) die Oberpfalz beim Trassenbau gegenüber dem Allgäu? Vorwürfe fehlender Gleichbehandlung erhebt Roman Berr. Der Bürgermeister von Etzelwang vermutet, dass das Unternehmen beim Bau seiner Stromleitungen nicht in allen bayerischen Regionen die gleichen Kriterien anwendet.

Denn während die Bahn in der Oberpfalz den Verzicht auf eine eigene Überlandtrasse mit Verweis auf die begrenzten Leitungskapazitäten des öffentlichen Netzes ablehnt, praktiziert der Konzern im schwäbischen Allgäu genau das: Auf über 100 Kilometern soll auf der gerade im Ausbau befindlichen Strecke von München über Memmingen nach Lindau der Strom für die Züge nicht aus einer eigenen Bahnstrom-Oberleitung bezogen werden, sondern über ein sogenanntes Autotransformersystem dezentral aus dem öffentlichen Netz.

"Allgäuer Lösung" für Oberpfalz?

Darauf nimmt Etzelwangs Rathauschef Berr Bezug, wenn er sagt: "Das, was im Allgäu gemacht wird, ist genau die Variante, die wir für den Landkreis Amberg-Sulzbach vorschlagen." Für Irritationen sorgt jedoch die gegenteilige Aussage von Bahn-Projektleiter Matthias Trykowski im Pressegespräch mit der Amberger Zeitung vom 12. August.

Darin beteuerte Trykowski die technische Unmöglichkeit der dezentralen Einspeisung: "Beim Anfahren benötigt ein Güterzug eine kurzzeitige Leistungsspitze im Stromnetz, die vergleichbar ist mit einer Kleinstadt, in der alle Kochherde oder Backöfen gleichzeitig eingeschaltet würden. So etwas würde die öffentlichen Netze überfordern."

Auf Facebook hat Roman Berr seinem Unmut über die Bauplanung der Bahn freien Lauf gelassen. Der Lokalpolitiker stößt sich an einer von ihm als ungleich empfundenen Behandlung gegenüber dem Allgäu.

Doch warum ist es dann im Allgäu möglich? Auf Twitter kommentiert Berr dazu lakonisch: "Ach da schau her, im Allgäu kann man also zugunsten der Umwelt statt Stromtrassen in die Landschaft zu fräsen aus dem öffentlichen Netz einspeisen. Aber bei uns in der Oberpfalz [ist das] natürlich ausgeschlossen." Berr schlussfolgert: "Es ist also keine Frage des Könnens, sondern des Wollens." Darunter setzt der verärgerte Bürgermeister den Hashtag "#verarschenkönnenwirunsselbst".

Der Projektleiter der geplanten Bahntrasse kontert die Kritik aus der Region

Amberg

Oberpfälzer Natur geringgeschätzt

Berr erinnert sich auch an einen Vorstoß des Landtagsabgeordneten Harald Schwartz, welcher in der Vergangenheit anregte, als Pilotprojekt Züge durch die Oberpfalz fahren zu lassen, die umweltfreundlich mit Wasserstoff betrieben werden. "Die Bahn hat das damals abgelehnt. Und wo soll der Zug bald fahren? Im Allgäu." Nun wiederhole sich das Muster bei der Stromtrasse. "Mein Eindruck ist, dass die Landschaft im Alpenraum eine deutlich höhere Wertschätzung erfährt als jene der Oberpfalz. Offenbar kann man sich bei der Bahn gar nicht vorstellen, dass es in der Oberpfalz auch Natur gibt."

Vergleich mit TGV in Frankreich

Berr fühlt sich von der Bahn nicht ernst genommen. "Uns erzählt man, es geht nicht. Und im Allgäu macht man es anders. Das ist keine offene Kommunikation, sondern eine Frechheit uns gegenüber." Mit seiner Kritik ist der CSU-Politiker nicht allein. Mehrere Leser meldeten sich bei unserer Zeitung und verwiesen darauf, dass in Frankreich sogar der Hochgeschwindigkeitszug TGV aus dem öffentlichen Netz gespeist würde. In Skandinavien sei dies sogar Standard und in Ostdeutschland ebenfalls gängige Praxis.

Offenbar kann man sich bei der Bahn gar nicht vorstellen, dass es in der Oberpfalz auch Natur gibt.

Etzelwangs Bürgermeister Romann Berr (CSU)

Wir haben bei der Bahn nachgehakt und um Stellungnahme gebeten. Ein Sprecher, der nicht näher benannt werden möchte, streitet ab, dass die Oberpfalz benachteiligt wird: "Die DB setzt in Deutschland unterschiedliche Elemente der Bahnstromversorgung ein. Die jeweilige Lösung muss zur Strecke und zum zukünftigen Verkehr passen. Nicht für jede Region und jede Strecke ist die gleiche Lösung am besten geeignet. Der Einsatz von Autotransformerstrecken wie im Allgäu, stellt eine angepasste Lösung dar, weil die dortige Strecke weitgehend eingleisig ist und damit weniger Verkehr zu bewältigen hat und weil dabei fast kein Verkehr mit schweren Güterzügen vorgesehen ist."

Insellösung "nicht vertretbar"

In Nordostbayern müsse hingegen "eine neue Bahnstromversorgung mit vielen hundert Kilometern Bahnstrecken und zahlreichen großen Städten" errichtet werden. Eine "Insellösung" wie im Allgäu wäre hier "nicht vertretbar", erläutert der Bahnsprecher. Die Broschüre zur Elektrifizierung im Allgäu, auf die Berr verweist, könne jeder öffentlich im Internet einsehen. Die Unterschiede zwischen der Oberpfalz und dem Allgäu in der Elektrifizierungsplanung seien zudem "durch sachliche Gründe belegbar".

Darüber hinaus sei auch der Vergleich mit dem TGV unpassend, weil in Frankreich "ein ganz anderes Stromsystem" im Einsatz sei, erklärt der Bahnsprecher.

Die Landkreisbewohner protestieren gegen den geplanten Trassenverlauf

Aichazandt bei Illschwang
Lesermeinungen:

Zahlreiche Leser reagierten auf unseren Artikel zum Pressegespräch mit Bahn-Gesamtprojektleiter Matthias Trykowski „Stromtrasse der Bahn: Ausbaupläne sind ‚nicht in Stein gemeißelt‘“ (AZ/SRZ Nr. 187, 14./15./16. August 2020).

  • „Die Aussage verharmlost die Gefährdung durch die Beeinträchtigung des Lebensraums.“
    Helmut Kastner (Neukirchen) zur Aussage Trykowskis, Vögel und geschützte Uhus seien durch eine Kurzschluss-Sicherung an den Masten geschützt.
  • „Corona kommt der Bahn hier natürlich gelegen. Sie bietet Einzelgespräche an. Hier sitzt man dann mehreren Bahnmitarbeitern gegenüber und wird niedergemacht. Ich halte von diesen Einzelgesprächen nichts da hier der Gesprächsinhalt nicht öffentlich dokumentiert wird.“

    Johann Heinrich (Amberg) zur Weigerung der Bahn, öffentliche Info-Veranstaltungen abzuhalten.

  • „Dass die Lichter ausgehen, wenn ein Güterzug anfährt, lässt sich durch zahlreiche Maßnahmen verhindern. Die Schweizer Bundesbahnen haben bereits mit der Umsetzung solcher Lösungen begonnen und fahren offenbar gut damit.“

    Anonymer Leser

Kommentar:

Wackersdorf als Mahnung für die Bahn

Die Bürger in der Region haben bislang immer betont, dass sie nichts gegen die Elektrifizierung an sich haben. Doch wenn sich jetzt, wie beim Etzelwanger Bürgermeister, das Gefühl breit macht, die Bahn würde sie an der Nase herumführen, kann die Stimmung schnell umschlagen.
In ihrer eigenen Infobroschüre zum Streckenausbau im Allgäu erklärt die Bahn, der Bau einer Oberleitung hätte dort „entsprechende Folgen für die Umwelt als auch die Kostenstruktur“. Dass dies jedoch genauso für die Oberpfalz gilt, hat der Konzern bislang gekonnt ignoriert. Wenn im Allgäu eine dezentrale Stromeinspeisung möglich ist, sollte das auch bei uns machbar sein.
Der ein oder andere mag die Oberpfälzer als Hinterwälder abstempeln, die sich leicht übergehen lassen. Doch eine solche Fehleinschätzung hat sich schon einmal bitter gerächt – in Wackersdorf 1985 bis 1989.

Von Tobias Gräf

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