29.05.2020 - 15:38 Uhr
Deutschland und die WeltOberpfalz

Essay: Gemeinsam gestärkt aus der Coronakrise

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Das Coronavirus hat die Welt auf den Kopf gestellt. Nichts ist mehr normal. Die vergangenen Monate haben aber auch gezeigt, dass in vielen Bereichen Undenkbares möglich werden kann, meint Eva-Maria Hinterberger

Das Coronavirus hat unser Leben verändert. Die vergangenen Monate haben aber auch gezeigt, dass in vielen Bereichen Undenkbares möglich werden kann, meint Eva-Maria Hinterberger
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil
Kommentar

Ein Virus hat innerhalb weniger Monate unsere Welt auf den Kopf gestellt. Nicht nur die Lebenswelt einzelner Menschen, sondern wirklich die gesamte Welt. Egal, wohin man auf diesem Kontinent blickt, die Ängste sind überall gleich: die Angst vor einer Ansteckung, die Angst davor, geliebte Menschen zu verlieren, die Angst davor, dass sich die Wirtschaft nicht wieder erholt. Und über allem schwebt eine große Frage: Wie geht es weiter?

Keiner kann sagen, ob und wann wir das Coronavirus besiegen. Das, was wir bisher unter Normalität verstanden haben, gibt es nicht mehr. Es ist fraglich, ob unser Leben, unser Alltag wieder so werden, wie sie es vor der Corona-Pandemie waren. Das macht Angst.

75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gehört der Großteil unserer Bevölkerung einer Generation an, die eine solche Situation noch nicht hatte. Probleme oder Krisen kennen wir in Deutschland nur als punktuell oder temporär auftretende Phänomene. Zugleich waren wir es gewohnt, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt. Dass Politik oder Medizin immer einen Ausweg kennen. Nun sahen wir Politiker und Ärzte zunächst so ratlos, wie wir selbst es waren. Auch sie mussten sich an dieses neue Virus herantasten. Nach und nach wurden Maßnahmen ergriffen, die jetzt, im Nachhinein, manchen Menschen als zu drastisch vorkommen. Doch die Entwicklung und der Vergleich mit Ländern, die langsamer reagiert haben (Großbritannien, USA, Brasilien), zeigen, dass die Entscheidungen richtig waren, dass wir in Deutschland und in Bayern in dieser Pandemie bislang mit einem blauen Auge davongekommen sind. Auch wenn diese Einschätzung wie Hohn und Spott für die Menschen klingen muss, die geliebte Menschen wegen des Virus verloren haben.

Wir wissen, dass unsere bisherige Normalität einer neuen Realität gewichen ist. Einer Realität, in der Dinge passieren, die im vergangenen Jahr noch kaum jemand für möglich gehalten hat. Auch wenn wir selten so distanziert waren wie in den letzten Monaten –die Welt ist ein Stück zusammengerückt. Die Menschen sind in vielen Teilen rücksichtsvoller geworden, im Kampf gegen dieses unberechenbare Virus.

Zeitstrahl: Sechs Monate mit Covid-19

Oberpfalz

Undenkbares möglich

Hätte es im vergangenen Jahr jemand für möglich gehalten, dass die Bundesregierung Hunderte Milliarden von Euro bereitstellt, um Unternehmen zu retten, Geschäften zu helfen oder Eltern finanziell unter die Arme zu greifen, die nicht arbeiten können, weil sie auf ihre Kinder aufpassen müssen?

Hätte es in den vergangenen Wochen jemand für möglich gehalten, dass Schulen in kürzester Zeit Notkonzepte für das Lernen daheim entwickeln, dass Lehrer und Schüler via Skype oder Zoom kommunizieren?

Hätte es im vergangenen Jahr jemand für möglich gehalten, dass unzählige Arbeitnehmer plötzlich im Homeoffice arbeiten? Dass das in vielen Fällen besser funktioniert, als es der Arbeitgeber gedacht hätte?

Hätte es im vergangenen Jahr jemand für möglich gehalten, dass in kürzester Zeit Krankenhäuser entstehen? Sei es in Weiden das Behelfskrankenhaus auf dem Areal des Kepler-Gymnasiums. Oder das Notkrankenhaus, das im chinesischen Wuhan innerhalb von nur acht Tagen entstanden ist.

Hätte es im vergangenen Jahr jemand für möglich gehalten, dass seit Jahren schlecht bezahlte Krankenpfleger, Altenpfleger oder Kassierer im Supermarkt endlich die Anerkennung erhalten, die sie verdienen? Dass sie regelrecht als Helden gefeiert werden, weil sie es sind, die unser System auch in der Krise am Laufen halten?

So schlimm die Corona-Pandemie und ihre Folgen sind – die Krise zeigt uns, dass vieles möglich ist, was man vielleicht als undenkbar betrachtet hatte. Klar ist aber auch: Fast alles davon war nur möglich, weil viele von uns an ihre Grenzen gegangen sind. Seien es Eltern, die daheim Arbeit und Kinder unter einen Hut bringen mussten, Lehrer, die plötzlich vor dem Bildschirm saßen, anstatt vor ihrer Klasse zu stehen, und all jene im Gesundheitswesen, die rund um die Uhr im Einsatz waren.

Was machen wir daraus?

Die Frage ist, was wir daraus machen. Ob wir aus den Geschehnissen der vergangenen Wochen und Monate lernen, Teile dieser Realität zu unserer neuen Normalität werden lassen, die hoffentlich irgendwann einkehren wird.

Warum fragen wir nicht auch in Zukunft die alte Dame aus der Nachbarschaft, ob wir ihr etwas aus dem Supermarkt mitbringen sollen? Vielleicht wird der Vorgesetzte künftig nicht ablehnen, wenn ihn ein Mitarbeiter bittet, von daheim arbeiten zu dürfen. Schulen könnten ihre Angst vor dem Schreckgespenst „Digitalisierung“ verlieren. Was in der Not ansatzweise funktioniert hat, könnte der erste Schritt zu einem guten Digitalisierungskonzept werden. Und im allerbesten Fall bleibt auch die Bonuszahlung für Pflegekräfte keine einmalige Sache. Wäre es nicht noch schöner, wenn diese Menschen die Anerkennung für ihre Arbeit nicht nur auf unseren Gesichtern, sondern auch auf ihrem Gehaltszettel sehen würden?

Natürlich wird das alles Zeit, Aufwand und wohl auch Überwindung kosten. Aber wir haben in den letzten Monaten gemerkt, wie leicht so manches fällt, wenn alle mithelfen und aufeinander schauen. Wir müssen es nur erst wollen. Und dann machen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.