04.12.2021 - 12:33 Uhr
EslarnOberpfalz

Nach über 300 Bäckerjahren noch lange nicht Schluss

Die Familie Landgraf hat einen Nachfolger gefunden, der ihre Eslarner Traditionsbäckerei übernehmen will. Dabei liegt Hans Landgraf beim Übergang etwas besonders am Herzen.

Ab 4. Januar 2022 übernimmt Bäckermeister Tino Treptow (links) die Bäckerei von Hans Landgraf.
von Karl ZieglerProfil

Die Traditionsbäckerei von Maria und Hans Landgraf direkt am Marktplatz übernimmt Bäckermeister Tino Treptow (33) aus Pommelsbrunn offiziell am 4. Januar 2022. Bis zur vereinbarten Übergabe unterstützt Landgraf den Nachfolger nach besten Kräften und erleichtert der Familie dadurch den Übergang in die Selbstständigkeit. Wichtig für Landgraf war, dass die Bäckerei in Eslarn weiter die Kundschaft versorgt, alle Angestellten übernommen werden und so manche Spezialität weiterhin angeboten wird.

In den schriftlichen Überlieferungen von Heimatforscher Josef Hanauer taucht das Handwerk bereits im 17. Jahrhundert auf. Am 16. Mai 1631, während des Dreißigjährigen Krieges, hatten die Weißbäcker zu Moosbach, Waidhaus, Burgtreswitz und Eslarn auf ihr Ansuchen hin eine Handwerksordnung erhalten. Einer der erstgenannten Bäcker am Marktplatz soll 1640 Michael Weigl und der erste Weißbäcker 1681 Johann Wolf Bauritl gewesen sein. Zu der Zeit gab es viele Weißbäcker, die das traditionelle Handwerk ausübten. Am 9. Dezember 1722 sollen laut Heimatforscher Hans Schlemmer Vertreter des vereinigten Handwerks nach einem Gottesdienst im Haus des Weißbäckers Andre Bauriedl, Haus-Nummer 16 (heute 6), erstmals zusammen gekommen sein.

1919 übernimmt Bernhard Landgraf

Zu diesem Zeitpunkt vereinten sich die Handwerkerberufe Bäcker, Müller und Fleischhacker in einer gemeinsamen Zunft. In den Jahren ging das Anwesen Nummer 16 an weitere Eigentümer und kam 1845 zu Weißbäcker Georg Landgraf in die Familie Landgraf. Beim Großbrand im Jahre 1895 wurden neben zahlreichen Wohn- und Nebengebäude auch die Bäckerei "Mulzerballer" – der Name stammt vom handwerklichen Beruf eines Mälzers – in Mitleidenschaft gezogen. Das Anwesen ging 1919 an Landwirt und Bäcker Bernhard Landgraf. 1951 folgten Ludwig und Erika Landgraf, die Eltern von Hans Landgraf. Es gab zahlreiche Bäcker. Zum "Mulzerballer" (Landgraf) kam 1864 „Matthiersl“ (Karl), 1901 „Koiserpeter“ (Kaiser), 1907 „Greiwonger“ (Johann Merold, später Riedmann), 1925 „Lahmschneider“ (Leipold), 1934 „Zacherl“ (Fürtsch), 1947 „Wulfadl“ (Brenner) und 1953 „Gougl“ (Wild) dazu.

Die Doppelbelastung von Ludwig Landgraf als langjähriger Bäcker und 18 Jahre als Bürgermeister von Eslarn zerrten auch an der Gesundheit. Nach dem unerwarteten Tod übernahm am Sterbetag, am 1.2.1979 Sohn Hans Landgraf im Alter von 20 Jahren den Betrieb. "Das Bäckerhandwerk war nach der Schulausbildung zwar nicht mein Wunschberuf, sondern mein Traum war Tontechniker zu werden oder in der Werbebranche zu arbeiten." Landgraf wollte eher künstlerisch tätig sein, andererseits sollte das Lebenswerk seiner Eltern nicht einfach enden und war bereit Verantwortung zu übernehmen. So lernte Hans Landgraf von 1976 bis 1978 bei Krämer in Luhe das Bäcker- und Konditorhandwerk und erkannte, dass er auch in dem Beruf kreativ sein konnte. 1983 folgte die Meisterprüfung mit Auszeichnung. Über die Jahre investierten Maria und Hans Landgraf in ihren Betrieb und wurden zum anerkannten Ausbildungsbetrieb. Dies belegten drei prüfungsbeste Lehrlinge und in den Jahren mehrere Auszeichnungen, unter anderem zweimal der Bayerische Staatspreis für das Bäckerhandwerk und für ausgezeichnete Lehrlingsausbildung.

Multikultureller "Ameisenhaufen"

"Die Coronapandemie hatte weder Auswirkungen auf den Betrieb noch auf meine Familie, da wir mit uns und der Bäckerei beschäftigt waren." Der Bäckerberuf bedeute laut Landgraf eine große physische als auch psychische Belastung. "Andererseits erfüllt einem täglich der Geschmack von natürlichen Produkten und das stete Karibik-Wetter in der Backstube mit Freude", fügte Landgraf an. Für den Bäcker beginnt der Tag um 1.30 Uhr und endet gegen Abend, so dass täglich rund fünf Stunden Schlaf bleiben. Das umfangreiche Tag- und Nachtgeschäft kann nur gemeinsam mit leidenschaftlichen und erfahrenen elf Mitarbeitern bewältigt werden. Mit der Beschäftigung zweier Helfer aus Eritrea und jeweils einem aus Äthiopien und dem Irak trägt die Bäckerei auch erfolgreich zur Integration von Flüchtlingen bei. "Eine Bäckerei ist wie ein Ameisenhaufen, in dem es geordnet rund geht und jeder seine Aufgabe hat."

Früher genügte ein begrenztes Sortiment mit einem Brot und drei Semmel- und ein paar Kuchensorten. Heute dagegen sind Menschen mobiler und sehen ein großes Angebot, dem sich kein Bäcker verschließen kann, so dass es heute bis zu sieben Brotsorten und zwölf verschiedenen Semmeln und Kuchen gibt. Nach 42 Jahren in der Backstube wurde es für Maria und Hans Landgraf Zeit kürzer zu treten und einen geeigneten Nachfolger zu finden. "Unsere beiden Kinder haben andere Interessen und wir konnten es verstehen, dass jeder nach seinen Talenten und Fähigkeiten sein Leben planen wollte."

Nach über zweijährigen Suchen wollte es der Zufall, dass sich mit Tino Treptow ein perfekter Nachfolger meldete. "Es war nicht leicht einen Käufer zu finden." Der Bäcker aus Franken erwarb den gesamten Gebäudekomplex samt Bäckerei und erfüllte mit der Übernahme aller Angestellten einen Herzenswunsch des Ehepaars Landgraf. Der neue Bäcker zieht im November 2021 mit seiner Ehefrau und den beiden Kindern nach Eslarn und übernimmt am 4. Januar die Bäckerei. "Bis dahin werde ich meinen Nachfolger unterstützend zur Hand gehen."

Alte und neue Spezialitäten

In einem Gespräch versicherte Treptow, dass er als Nachfolger zur traditionellen Handwerkskunst auch beliebte saisonale Spezialitäten wie Osterbrote (600 Stück), Kirwakuchen, Allerheiligenspitzl und aktuell die 1500 Martinshörnchen weiterhin anbieten möchte. Da Treptow unbedingt in die Selbstständigkeit wechseln wollte und Landgraf einen geeigneten Nachfolger suchte, bezeichneten beide die reibungslose Übergabe als "Sechser im Lotto". Der Start zur Übernahme einer eigenen Bäckerei samt Inventar wurde durch das Amt für ländliche Entwicklung Oberpfalz mit einer 45-prozentigen Förderung unterstützt. Mit der Maßnahme im Rahmen des Programms „Förderung von Kleinstunternehmen" sichert die Landesbehörde die Grundversorgung und die Landbevölkerung kann weiterhin im Ortskern ihre Einkäufe erledigen.

"Für meine Frau Maria und für mich war es ebenfalls wichtig, dass die mir am Herzen liegende Bäckerei weiterhin existiert, die Bevölkerung weiterhin bestens mit Backprodukten versorgt wird und unsere Investitionen nicht umsonst waren." Überrascht war der Nachfolger, dass zum Haus auch ein Bierkeller gehört. Inwieweit der Neue auch unter die "Islouer" Bierbrauer gehen wird, bleibt abzuwarten. Gleichzeitig bietet Bäckermeister Treptow ab Januar 2022 zusätzlich besondere Leckereien wie Lebkuchen aus seiner fränkischen Heimat an. Für Maria und Hans Landgraf beginnt als Oma und Opa in Steinberg am See ein neuer familiärer Lebensabschnitt. "Wir haben jetzt mehr Zeit für die fünf Enkel unserer beiden Kinder und ihrer Partnern." Aktuell wird die Bevölkerung in Eslarn durch die Bäckereien Landgraf (Mulzerballer, Karl (Boderbeck) und Schmid (Der Beck), sowie die Backstube im Netto mit Backwaren versorgt.

Wechselvolle Geschichte der Eslarner Bäckereien

Eslarn
Der Bäcker Hans Landgraf übernahm am 1.2.1979 die Bäckerei seines Vaters Ludwig (Bild) und erinnert sich an schöne Zeiten.
Hans Landgraf (Zweiter von rechts) erhielt zweimal den Bayerischen Staatspreis für das Bäckerhandwerk und für ausgezeichnete Lehrlingsausbildung.
Hans Landgraf zeigte den Kindern die Herstellung der beliebten Brezen.
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