25.06.2021 - 15:14 Uhr
EslarnOberpfalz

Vor 30 Jahren: Schrittweise in Richtung Grenzöffnung

Der Schlagbaum am Grenzübergang Eslarn öffnete sich vor 30 Jahren. Aber schon seit dem 17. Jahrhundert schrieb die Grenze eine lebhafte Geschichte. Ein Rückblick vom "Confin-Wacht-Hauß" bis zu Corona-Grenzschließungen.

Im Beisein von Vertretern des Zolls, vom Bundesgrenzschutz und der Grenzpolizei durchtrennte Bürgermeister Karl Roth symbolisch das "Grenzband". Links daneben der Zeitzeuge Franz Dimper von der Grenzpolizeiinspektion Waidhaus.
von Karl ZieglerProfil

Am 1. Juli 1991 kam es zur Öffnung des Grenzübergangs Eslarn/Zelezna, wobei vorerst Fußgänger und Zweiradfahrer den Grenzkontrollpunkt passieren durften. Erst zwei Jahre später folgte die Freigabe für den regionalen Grenzverkehr. Der internationale Fahrzeugverkehr in beide Richtungen rollte ab 2007. Der Eslarner Grenzübergang entwickelte sich aufgrund des möglichen Billigeinkaufs im tschechischen Grenzraum zu einem Besuchermagneten, so dass bereits Jahre nach der Erstöffnung deutlich über eine Million Reisende gezählt wurden.

An der böhmischen Grenze zwischen Eslarn und Eisendorf soll bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein "Confin-Wacht-Hauß" gestanden haben. Die damaligen Wächter, denen das Haus als Unterkunft diente, sollten das Einschleppen gefährlicher Infektionskrankheiten aus Richtung Osten verhindern. Noch vor 1758 wurde das Haus abgerissen und 1845 an der Stelle ein Zollhaus errichtet.

Leben an der Grenze kehrte ab dem 19. Jahrhundert durch die Ansiedelung ein. Der Name des Eslarner Ortsteils "Tillyschanz" stammte von den 1611 angelegten und während des Dreißigjährigen Krieges 1621 vom Feldherrn Johann t’Serclaes von Tilly zum Schutz gegen Überfälle aus Böhmen veränderten Bodenschanzen. Seither stand der Weiler und die Grenze geschichtlich und wirtschaftlich des Öfteren im Rampenlicht. Nach 1880 erhöhte sich der Ausfuhrzoll aus Böhmen für Bretter und Balken, so dass nur noch das Stammholz ohne Zoll aus Böhmen ausgeführt wurde. Dies nahmen Holzhändler zum Anlass, um direkt an der Grenze auf bayerischem Boden eine Dampfschneidesäge zu errichten. Das aus Böhmen zollfrei eingeführte Stammholz wurde von 60 Beschäftigten zu Brettern geschnitten und verkauft.

Eisenbahnbau und Zahnärzte

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg durften die Zahnärzte an einem Tag in der Woche grenzüberschreitend Patienten behandeln. Beim Bau einer Eisenbahn von Neustadt nach Eslarn steuerte das böhmische Forstamt 1908 rund 16000 Mark bei und erhoffte sich dadurch einen rascheren Abtransport der geschnittenen Bretter und dazu einen wirtschaftlichen Aufschwung. Aus der Anbindung der Gleise nach Eisendorf und weiter nach Weißensulz wurde jedoch nichts.

Als 1938 das Sudentenland dem Deutschen Reich angegliedert wurde, war Eslarn kein Grenzort mehr, so dass die Zollstation aufgelöst wurde. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges siedelten über die Grenze bei Tillyschanz zahlreiche Bewohner aus Böhmen und Schlesien aus. Der kleine Grenzübergang am Ortsteil Tillyschanz wurde nach dem Krieg vollkommen geschlossen und von der tschechoslowakischen Regierung anfangs nur im Einzelfall zur Holzausfuhr geöffnet. Das Zollamt wurde während des "Eisernen Vorhangs" ab 1945 wieder besetzt und 1946 begann die Grenzpolizei, der Zoll, der Bundesgrenzschutz und die Amerikaner mit der Streifentätigkeit entlang der "Grünen Grenze".

Entlang der tschechischen Grenze wurden die Verkehrswege in Richtung Westen verbarrikadiert, Gebäude und ganze Ortschaften direkt an der Grenze abgerissen und viele Grenzübergänge wie Eslarn geschlossen. Auch die Kirche und Teile der Ortschaft in Zelezna (Eisendorf) wurden gesprengt. Auf CSSR-Gebiet zog sich entlang der gesamten Grenze ein 356 Kilometer langer zweireihiger Grenzzaun. Noch im Dezember 1989 begann aufgrund der "samtenen Revolution" im Osten der Abbau des Sicherungszaunes und der Umbruch führte zur Liberalisierung auch zwischen Deutschland und Tschechien.

Die vorgeschlagene Öffnung des Grenzübergangs Eslarn/Zelezna begründeten die Befürworter mit einer gut ausgebauten Staatsstraße von Eslarn über Moosbach nach Vohenstrauß. Zudem wies man auf die noch bewohnte tschechische Ortschaft Zelezna und ein gut ausgebautes Straßennetz im Osten hin. Angedacht war Eslarn nicht zuletzt auch als Ausweichübergang bei größerem Reiseaufkommen in Waidhaus.

Auch Bedenken

Bedenken zur vorgesehenen Grenzöffnung äußerte in einem Schreiben die Höhere Naturschutzbehörde. "Die Zufahrt zur Grenze führt auf bayerischer Seite durch ein geschlossenes Waldgebiet und müsste erweitert werden, was eine Inanspruchnahme weiterer Waldflächen und erheblichen Störeffekt durch Lärm auf die angrenzenden Waldbereiche bedeuten würde", lautete die Begründung. Zudem wurden auf die Feuchtflächen und das Landschaftsbild auf tschechischer Seite verwiesen.

Nach einem längerem Austausch zwischen Ministerien und Behörden durften am 17. Februar 1990 am Grenzübergang Eslarn erstmals tausende Menschen für einen Tag ohne Grenzkontrolle, ohne Visum und ohne Pass auf der Staatstraße in Richtung Zelezna (Eisendorf) wandern. Die Szenerie glich laut dem damaligen EPHK Franz Dimper von der Grenzpolizeiinspektion einer "großen Völkerwanderung" und war der Beginn eines solidarischen Miteinanders. Im selben Jahr erfolgte die Gründung einer Patenschaft zwischen den Gemeinden und den Fremdenverkehrsvereinen Eslarn und Bela.

Zunächst nicht für Autos offen

Bereits 1991 begannen auf tschechischer und deutscher Seite die Arbeiten für ein Grenzabfertigungsgebäude, in das nach der Fertigstellung im Juni der Zoll und die Bayerische Grenzpolizei einzogen. Trotz der Bedenken erfolge am 1. Juli 1991 die Öffnung des Grenzübergangs "Tillyschanz", jedoch vorerst nur für Fußgänger, Radfahrer und Fahrzeugführer von Zweirädern bis 50 Kubikzentimeter. Anhand von vorliegenden Bildern und in Gesprächen erinnerten sich die beiden Eslarner, der ehemalige GPI-Leiter Franz Dimper und damalige Zöllner Herbert Dorner, an die Grenzöffnung. Bei der offiziellen Grenzöffnung mischten sich unter die rund 1100 Gäste einige Vertreter der Politik und zahlreiche Führungskräfte der Grenzpolizei, vom Bundesgrenzschutz und vom Zoll.

In den Ansprachen wünschten sich Bürgermeister Karl Roth aus Eslarn und Ludovik Kopcek aus Bela (Weißensulz) ein gegenseitiges Zusammenwachsen und solidarisches Miteinander. Die Grenzöffnung wurde mit dem symbolischen Durchtrennen eines Sperrbandes besiegelt, so dass die zugelassenen Verkehrsteilnehmer zu Fuß, per Rad oder Kleinkraftrad die Grenze passieren konnten. Die Freigabe für den regionalen Grenzverkehr für die Kennzeichen NEW, SAD, WEN und TC und DO folgte am 1. Oktober 1993. Da zu Beginn nur die Altlandkreise Vohenstrauß und Oberviechtach eine Genehmigung erhielten, musste die Erlaubnis auf die Landkreise Neustadt und Schwandorf erweitert werden.

Bereits 1996 wurden über 1,5 Millionen Reisende und rund 340.000 Fahrzeuge gezählt. Grund der Zunahme war der Billigeinkauf in einem neu eröffneten Vietnamesenmarkt und Duty-Free-Shop. Da die Busfahrer mit überregionalen Kennzeichen, vor allem aufgrund von Werbefahrten nicht ausreisen durften, stellte sich der Parkraum vor der Grenze als zu klein heraus. So wurden alleine 1996 insgesamt 166 Busse und 1000 Verkehrsverstöße gezählt. Am 16. Mai 1997 trafen sich Politiker und Behördenvertreter mit Vertretern vom Bayerischen Staatsministerium des Innern im Eslarner Rathaus zu einer Besprechung. Zur Diskussion standen die Parkprobleme und eine mögliche (teilweise) Sperrung. Eine Toilettenanlage wurde aufgrund zu hoher Kosten abgelehnt.

Drei Millionen Grenzgänger pro Jahr

Im Einvernehmen mit dem Innenministerium, der Regierung der Oberpfalz und des Landratsamtes Neustadt erfolgte am 20. Mai 1997 ab Eslarn die Sperrung der Zufahrt für Busse. Für die Fahrt mit dem Schulbus nach Tschechien wurden Ausnahmeerlaubnisse erteilt. Die Reisendenzahlen stiegen von Jahr zu Jahr und erreichten jährlich über drei Millionen Personen und über eine Million Fahrzeuge. Der zunehmende Einkaufstourismus und die Überlastung der Ortsdurchfahrten führte zur Diskussion einer Ortsumgehung um Moosbach und Eslarn und auch die Verkehrs- und Hygieneprobleme am Grenzübergang und der Toiletten in umliegenden Gasthäusern kamen zur Sprache.

Noch Ende 2004 folgten am Grenzübergang in Eslarn gemeinsame Kontrollen mit Grenzpolizei und Zoll und später mit der tschechischen Polizei und dem Zoll. Aus den Umgehungsstraßen wurde zwar nichts, aber im Oktober 2007 wurde der Ausbau der unfallträchtigen und viel befahrenen, engen Staatsstraße von Eslarn zum Grenzübergang in zwei Etappen fertiggestellt.

Mit der Erfüllung des Schengen-Standards durch Tschechien fielen in der Nacht vom 20. auf 21. Dezember 2007 endgültig die Grenzkontrollen entlang der tschechischen Grenze. Dies bedeutete freie Fahrt für alle in einem freien Europa. Aktuell beruhigte sich die Verkehrslage auf der inzwischen ausgebauten Straße. Der parallel zur Straße laufende neue Europa-Radweg wird von zahlreichen Radfahrern und Wanderfreunden von und nach Tschechien benutzt. Während der Grenzschließungen wegen der Corona-Pandemie kamen für viele Erinnerungen an die Geschichte des Grenzübergangs hoch.

Veränderte Einreisebestimmungen ween Corona

Eslarn
Bereits vor der offiziellen Grenzöffnung durften am 17. Februar 1990 tausende Menschen für einen Tag ohne Grenzkontrolle und ohne Pass auf der Staatstraße in Richtung Zelezna (Eisendorf) wandern.
Hintergrund::

Zugelassener Verkehr am GÜG Eslarn

--ab 1945 war die Grenze geschlossen, nur für Holzausfuhr geöffnet und später gänzlich geschlossen

--ab 1.7.1991 für Fußgänger, Radfahrer und Kleinkrafträder bis 50 ccm geöffnet

--ab 1.10.1993 für regionalem Verkehr freigegeben

--ab 20.5.1997 sofortige Sperrung der Zufahrt für Busse ab Eslarn

--ab 21.12.2007 freie Fahrt für alle in ein freies Europa. (gz)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.