03.01.2021 - 13:21 Uhr
EschenbachOberpfalz

Kolpingfamilie Eschenbach: Vor 160 Jahren "oberhirtliche Genehmigung" bekommen

Am 4. Januar vor 160 Jahren hat sich in Eschenbach ein Meilenstein ereignet. Die heutige Kolpingfamilie wird aus der Taufe gehoben.

"Katholischer Gesellen-Verein Stadt Eschenbach", steht auf der Fahne von 1906.
von Walther HermannProfil

Vor 160 Jahren schlug offiziell die Geburtsstunde der heutigen Kolpingfamilie. Das bischöfliche Ordinariat erteilte am „4. Jänner 1861 … die oberhirtliche Genehmigung“ zur Bildung eines katholischen Gesellenvereins. Gleichzeitig sprach es die Erwartung aus, „es werde auch der Gesellenverein zu Stadteschenbach nach allen Beziehungen wahrhaft katholische Gesinnung und Gesittung bethätigen und so den übrigen katholischen Gesellen-Vereinen sich würdig erweisen.“

Die Geschichte dieses Gesellvereins weist jedoch „Fehlzeiten“ auf. Auch die Namensgebung änderte sich. Auf „Katholischer Burschenverein“ folgte „Gesellenverein“ und ab 1981 „Kolpingfamilie“. Dem auch politisch bestimmten Auf und Ab des Vereins sind 1981 und 1996 Robert Dotzauer und Peter Polatschek nachgegangen. Ihre Ergebnisse und Einblicke ins Kolping-Archiv bilden die Grundlage für den Rückblick zum Jubiläum. Als Gründungszeit des Katholischen Gesellenvereins wird in deren Chroniken der November oder Dezember 1860 angegeben. Als Vorbild des Vereins werden ähnliche Bewegungen in „größeren Städten der Umgebung“ genannt, die „die Vereinigung der Jugend – egal ob Bürgersohn oder Handwerker – unter dem Banner des Gesellenvereins“ zum Ziel gehabt haben. In seiner „oberhirtlichen Genehmigung“ verweist das Ordinariat auf einen Brief von Pfarrer Franz Specht, aus dem es „mit Freude ersehen“ hat, „dass sich auch in Eschenbach ein kathol. Gesellen-Verein gebildet habe“.

Specht wird „zum Präses des neu gegründeten Vereins bestätigt“. Nach dessen Tod im gleichen Jahr bemühte sich vor allem der "örtliche Cooperator Schmid" um eine geistige Weiterbildung der Gesellen sowie um deren Fortbildung auf technischem Gebiet. Dazu war auch die Errichtung einer Bibliothek in Eschenbach geplant. Viel Wert legte der Geistliche auch auf die „Anerziehung standesgemäßer Sittlichkeit“. Als Begründung für den vollständigen Niedergang des Vereins nach nur zwei Jahren nennt der Chronist nur „Klippen, an denen der Verein gewöhnlich zugrunde geht“. Vermutlich war ein Rückgang der Vereinsangehörigen der Grund dafür. Mitglieder des Vereins gründen später die Vereinigungen „Concordia“ und „Frohsinn“.

Erst im Jahr 1904 wird der Gedanke eines Gesellenvereins mit der Heimkehr einiger Bürgersöhne aus der Fremde, Wandergesellen mit Vereinserfahrung, wieder aufgegriffen. Chronikberichten zufolge scheint in den Monaten unmittelbar vor der erneuten Vereinsgründung der Aufbau einer Art Volksbühne im Vordergrund der Aktivitäten gestanden zu haben. Denn in der Folgezeit nahm das Theaterspiel stets einen gewichtigen Platz im Vereinsleben ein. Einer intensiven Werbung und einer Vorbesprechung am 3. November im Gastzimmer der Metzgerei Wöhrl (Marienplatz 29) folgte am 13. November 1904 im festlich geschmückten Saal des Gasthofs „Krone“ (heute Restaurant Portofino) die Gründung des „Katholischen Burschenvereins Eschenbach“ mit 42 Vereins- und 19 Ehrenmitgliedern. Der Vorstand setzte sich zusammen aus Vorsitzendem Michael Wöhrl, Ordner Hans Kirmeier, Schriftführer Georg Schiffmann und Kassier Michael Höller. Der Verein wurde im königlich-bayerischen Bezirksamt eingetragen.

80 Mitglieder in nur einem Jahr

Die rege Aktivität des Vereins mit Theaterspiel und Gesellschaftsabenden mit Musik ließ den Mitgliederstand in einem Jahr auf 80 ansteigen. Unterstützt durch Spenden, Ehrenpräses Stadtpfarrer Fertsch stellte hundert Goldmark zur Verfügung, gelang die Anschaffung einer Fahne, gefertigt im Kloster Michelfeld. Die Fahnenweihe mit dem Gesellenverein Pressath als Patenverein am 20. Mai 1906 wurde zu einem Großereignis. Im gleichen Jahr übernahm Georg Schiffmann das Amt des Vorsitzenden. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges setzte den Aktivitäten jedoch ein jähes Ende. Sechs Mitglieder verloren ihr Leben.

Am 13. Januar 1919 raffte sich eine Schar Unentwegter unter Präses Josef Bücherl und Vorstand Hans Höller schließlich auf, die alte Tradition zu erneuern. Am 11. Januar 1920 wählten die 30 verbliebenen Mitglieder unter der Fahne des Gesellenvereins Johann Danzer zum neuen Vorsitzenden. In der Folgezeit beteiligte sich der Verein an festlichen Auftritten wie bei der Fahnenweihe des Nachbarvereins Tremmersdorf/Speinshart. Am Dreikönigstag 1925 beschloss die Generalversammlung einstimmig, den Namen „Burschenverein“ in „Gesellenverein“ umzuwandeln und sich mehr den Zielen Adolf Kolpings zu widmen.

Müll dort, wo er nicht hingehört

Eschenbach

Ein Meilenstein in der Geschichte des Vereins war der Bau eines eigenen Heimes. Der Bau des Vereinssaales, in Angriff genommen unter Präses Morgenschweis, wurde zum Großteil durch Spenden und Zuschüsse finanziert. Die Mitglieder des Vereins erbrachten unzählige Arbeitsstunden. Zur Minderung der Baukosten wurden auch „Anteilsscheine am Bau des Ottoheimes“ an die Bevölkerung verkauft, die später vom Gesellenverein zurückgekauft werden sollten. Die Grundsteinlegung erfolgte am 19. Mai 1926. Der Name „Ottoheim“ erinnert an Otto Dreuße, ein verstorbenes Mitglied des Gesellenvereins, dessen Eltern das Grundstück für die Errichtung des Saales im Anschluss an das Wohnhaus zur Verfügung stellten.

Konflikt mit Staatsmacht

Nach dem Ausscheiden des Vorsitzenden Johann Danzer führten den Verein in den zwanziger und dreißiger Jahren die Vorstände Matthias Emmerling, Hans Pühler, Martin Neukam, Georg Frohnhöfer und Hans Scherm. 1931 waren im Gesellenverein erstmals Anzeichen von Furcht vor politischen Übergriffen spürbar. Zu ersten handfesten Konflikten zwischen Gesellenverein und Staatsmacht kam es von März bis Juni 1933. In dieser Zeit wurden sogar zwei Vereinsmitglieder durch die Polizei in Schutzhaft (Dachau) genommen. Nach einer Anordnung der Kolping-Reichsleitung im Jahr 1935 hatte sich der Gesellenverein nun offiziell „Deutsche Kolpingsfamilie Pfarrei Eschenbach“ zu nennen. Nachdem dem Verein mit Beschluss des Amtsgerichts vom 3. Dezember 1935 die Rechtsfähigkeit jedoch entzogen worden war, erhielt er am 15. Februar 1936 ein Schreiben des Ortsgruppenleiters der NSDAP, in dem ihm eine „Daseinsberechtigung“ abgesprochen wurde. Nach der Auflösung des Vereins wurde dieser von einem „Geheimvorstand“ unter Hans Scherm weitergeführt. Die Zusammenkünfte fanden stets in einem Nebenzimmer der Privatwohnung Scherms unter größter Geheimhaltung statt. Die Vereinsfahne wurde der Kirche übergeben. Während der NS-Zeit bewahrte sie Hans Pühler auf.

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1937 verkaufte Maria Dreuße Wohnhaus mit angebautem Vereinssaal und Garten an die Stadt Eschenbach. Das Ottoheim (zuletzt Diska-Markt und Getränke Siegler) wurde in „Dennerlein-Saal“, nach dem damaligen NS-Kreisleiter, umbenannt und wurde vor allem für Parteiveranstaltungen genutzt.

Schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg traten Hans Scherm und Baptist Groß an den damaligen Pfarrer Augustin Meierhofer mit der Bitte heran, er möge sie beim Aufbau eines neuen Gesellenvereins unterstützen. Damals wäre auch die Stadt Eschenbach bereit gewesen, einem neugegründeten Gesellenverein das Ottoheim zurückzugeben. Meierhofer verzichtete jedoch auf jegliche Ansprüche und kaufte von der Stadt Eschenbach das ab 1952 nicht mehr benötigte Schulhaus. Es wurde Pfarrheim. Auch unter den Pfarrern Josef Jungtäubl und Paul Gerwald stießen Pläne zur Gründung einer Kolpingfamilie auf taube Ohren. Erst unter Pfarrer Andreas Uschold kam es nach eingehenden Vorgesprächen am 15. November1981 zur Gründung des 160. Kolpingvereins der Diözese Regensburg. Die Patenschaft übernahmen die Kolpingfamilien Grafenwöhr und Pressath.

Zu Aushängeschildern wurden Waldweihnacht, Johannisfeuer, Reisen, das Sammeln von Altpapier und Gebrauchtkleidern und Bibelabende. Wanderaufenthalte in Südtirol und Stationen des Jakobsweges mit Ruhestandspfarrer Helmut Süß bereichern das Vereinsgeschehen ebenfalls. Manfred Neumann, er wirkte bis Dezember 1999 als Vorsitzender, schenkte dem Verein im gleichen Jahr eine Standarte.

Am 2. Juli 2004 begannen nach zeitraubendem Genehmigungsverfahren engagierte Mitglieder mit dem Bau eines Vereinsheims in der Weidelbachstraße. Bei der Segnung des Heims am 19. Oktober 2008 sprach Vorsitzender Reinhold Graßler von 3700 erbrachten ehrenamtlichen Arbeitsstunden von Mitgliedern und Freunden, die außer Erdaushub und Dachstuhl alle Gewerke abdeckten. Während einer Jahreshauptversammlung während der Bauphase dankte die wiedergewählte zweite Vorsitzende Elfriede Scherl den Vorstandskollegen, namentlich Reinhold Graßler und Herbert Körper, mit den Worten: „Ohne diese beiden würde unser Haus nicht stehen.“

Mit den Erlösen aus den Altpapier- und Gebrauchtkleidersammlungen bedenkt die Kolpingfamilie stets kirchliche und caritative Einrichtungen und von Unglück Betroffene. Die Zuwendungen summieren sich inzwischen auf einen stattlichen fünfstelligen Betrag.

So sieht das heutige Kolpingheim in der Weidelbachstraße aus. Bis dahin war es ein langer Weg.
Die Fahne mit Gedenkband für elf Gefallene im Ersten Weltkrieg.
Das "Ottoheim" war das erste eigene Haus für den damaligen katholischen Burschenverein.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.