26.03.2021 - 11:44 Uhr
EschenbachOberpfalz

Ein Brunnen im Leichenwagen: Wie der "Eiserne Jüngling" nach Eschenbach kam

Der „Eiserne Jüngling“ gehörte früher ganz selbstverständlich zum Stadtbild von Eschenbach. Kaum jemand hat sich jedoch einmal Gedanken über seine Herkunft und Bedeutung gemacht. Und doch weist der Brunnen eine interessante Geschichte auf.

Der „Jünglingsbrunnen“ stand einst auf dem Eschenbacher Karlsplatz.
von hevProfil

Beim "Eisernen Jüngling" handelt es ich um eine mit reichlich Rost überzogene Figur, die bis in die späten 1960er Jahre, umgeben von Bäumen, inmitten einer kleinen Anlage auf Höhe der ehemaligen Schnapsbrennerei Praun am Karlsplatz stand. Der Brunnen stellte einen Schnitter mit Sichel, Stab und einer Getreidegarbe dar. Am Brunnenaufbau floss Wasser aus dem Rachen von Faunen in zwei Becken. Und: Der "Eiserne Jüngling" war zuvor ein Regensburger.

Einige Plätze in der Donaustadt erhielten im 19. Jahrhundert Zierbrunnen, die allerdings etwa 100 Jahre später den angeblich unabdingbaren Erfordernissen des modernen Verkehrs geopfert wurden. So musste auch ein um 1860 errichteter Brunnen auf dem Arnulfsplatz vor dem Stadttheater und der Brauereigaststätte Kneitinger der Verkehrsführung weichen. Vermutlich schob man ihn einfach beiseite, als der Platz umgestaltet wurde.

Eine Aufnahme aus der Zeit um 1900: „Auf der Schei’m“ nennen die alteingesessenen Regensburger noch heute das einstige Rondell mit dem plätschernden Jünglingsbrunnen in der Mitte.

Als 1928 eine Abordnung aus Eschenbach in Regensburg weilte, um den „schönsten Regensburger Leichenwagen“ in gebrauchtem Zustand abzuholen, erhielt sie angeblich als kostenlose Dreingabe das gusseiserne Monument. Unter mysteriösen Umständen brachte die Delegation den Brunnen in dem eben erstandenen Leichenwagen in die oberpfälzische Kleinstadt.

Die Eschenbacher frotzelten damals, sie hätten einen Leichenwagen mit einer Leiche bekommen. Die Leiche „erwachte“ in der Rußweiherstadt jedoch als sprudelnder Brunnen zu neuem Leben.

Der Eschenbacher Leichenwagen aus Regensburg verrichtete bis in die 1960er Jahre, von zwei Pferden gezogen, seinen Dienst in der Rußweiherstadt.

Als in der Ära von Bürgermeister Hans Grünwald (1966 bis 1972) der Karlsplatz an Stelle des alten Kopfsteinpflasters eine Bitumendecke erhielt, wurde der "Eiserne Jüngling" erneut für überflüssig erachtet und zum Nulltarif feilgeboten. Max Appl, der damalige Leiter der Eschenbacher Straßenmeisterei und stellvertretende Bürgermeister, erbarmte sich des Brunnens, ließ ihn zerlegen, sanieren und farbig fassen, obwohl das Kunstwerk wohl vorher nie eine Farbfassung gehabt hatte.

Und Appl gab dem „Eisernen Jüngling“, den man mit dem neuen "Make-up" kaum wiedererkannte, im Eingangsbereich der Straßenmeisterei eine neue Bleibe. Als das Straßenbauamt 1975 in die neuen Gebäude in der Grafenwöhrer Straße umzog und die alten Anlagen zum städtischen Bauhof umfunktioniert wurden, wechselte der Brunnen erneut seinen Standort.

Im Hof der Straßenmeisterei steht er nun seit beinahe 50 Jahren, von der Öffentlichkeit kaum beachtet. Den Beschäftigten dort ist er jedoch ans Herz gewachsen. Das zeigte sich beispielsweise vor 25 Jahren. Als die Regensburger, die es inzwischen bedauern, das Schmuckstück so einfach verscherbelt zu haben, den Brunnen im Juni 1995 für einige Tage als Staffage für ihr Bürgerfest abholten, wurde ihrer Abbaumannschaft die Mahnung mit auf den Weg gegeben: „Bringts‘n ja wieder heil z’ruck!“

Der renovierte „Eiserne Jüngling“ im Hof der Straßenmeisterei Eigentlich ist er zu schön, um zwischen Schneepflügen und Salzsilo sein Dasein zu fristen, ziert er doch in Italien und Frankreich manch prächtigen Marktplatz.

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Eschenbach
Hintergrund:

Auch in Cosenza, Rio de Janeiro und Paris

  • Es blieb lange Zeit ein Geheimnis, welchen künstlerischen Wert der Brunnen hat und wer sein Schöpfer war. Auf einer Urlaubsreise ins südliche Italien 2010 entdeckte der Vorsitzende des Heimatvereins, Karlheinz Keck, in der Stadt Cosenza zufällig ein genaues Ebenbild des Brunnens. Es steht in der Innenstadt direkt vor dem Rathaus der Provinzhauptstadt.
  • Der Brunnen wird dort „Fontana di Giugno“ (Juni-Brunnen) genannt, wohl wegen der Sichel, die der Jüngling trägt und den dargestellten Feldfrüchten, die einen Hinweis auf den italienischen Erntemonat geben sollen.
  • Eine Internet-Recherche ergab Hinweise auf mindestens fünf weitere Orte in Italien, die sich mit dem gleichen Brunnen schmücken. Außerdem soll jeweils ein weiteres Exemplar in Rio de Janeiro und in Paris stehen.
  • Der ursprüngliche Brunnen wurde bei der Weltausstellung 1855 in Paris vom französischen Bildhauer Mathurin Moreau in Marmor präsentiert. Der eigentliche Name der Brunnenfigur lautet „L‘été“ – der Sommer. Anscheinend fand der Brunnen so viel Gefallen, dass er häufig durch ein Gussverfahren kopiert wurde.
  • Diese und weitere amüsante, heitere und nachdenklich stimmende Begebenheiten aus Eschenbach finden sich in den beiden Bänden „Eschenbacher G’schichten - Plempl, Bist und Bockl" und "- Boder, Knast und Donnerhall", die in der Stadtapotheke zu erwerben sind. (hev)
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