02.12.2020 - 11:12 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Keine Gehaltserhöhung für den Erbendorfer Türmer

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Mehr Lohn fordern war schon immer schwierig. Vor 150 Jahren wandert deshalb der Türmer Wolfgang Biller mit seiner Familie von Erbendorf nach Nordamerika aus. Einer seiner Söhne verhalf dann sogar dem Ragtime auf die Sprünge.

Stadttürmer Wolfgang Biller wanderte 1871 mit seiner Familie nach Nordamerika aus.
von Jochen NeumannProfil

1853, als in Erbendorf der Bergbau einer neuen Blüte entgegenging, schrieben der Magistrat der Stadt und die Simultankirchenverwaltung die Stelle eines „Stadttürmers“ aus. Vier Musiker bewarben sich. Schon bei der Bewerbung spielte Geld eine Rolle. Denn einer der Kandidaten, der Musiklehrer Anton Bauer aus Straubing, zog aufgrund der mangelhaften Besoldung gleich wieder zurück.

Das Prozedere fand in der Karwoche des Jahres 1853 statt. Vor den beiden Chorregenten, dem katholischen Lehrer Wolfgang Hörl und dem evangelischen Lehrer Gottlieb Beutner, unterzogen sich die Bewerber einem „praktischen musikalischen Gutachten". Den gestellten Anforderungen genügte als einziger Wolfgang Biller aus Mantel. Schriftlich haben sie Biller gelobt und als "besonders geeignet und befähigt“ begutachtet. Selbst die beiden Lehrer haben dabei gebeten, dass das Türmergehalt „erhöht werden möge“.

Biller wurde daraufhin von Seiten der Stadt Erbendorf wie auch der Simultankirchenstiftung mit Anstellungsdekret vom 31. Mai 1853 als neuer Stadttürmer eingestellt. Geboren wurde er 1825 in Mantel. Das „Thurnerhandwerk“ erlernte er von 1843 bis 1845 beim Türmer Friedrich Keilberg in Sulzbach (heute Sulzbach-Rosenberg), wurde anschließend freigesprochen und war sechs Jahre als "Hautboist" beim Königlichen IV. Infanterieregiment Gumppenberg.

Neben Sachbezügen standen Biller an Geldbesoldung aus der Kirchenkasse 12 Gulden 21 Kreuzer, aus der Frühmessstiftung 1 Gulden, aus der Corporis-Bruderschaftskasse 6 Gulden 36 Kreuzer und aus der Stadtkasse 6 Gulden sowie 45 Kreuzer bei Geburtstagen und Namensfesten Ihrer Majestät zu.

Keine großen Sprünge

Doch anscheinend war dem Magistrat und der Simultankirchenstiftung schon bei der Ausfertigung des Anstellungsvertrages klar, dass ein Türmer mit diesen aufgeführten Einkommen nicht leben kann. Deshalb fügten sie einen Passus ein, „dass ihm nach Verlauf dieses Jahres eine einmalige Erhöhung von 25 Gulden“ zusteht.Bereits im Juli 1853 stellte Biller an Magistrat und Simultankirchenstiftung die Bitte, die Erhöhung einzulösen. Aber nicht um die vereinbarten 25 Gulden, sondern um 100 Gulden! Er begründete diese Erhöhung ausführlich mit einer tatsächlichen Einkommensaufstellung, die sich auf 93 Gulden belief. Wie er schrieb, brächten ihm Privatstunden wenig ein. Biller ließ in seinem Bittgesuch durchblicken, dass er sich genötigt sehe, bei Ablehnung die Türmerstelle zu verlassen und anderweitig sein “Unterkommen aufzusuchen oder sich wieder auf das Anwesen in Mantel zurückzubegeben“.

Es wurde September, bis der Magistrat und die Simultankirchenverwaltung zu einem Beschluss kamen. Dieser fiel nun so aus, dass die Simultankirchenstiftung ihren Anteil von 12 Gulden 21 Kreuzer auf 75 Gulden erhöhte und der Stadtmagistrat seinen Anteil auf 25 Gulden.

Die ganze Geschichte um die Besoldung des Türmers Biller wurde sogar vom Königlichen Landgericht Erbendorf, als Kuratelbehörde des Erbendorfer Magistrats, für gut geheißen. In einem Beschluss des Landgerichts vom 8. Oktober 1853 wird die Erhöhung genehmigt. Wörtlich wurde erwähnt: "Hiemit zu ertheilen sey da ein Thürmer nebst Familie mit den bisherigen Bezügen von höchstens 93 fl jährlich unmöglich leben kann.“

Wolfgang Biller lebte mit seiner Frau Anna anfangs nicht auf dem alten Kirchturm, wie in der Erbendorfer Stadtansicht von 1840, sondern in der Stadt selbst. Bereits 1864 wird er als Eigentümer des Hauses mit Garten „2 a“ in Erbendorf genannt. Dabei handelt es sich um den südlichen Teil des ehemaligen Distriktkrankenhauses beziehungsweise späteren BRK-Altenheims, welches für den Neubau 1997 abgebrochen wurde. Von seinen insgesamt zehn Kindern wurden während seines Türmerdienstes in Erbendorf sechs geboren.

Trotz Teuerungswelle in den 1850er und 1860er Jahren blieb sein Einkommen von 1853 bis 1870 annähernd gleich. Biller bat im März 1870 um eine Gehaltsaufbesserung. In einer Aufstellung gab er an Geld- und Naturalienbesoldung einen jährlichen Gesamtbetrag von 174 Gulden an. Einen konkreten Erhöhungsbetrag schrieb er aber nicht vor. Lediglich die Bitte, „dass mir aus Communmitteln eine Aufbesserung der Art gewährt werden wolle, damit ich leben kann".

Im Juni 1870, nach drei Monaten, lehnte der Stadtmagistrat die Gehaltsaufbesserung mit der Begründung ab, dass der Türmer keine „Commun-Verrichtungen“ hat und „die Funktion des Türmers zu Erbendorf einzig auf das kirchliche Gebiet beschränkt ist“. Anscheinend blieb ihm keine andere Möglichkeit, als sein Anwesen in der heutigen Färberstraße zu verkaufen. Für 3000 Gulden erwarb es die Stadt Erbendorf, die dieses Anwesen bereits Jahre vorher als zukünftiges Distriktkrankenhaus im Auge gehabt hatte. Biller und seine Familie zogen auf den neuerbauten Kirchturm. Da die Wohnung auf dem Turm in keinem guten Zustand war, stellte er bei der Kirchenverwaltung den Antrag, sie zu reparieren.

Im November 1870 wurde durch die Kirche der Stadt ein Anteil von exakt 32 Gulden, 29 Kreuzer und 2 Pfennige zur Bezahlung vorgelegt. Der Stadtmagistrat lehnte dieses Zahlungsgesuch im Januar 1871 mit dem Hinweis ab, der Türmer nutze zwar die Wohnung im Turm, erledige aber dort keine Aufgaben der Stadt.

Ausweg Nordamerika

Am 20. März 1871 stellte Biller erneut einen Antrag auf Gehaltserhöhung. Diesmal bat er um eine Aufbesserung um 150 Gulden und machte klar, dass bei Nichterfüllung seiner Bitte er sich gezwungen sehe, dem Ruf seines Sohnes folgend, nach Amerika auszuwandern. Weiter schreibt er: "Im Falle einer Willfärde aber, würde der gehorsamst ergebenst unterfertigte mit Freude hier bleiben und nach besten Kräften alles Mögliche tun, um die Zufriedenheit aller zu erwerben.“

Die Simultankirchenverwaltung ging in einem Beschluss vom 29. März 1871 auf den Wunsch Billers auf Gehaltserhöhung ein und war bereit, ihren Anteil an der Besoldung um 50 Gulden zu erhöhen. Der Magistrat lehnte ab! Wolfgang Biller blieb keine Möglichkeit mehr, als den Dienst als Türmer zu quittieren. Am 30. März 1871 stellte Biller das Gesuch auf Auswanderung nach Nordamerika.

Mit Frau und sechs Kindern machte er sich Ende Mai 1871 auf die Reise. Wolfgang Biller ließ sich bei seinem Sohn John, der schon einige Zeit in Amerika war, in Louisville/Kentucky nieder. Er wurde „Retail-Grocer“, ein Lebensmitteleinzelhändler. In der neuen Welt schenkte ihm seine Frau Anna noch weitere drei Kinder. Den Billers ging es im fernen Amerika so sehr besser als in Erbendorf, dass sie sich sogar ein Dienstmädchen leisten konnten.

Der Musik blieb Wolfgang Biller bis zu seinem Tod treu. Biller starb in seinem 70. Lebensjahr im Jahre 1895 in Louisville. Heute gibt es über 60 Nachfahren von Wolfgang und Anna Biller in Louisville/Kentucky. Auch seine Söhne folgten ganz dem Vater. Johann Biller, geboren in Mantel, und Joseph Biller, ein gebürtiger Erbendorfer, spielten in Louisville in der „Alcorns Band“ am bekannten Macauly Theater.

Ein Ensemble der Philadelphia Philharmonie mit Konzertmeister John Biller (sitzend, Zweiter von links).
Das Cover der Klaviernoten zum Song "You´ve been a good old Wagon", das John Biller 1895 arrangiert und transkripiert hat.

Noch eine Geschichte aus dem Museum Erbendorf

Erbendorf
Hintergrund:

Der Sohn des Türmers: Die steile Karriere des John Biller

John (Johann) Biller machte sogar als Konzertmeister Anfang des 20. Jahrhundert bei der Philadelphia Philharmonie Karriere. Sein Name ist noch heute in Amerika bekannt. Denn er war es, der erstmals einen Ragtime auf Notenpapier brachte. Benjamin Robertson Harney, ebenso aus Louisville, schrieb den Titel „You´ve Been a Good Old Wagon, But You´ve Done Broke Down“.

John Biller half 1895 Harney beim Arrangement und der Transkription des Liedes für Piano und erhielt einen gleichen Anteil am Urheberrecht. Erstmals veröffentlicht wurde es bei Greenup Music in Louisville. Ein Jahr später erschien der Song im New Yorker Musikverlag M. Witmark & Sons. Das machte Harney und auch Biller im ganzen Land bekannt und war der Aufstieg des Ragtimes.

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