15.11.2020 - 10:53 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Freiheit, Verstand und Courage

Die Corona-Pandemie hat alles im Griff. Kein Trauerzug und keine Musikkapellen, Mindestabstand und Mundschutzmasken kennzeichnet die Gedenkstunde zum Volkstrauertag. „Das Gedenken ist aber wichtig“, stellte Pfarrer Martin Besold fest.

Unter Einhaltung des Mindestabstands und mit Mund- und Nasen-Schutz fand die Gedenkstunde zum Volkstrauertag in der Stadt Erbendorf bereits am Samstagabend statt.
von Jochen NeumannProfil

Die Gedenkstunde zum Volkstrauertag am Unteren Markt war geprägt von den Corona-Einschränkungen. Denn Sicherheit geht vor. So wurde unter Einhaltung des Mindestabstands mit Mund-Nasen-Schutzmasken direkt vor dem Denkmal Aufstellung genommen. Auch auf die Stadtkapelle und den Spielmannszug mitsamt dem Trauerzug von der Kirche zum Unteren Markt, den Gesang- und Musikverein sowie den Prolog der Schüler musste verzichtet werden. Dennoch war es eine würdige Feier.

"Ich danke allen Beteiligten, dass sie trotz Corona den Mut gefunden haben, sich an der Gedenkstunde zu beteiligen", betonte Bürgermeister Johannes Reger. Er bedankte sich bereits im Vorfeld bei der Soldaten- und Reservistenkameradschaft und der Feuerwehr für die Straßensicherung.

Reger erinnerte daran, dass es heuer 90 Jahre her sei, seit das Kriegerdenkmal an diesem Standort stehe und an die Gefallenen des Krieges erinnere. "Es gab damals viele Überlegungen, wie das Denkmal aussehen soll", blickte Reger zurück. Anstelle von heroischen Gestalten ist man in Erbendorf einen anderen Weg gegangen. "Bei uns ist es ein einfacher Soldat, gestützt auf sein Gewehr und er denkt nach."

Seit 1930 steht das Kriegerdenkmal am Unteren Markt in Erbendorf

Erbendorf

Schon eine Menge gesehen

In den vergangenen 90 Jahren habe seiner Meinung nach dieser Soldat schon viel gesehen. "Man darf sich die Frage stellen, was mag er sich gedacht haben?" Aufgestellt zur Erinnerung an die gefallenen Kameraden des Ersten Weltkriegs, hat er die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg überdauert, der Millionen von Opfern gefordert habe. "Was wird er sich auch gedacht haben, als zum Ende des Krieges KZ-Häftlinge des Todesmarsches nach Flossenbürg vorbeizogen?"

Und: "Was würde der nachdenkliche Wachsoldat heute denken, wenn viele Autos vorbeifahren und Menschen vorbeikommen, denen Frieden, Freiheit und Sicherheit selbstverständlich geworden sind?" Bürgermeister Reger rief dazu auf, sich den Soldaten als Vorbild zu nehmen. Er rief dazu auf, sich zu besinnen und nachzudenken. "Die Waffen, auf die wir uns stützen, sind keine Gewehre oder Kanonen, sondern Freiheit, Verstand und die Courage", so Reger. "Kämpfen wir für den Frieden und arbeiten wir für den Frieden."

In der Gedenkrede in diesem Jahr erinnerte Pfarrer Martin Besold auf das Kriegsende des zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren. "Wir denken und glauben, alles im Griff zu haben", stellte er fest. "Frieden und Wohlstand ist für uns etwas Selbstverständliches, auch wenn es derzeit rund 150 Kriege auf der Welt gibt, die weit weg sind. Heuer ist der Glaube, alles im Griff zu haben, massiv erschüttert worden", machte Pfarrer Besold deutlich. "Das kleine Coronavirus hat uns im Griff." Es sei eine Pandemie, die sich tatsächlich auf die Menschen und auf den Alltag auswirkt. "Das Gedenken an Krieg, Terror und Gewalt in unserem Land, besonders in der Zeit der zwei Weltkriege, sei nach den Worten Besolds eine Gelegenheit, bewusst über unsere derzeitig schwierige Lage einmal hinauszuschauen. "Klar, es gäbe Vieles zu thematisieren, beispielsweise die rechtsgesinnten und populistischen Politiker oder die rechtsradikalen Strategen und Ideologen, die offensichtlich versuchen, die Coronakrise für sich zu nutzen und die Gesellschaft zu spalten", so der Pfarrer weiter.

Immer wachsam bleiben

"Der Blick auf die Opfer der Kriege und Ideologien des 20. Jahrhunderts mahnt uns, hier wachsam zu bleiben, uns all diesen Tendenzen von Hass und Lügen, von Egomanie und Propaganda in neuem Gewand entgegenzustellen." An diesem heutigen Tag gelte es aber, nicht das Aktuelle in den Vordergrund zu stellen. "Der Volkstrauertag ist der Moment, der Opfer von Krieg, Terror und Gewalt, der Opfer der Kriege in unserem Land zu gedenken", betonte Pfarrer Martin Besold. "Das sind wir den Opfern schuldig." Dies sei alles entsprungen einer Ideologie wider aller Menschlichkeit, einem Größenwahn und Egoismus wider alle Vernunft.

"Zugegeben: es ist schwer, auszuhalten, dass Millionen von Menschen im Grunde deswegen - sinnlos - einen gewaltsamen Tod gefunden haben", hob Pfarrer Besold hervor. "Sie haben es verdient, dass wir heute vor allem und zuerst ihrer gedenken." Denn das Gedenken sei der stärkste Appell für Frieden, für Toleranz, für Zusammenhalt. Es sei und bleibe schwer auszuhalten, dass Millionen von Menschen einen gewaltsamen Tod gefunden haben. Als Christ und Priester helfe hier der Glaube und das Gebet. "Es ist vor allem ein Gebet, in dem wir uns und unsere ganze Welt in Gottes Hand legen."

Gemeinsam wurde zum Schluss dieses Gebet gesprochen. Im Anschluss wurde der Kranz am Kriegerdenkmal niedergelegt. Während des Liedes vom Guten Kameraden, gespielt vom Solotrompeter Richard Schlötzer, erfolgten zur Erinnerung drei Böllerschüsse.

Unter Einhaltung des Mindestabstands und mit Mund- und Nasen-Schutz fand die Gedenkstunde zum Volkstrauertag in der Stadt Erbendorf bereits am Samstagabend statt.
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