05.08.2020 - 10:02 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Erbendorfer Dokumentationszentrum: Miteinander leben im Fokus

In der „Alten Schmiede“ Erbendorf laufen die Bauarbeiten zum neuen Museum „Flucht und Vertreibung“. Hinter den Kulissen wird emsig gearbeitet. Josef Paukner und Museumsleiterin Kerstin Pöllath informierten darüber im Stadtrat.

Museumsleiterin Kerstin Pöllath stellte den Stadträten das neue Museum "Flucht und Vertreibung" vor. Mit auf dem Bild (sitzend, von links) Verwaltungsrat Hubert Wojtenek und Bürgermeister Johannes Reger.
von Jochen NeumannProfil

Einer interessanten Nutzung wird die „Alte Schmiede“ in der Bräugasse zugeführt. Ein Dokumentationszentrum „Flucht und Vertreibung“ soll in den Gemäuern zukünftig seinen Platz finden. Zum Baustand führte Bürgermeister Johannes Reger in der Stadtratssitzung aus, dass die Baumeisterarbeiten abgeschlossen werden konnten. „Demnächst wird mit der Erneuerung des Dachstuhls und dem Einbau der technischen Gewerke begonnen.“

An Konzept anknüpfen

Zur Vorstellung des Museumsinhalts begrüßte der Bürgermeister die neue Museumsleiterin Kerstin Pöllath und Dr. Josef Paukner aus Regensburg, der die wissenschaftliche Begleitung übernimmt. Den Stadtratsmitgliedern stellte Paukner eine Projektstudie vor, wie in dem Anwesen Bräugasse 18 das Museum als Dokumentations- und Begegnungsstätte aufgebaut werden könnte. „Wir können hierbei an unser Konzept anknüpfen, das wir vor gut vier Jahren für das Gebäude im Anwesen Bräugasse 23 vorgesehen haben“, erklärte er. Aus fördertechnischen Gründen konnte dies in der Hausnummer 23 nicht umgesetzt werden.

Die "Alte Schmiede" wird zum Museum

Erbendorf

Unter dem Arbeitstitel „Miteinander leben“ soll das Thema „Gewaltherrschaft, Flucht und Vertreibung“ aufgegriffen werden. „Inhaltlich wird das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen und Konfessionen sowie verschiedener Weltanschauungen und Herkunft in der nördlichen Oberpfalz in der Zeit um 1920 bis über die Nachkriegsjahre hinaus veranschaulicht“, sagte Paukner. „Zeitlich gesehen ist jetzt genügend Abstand zur Zeit des Nationalsozialismus, man kann sich jetzt damit auch befassen.“

Das Museum in Erbendorf stellt die Geschichte der Region dar.

Josef Paukner

Den Stadträten stellte er die räumliche Gliederung des Museums vor. Gut 400 Quadratmeter Ausstellungs- und Büroflächen stehen zur Verfügung. Nach den Worten Paukners sollen im Erdgeschoss neben dem Empfang zwei Räume für Wechselausstellungen beziehungsweise Büroräume entstehen. Im Obergeschoss befinden sich die Dauerausstellungen zu den einzelnen Themen. Auch der Hof soll museal mit eingebunden werden.

Josef Paukner begleitet den Aufbau des Museums "Flucht und Vertreibung" und erstellte das Grundkonzept.

„Derzeit wird mit dem beauftragten Innenarchitekten Erich Hackel aus München an der Ausstellungskonzeption gearbeitet“, fuhr Paukner fort. Wichtig sei ihm, die Geschichte nicht nur zu dokumentieren, sondern auch zu visualisieren. Deshalb werde auch eine Vielzahl von Medien eingesetzt. „Das Museum schafft durch die Präsentation von Objekten und durch die Nachbildung von historischen Szenerien einen sinnlichen Zugang zu historischen Entwicklungen und kann dadurch die Menschen auf besondere Weise berühren.“

„Das Museum in Erbendorf stellt die Geschichte der Region dar“, brachte es der Museumsexperte auf den Punkt. „Für viele Menschen ist dies die eigene Geschichte, die Geschichte der eigenen Vorfahren. Es geht um Geschichte, die uns nahe ist.“ Vor allem das „Miteinanderleben“ soll in diesem neuen Museum herausgestellt werden. „Denn damit hat es ein notwendiges Alleinstellungsmerkmal.“

Erbendorfer Museumsleiterin

Ihren ersten offiziellen Auftritt als neue Museumsleiterin hatte Dr. Kerstin Pöllath in der Stadtratssitzung. Sie ist keine Unbekannte: Sie ist in Erbendorf aufgewachsen. Vom „Werden“ ihrer neuen Wirkungsstätte ist sie begeistert. „Das Museum muss jetzt mit Leben gefüllt werden“, sagte sie.

Ihre zukünftigen Zielgruppen sieht die Museumsleiterin vor allem in den regionalen Schulen. „Denn das Thema Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg behandeln die Schüler im Geschichtsunterricht und daneben ist es vielen sicherlich auch aus der eigenen Familie etwa durch die Groß- oder auch Urgroßeltern bekannt.“

Wie die Thematik an den Mann beziehungsweise an die Schüler gebracht werden könnte, dazu hat Kerstin Pöllath bereits Ideen. „Spannend und wertvoll sowohl für die Zeitzeugen, als auch für die jüngere Generation können sicher gemeinsame Erzählnachmittage sein, bei denen die Erfahrungen und Lebensgeschichten hautnah vermittelt werden.“ Auch ein sogenannter „Museumskoffer“ wäre eine Idee, wie bei Kindern und Jugendlichen das Interesse geweckt werden könnte.

„Wenngleich sich das Museum schwerpunktmäßig vor allem mit der Phase der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt, hat dieses Thema auch einen stets aktuellen Bezug“, führte sie weiter aus. Denn unzählige Menschen verließen jeden Tag ihre Heimat auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Katastrophen und versuchten, in ein sicheres Land zu gelangen. „Eben dieser Bogen zur heutigen Situation soll auch im neuen Museum gespannt werden und den Besuchern in Führungen, aber auch in Vorträgen und Gesprächsrunden nahe gebracht werden.“

Das Thema Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg behandeln die Schüler im Geschichtsunterricht und daneben ist es vielen sicherlich auch aus der eigenen Familie, etwa durch die Groß- oder auch Urgroßeltern, bekannt.

Museumsleiterin Kerstin Pöllath

„Eigentlich sollten die Arbeiten bis zum Ende des Jahres zügig voranschreiten“, meinte die neue Museumsleiterin. Doch das Coronavirus bremse die Museumsarbeit aus. „Denn der Austausch mit den Zeitzeugen und potentiellen Leihgebern für die Ausstellung ist derzeit nicht im direkten Kontakt beziehungsweise nur schwer möglich.“

„Wenn man hört, was hinter dem Museum steckt, ist es ein Ansporn, weiter zu machen“, sagte Bürgermeister Johannes Reger. Voll des Lobes war auch SPD-Fraktionsvorsitzender Bernhard Reis. „So etwas konkret vor Ort zu haben, ist traumhaft.“ Der Zugang zum neuen Museum müsse unbedingt Kindern und Jugendlichen mit geeigneten Konzepten zugänglich gemacht werden. Josef Schmidt, Fraktionsvorsitzender der Grünen, sah es als eine wichtige Aufgabe an, diesen Teil der Geschichte aufzuarbeiten. „Man sieht, wie schnell sie vergessen wird, insbesondere im Hinblick auf die jüngste Flüchtlingskrise.“

Im Blickpunkt:

Beiträge gesucht

„Zeitzeugen, Leihgeber, die einen Beitrag zum Aufbau der Sammlung leisten möchten, können gerne mit uns Kontakt aufnehmen“, sagte Kerstin Pöllath zum Ende ihres Vortrags. Da sie selbst vor Ort noch kein Büro hat, läuft die Kontaktaufnahme über die Stadtverwaltung, Telefon 09682/9210-34.

Information:

Eröffnung 2021

In der "Alten Schmiede", im Anwesen Bräugasse 18, entsteht zur Zeit das Dokumentationszentrum Flucht und Vertreibung. Eröffnung voraussichtlich im Laufe des Jahres 2021.

Kontakt: Stadt Erbendorf, Museumsleiterin Kerstin Pöllath, Bräugasse 2, 92681 Erbendorf (Telefon: 09682/9210-0, Telefax: 09682/9210-92, E-Mail: stadt[at]erbendorf[dot]de).

Das Dokumentationszentrum hat noch nicht geöffnet.

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