18.09.2020 - 13:15 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Bahn mit Verspätung in Erbendorf

„Was wäre wenn…?“ Diese Frage können sich die Verantwortlichen des Heimat- und Bergbaumuseums stellen. Sie erhielten ganz unverhofft die Projektpläne zum Bau der Eisenbahnhauptstrecke Weiden – Marktredwitz über Erbendorf aus dem Jahr 1877.

Übersichtskarte mit der geplanten Streckenführung (blau) von Naabdemenreuth über Erbendorf nach Riglasreuth.
von Jochen NeumannProfil

Einen Besuch stattete Georg Schneyer mit Frau aus Regenstauf dem Heimat- und Bergbaumuseum ab. Eigentlich nichts Besonderes. Doch das Ehepaar hatte Historisches mit im Gepäck: Eine rund 60 mal 60 Zentimeter große Projektmappe. Der Inhalt: Die detaillierten Projektpläne der Hauptbahn Naabdemenreuth über Erbendorf nach Riglasreuth als Teil der Linie Weiden – Marktredwitz aus dem Jahr 1877.

Wie Schneyer ausführte, habe er diese Mappe schon mehrere Jahre zu Hause liegen. „Mein Schwager kaufte aus einem ehemaligen Siemens-Gebäude in Nürnberg einen alten großen Kartenplanschrank“, führte er aus. „Zuhause fand er dann ganz unten die Pläne.“ Da der Schwager damit nichts anzufangen wusste, übergab er sie an Schneyer, der im wirklichen Leben Eisenbahner ist. „Da die Unterlagen bei mir auch nur rumliegen, haben wir uns gedacht, wir übergeben sie an das örtliche Museum.“

Museumsleiter Manfred Klöble und das Museumsteam mit Thomas Sulzer und Alexander Donkenko, beide selbst Hobby-Eisenbahner, waren nach der Übergabe ganz aus dem Häuschen. „Für unser Heimatmuseum ist diese Projektmappe von besonderem Wert“, stellte Klöble fest. „Sie passt auch hervorragend in unsere Eisenbahn-Dauerausstellung.“ Sein Dank galt vor allem dem Ehepaar Schneyer, die dieses Unikat kostenlos dem Museum zur Verfügung stellte.

Tiefe Einschnitte und hohe Dämme

Zum Inhalt der Mappe mit der Bezeichnung „Generelles Projekt“ gehört eine technische Beschreibung mit Kostenaufstellung, eine topografische Übersichtskarte, eine Höhenkarte, der Situationsplan auf den einzelnen Steuerblättern und das Längenprofil. Ausgearbeitet wurde es von der „Königlichen Eisenbahnbau-Section“ in Arzberg im April 1877. Seit 1864 bestand bereits die Eisenbahnlinie Weiden über Reuth bei Erbendorf und Wiesau nach Eger. Für den damaligen Weiterbau waren zwei Trassenvarianten in der Diskussion. Die eine über Erbendorf nach Riglasreuth und weiter nach Marktredwitz und die zweite über Wiesau nach Marktredwitz. Schlussendlich erhielt die zweite Variante über Wiesau den Vorzug und konnte 1882 eröffnet werden.

„Wenn man die Beschreibung für Trasse durch das Fichtelnaabtal durchliest, kann man erahnen, welche Erdmassen hätten bewegt werden müssen“, stellte Museumsleiter Manfred Klöble fest. Es hätte auf dieser 21 Kilometer langen Strecke von Naabdemenreuth bis Riglasreuth ein Höhenunterschied von gut 100 Metern überwunden werden müssen.

Neben vielen kleineren Bahnbrücken auf der Strecke bei Burggrub wäre eine Bahnbrücke mit 32 Metern notwendig geworden, bei Grötschenreuth eine mit 46 Metern, bei Ober-Kronau eine mit 56 Metern und nicht zuletzt zwischen Riglasreuth und Neusorg über der Fichtelnaab eine weitere mit 128 Metern. „Diese großen Brücken wären als Fachwerk-Brücken mit Stützpfeilern ausgebildet worden“, so der Museumsleiter.

Neben Einschnitten in das Gelände bis zu 15 Metern wären nach den Unterlagen auch Bahndämme bis zu einer Höhe von zehn Metern notwendig geworden. Insgesamt hätten 1,1 Millionen Kubikmeter Erdreich und Felsen bewegt werden müssen. „Neben Erbendorf wären neue Bahnhöfe in Naabdemenreuth und Kronau entstanden.“

Mit einer Länge von 500 Metern wurde der Bahnhofsbereich für Erbendorf projektiert, genau im Bereich vom nördlichen Betriebsgelände Seltmann bis zum südlichen Betriebsgelände der Kfz-Werkstatt Enslein, 472 Meter über Normal Null. Zum Vergleich: Die Fichtelnaab liegt an dieser Stelle 464 Meter über dem Meeresspiegel.

„Aus den Planungen wurde nichts“, merkte Klöble an. „Doch irgendwie fehlte ein Bahnhof den Erbendorfer schon“, sagte er schmunzelnd. Doch kam im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts die Eisenbahn doch noch, als Lokalbahn Erbendorf – Reuth. „Sie wurde 1909 eröffnet, doch vorher entbrannte ein erbitterter Bahnhofskampf“, so der Museumsleiter. „Doch das ist eine andere Geschichte.“

Was sonst noch auf den Bahnhöfen der Region passiert:

Reuth bei Erbendorf
Das Ehepaar Georg Schneyer (rechts) übergab die Projektmappe an das Heimat- und Bergbaumuseum. Mit auf dem Bild (von links) Thomas Sulzer und Museumsleiter Manfred Klöble.
Das "Generelle Projekt" hält Alexander Donenko in Händen.

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