29.07.2021 - 11:39 Uhr
EnsdorfOberpfalz

St. Kajetan hilf! Wildschutzzaun an der Bundesstraße 85 versperrt Wallfahrern den Weg

Zum Schutz ihrer Tiere brachen vor über 300 Jahren die ersten Ensdorfer zur sogenannten Kajetan-Wallfahrt auf. Nun ist es ausgerechnet der Schutz der Tiere, der die Wallfahrt in ihrer traditionellen Art und Weise unmöglich macht.

Der Heilige Kajetan sollte die Ensdorfer vor einer Viehseuche schützen
von Redaktion ONETZProfil

Von Eva Gröninger

Die Jahrhunderte alte Kajetans-Wallfahrt in Ensdorf ist in Gefahr: Ein neu errichteter, kilometerlanger Wildschutzzaun entlang der Bundesstraße 85 kreuzt den Weg der Wallfahrer und wird zum unüberwindbaren Hindernis. Vor etwa 350 Jahren grassierte rund um Ensdorf eine Viehseuche. Sie bedrohte die hiesigen Viehbauern so sehr, dass diese sich in ihrer Not an den Heiligen Kajetan, einen Schutzpatron Bayerns, wandten. Sie legten das Gelübde ab, alljährlich zu seinem Namenstag eine Wallfahrt in die St. Andreas Kirche nach Rottendorf bei Schmidgaden zu machen, wenn er ihnen nur hülfe. Tatsächlich ebbte die Viehseuche ab und seit jeher gehen die Ensdorfer Jahr für Jahr nach Rottendorf – immer auf demselben, alt überlieferten Weg.

Staatliches Bauamt bleibt stur

Seit einigen Jahrzehnten müssen sie dafür die B 85 zwischen Amberg und Schwandorf überqueren. Doch das sei kein Problem, sagt Wolfgang Schindler, der sich schon als junger Ministrant an der Wallfahrt beteiligte. „An der entsprechenden Stelle sieht man sehr weit. Außerdem sind wir hier immer am frühen Sonntagmorgen, wo eh kaum Verkehr ist.“, erzählt er. Es seien zudem nur ungefähr 15 Menschen, die zwischen Schafhof und Pittersberg über die Straße müssten. Die meisten Wallfahrer würden sich erst auf der anderen Seite der B 85 anschließen. Doch nun ist die Bundesstraße vierspurig. Im Zuge der Bauarbeiten wurde auch ein Wildschutzzaun errichtet. Bereits während der Bauarbeiten sei den Wallfahrern bewusst geworden, dass er den traditionellen Kajetan-Weg versperrt, sagt Schindler. Deshalb habe man frühzeitig das Gespräch mit den Bauarbeitern, dem Ensdorfer Bürgermeister und auch dem Landratsamt Amberg-Sulzbach gesucht. Alle Seiten hätten Verständnis gezeigt, von Seiten des Landratsamtes habe es auch eine mündliche Zusage gegeben, an der betroffenen Stellen beidseitig Türen in den Zaun zu bauen, damit die Wallfahrer die Straße überqueren könnten. „Wir sind davon ausgegangen, dass das dann so gemacht wird und als die Arbeiten fertig waren, waren keine Türen da.“, erzählt Agnes Graf vom Pfarrgemeinderat Ensdorf. Die Pfarrei St. Jakobus Ensdorf und die Pfarrgemeinde St. Andreas Rottendorf wandten sich an das Staatliche Bauamt Amberg-Sulzbach, das für die Bauarbeiten an der B 85 zuständig war.

Doch dort bekamen sie eine Absage. Eine Überquerung der vierspurigen Bundesstraße im Zuge einer Wallfahrt sei viel zu gefährlich, deshalb würden keine Türen nachgerüstet werden. Stattdessen sollten die Wallfahrer zum Schutz aller Verkehrsteilnehmer lieber einen Umweg in Kauf nehmen, und die B 85 an den Geh- und Radwegen in Schafhof oder in Pittersberg überqueren. Auf Anfrage der Amberger Zeitung schreibt Baudirektor Stefan Noll, dass es ihm leidtue, dass er den Wallfahrern keine andere Antwort geben könne. Dennoch seien Fußgänger auf der stark frequentierten Bundesstraße eine große Gefahr für sich selber und andere. Gerade auch deswegen, weil in der Mitte der Straße noch eine höhere Betonwand ist, über die sie auch noch klettern müssten. Er habe durchaus Verständnis für den Frust wegen des abgeschnittenen Weges. Trotzdem dürften „im Sinne der eigenen Sicherheit und körperlichen Unversehrtheit aber auch im Hinblick auf die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer (…) überschaubare Umwege zu verkraften, verhältnismäßig als auch zuzumuten sein.“

Kreisstraße viel gefährlicher

Das Unverständnis auf Seiten der Wallfahrer ist groß. Einig sind sie sich zwar, dass die Sicherheit immer vorgehe. Aber man hätte gemeinsam eine Lösung finden können, sagen sie. Wallfahrer Richard Beer, der bereits einen bayerischen Staatspreis für naturnahe Waldbewirtschaftung bekommen hat, sagt sogar, es hätte im Vorfeld schon eine weitere Überquerungsmöglichkeit geplant und gebaut werden müssen – gerade an dieser Stelle. Erstens seien auf dem Forstweg, den auch die Pilger gehen, viele Spaziergänger und Radfahrer unterwegs, die nun vor demselben Problem stehen. Und viel wichtiger sei aber, dass der Wald entlang der B85 ein großes Wildwechselgebiet sei. Der Lebensraum und die Gewohnheiten des Wildes seien nun stark beschnitten. Ein Wildschutzzaun schütze das Wild nicht, er werde für es sogar zur Todesfalle. Deshalb hätte es Wildbrücken gebraucht, die dann auch die Wallfahrer benutzten hätten können. Sicher seien Straßen die Adern dieses Landes. Aber trotzdem müsse man bei ihrem Ausbau auch Rücksicht auf Mensch und Tier nehmen.

Wolfgang Schindler ergänzt: „Wir sind nur eine kleine Wallfahrt. Aber wir wollen unsere Tradition aufrechterhalten. Und wenn wir in Zukunft einen anderen Weg nehmen müssen, dann werden es immer weniger Pilger.“ Denn während der Bauphase haben die Wallfahrer schon den vom Bauamt vorgeschlagenen Weg genommen. Sie mussten nicht nur all ihre Stationen neu planen und einen langen Umweg in Kauf nehmen, sondern auch über einige Kilometer hinweg auf einer schmalen Kreisstraße gehen, auf der viel Verkehr herrscht. Das sei in den Augen der Pilger gefährlicher, als die B 85 zu überqueren – zumal sie auch die Möglichkeit sehen, die Überquerung durch die Feuerwehr sichern zu lassen. Außerdem sei die Wallfahrt deshalb so besonders, weil sie auf alten, idyllischen, manchmal etwas unwegsamen Pfaden durch den Wald ginge. Das Erwachen des Waldes mitzuerleben sei magisch. Auf dem neuen Weg sei das alles verloren.

Das Staatliche Bauamt allerdings bleibt dabei: Es lehnt eine Nachrüstung von Türen für Pilger „strikt ab“. Denn damit würde man „einer riskanten fußläufigen Querung der stark frequentierten (…) B8 5 und damit u. U. fahrlässigem Handeln Vorschub leisten.“ Für die Pilger ein Schlag ins Gesicht. Auf dem Papier mag das alles richtig klingen. Aber sie hätten sich einen Vor-Ort-Termin mit einem persönlichen Gespräch gewünscht. Denn dann hätte sich das Bauamt selbst davon überzeugen können, dass es sich hier keineswegs um eine Kamikaze-Aktion handle.

So oder so werden sie sich wie jedes Jahr am Sonntag nach dem Namenstag des heiligen Kajetan (7. August) wieder zu ihrer Wallfahrt versammeln. Um Punkt 5 Uhr brechen sie in diesem Jahr am 8. August am Kloster Ensdorf auf. Welchen Weg sie gehen, das wissen sie noch nicht. Aber dass sie gehen, das wissen sie ganz sicher. Denn Tradition sei Tradition – Wildschutzzaun hin oder her.

Das Pilgern hat in der Oberpfalz eine lange Tradition

Schnaittenbach
Info:

Kajetans-Wallfahrt

  • Die Kajetans-Wallfahrt in Ensdorf geht auf ein Gelübde aus der Pestzeit zurück.
  • Seit mehr als 300 Jahren pilgern Gläubige aus Ensdorf zur Erfüllung des Gelübdes nach Rottendorf (Kreis Schwandorf)
  • Ihr Pilgerweg kreuzt die Bundesstraße 85, die an dieser Stelle mittlerweile vierspurig ausgebaut und mit einem Wildschutzzaun versehen ist.

 

 

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