05.12.2019 - 17:58 Uhr
EbnathOberpfalz

Macht, Glaube und Grausamkeit

Der 30-jährige Krieg hinterließ auch in der Region seine Spuren. Hans Walter berichtet von einer erstaunlichen Zeitreise.

Günther Kuhbandner bedankte sich mit einem kleinen Geschenk bei Hans Walter (links) für den interessanten und kurzweiligen Vortrag.
von Autor SOJProfil

Der 30-jährige Krieg veränderte wie kaum eine andere Auseinandersetzung die Verhältnisse und Lebensweisen in der Region. Er formte ein neues Europa und beschwor eine Zeitenwende herauf. Welche Auswirkungen der Kampf um Macht, Territorien und Glaube auf die Menschen in der Oberpfalz und im Fichtelgebirge hatte, darüber informierte Hans Walter aus Kastl in einem aufschlussreichen und interessanten Vortrag. Eingeladen hatte das Hirschberger Fähnlein in den Pfarrsaal in Ebnath. Vor zwei Dutzend Personen ging der Heimatforscher auf rund 200 Jahre Geschichte in der Region ein und erklärte die vertrackten Zusammenhänge wie es zu einem noch nie dagewesenen Krieg und seinem unvorstellbaren Leid gekommen ist.

Nachdem Herzog Maximilian von Bayern die „obere Pfalz“ für seine Dienste bei der Schlacht am weißen Berg als Kriegsbeute vom Kaiser übereignet bekam, wurden alle größeren Städte wie zum Beispiel Kemnath mit Garnisonen besetzt. Die bayerischen Truppen waren von nun an bis zum Kriegsende als „Besatzer“ vor Ort. Für die Verpflegung und Unterkunft der Soldaten, ihren Frauen und Kindern musste die Bevölkerung aufkommen. Schon bald traten erste Probleme mit der Nahrungsmittelversorgung auf. Ebenso gab es schon sehr früh Übergriffe auf die Bewohner der Stadt und der Region durch die Söldner.

Anhand zahlreicher Beispiele, die sich in diesen 30 Jahren in der Region ereignet haben, zeichnete Hans Walter ein übersichtliches und einprägsames Bild über die Zeit. Vor allem schwedische Truppen wüteten mehrfach. Der damals schon fast menschenleere und stark in Mitleidenschaft gezogene Landstrich in der nördlichen Oberpfalz erlitt somit zur Mitte des Krieges nochmals eineinhalb Jahrzehnte lang in aller Härte die Brutalität der Auseinandersetzung zwischen dem habsburgischen Kaiser, Frankreich und den Schweden.

Da Ebnath unmittelbar an der Grenze zu Oberfranken mit den Städten Marktredwitz, Bayreuth und Wunsiedel war, stand die Ortschaft auch im Fadenkreuz der Auseinandersetzungen. In diesem Zusammenhang ging Walter nicht nur auf die Situation in der Oberpfalz, sondern auch im Fichtelgebirge und in Marktredwitz ein. So hatte die benachbarte Stadt zahlreiche Privilegien und dadurch den Vorteil, dass sie die erste Hälfte des Krieges fast kaum in Mitleidenschaft gezogen wurde. Erst mit der Ankunft der Schweden wurde auch von Marktredwitz hohe Kontributionen verlangt. Ebenso standen von nun an zahlreiche Plünderungen und Misshandlungen wie überall in der Region auf der Tagesordnung. Da aber die Stadt eine wichtige geografische Lage hatte und für die Logistik der Truppendurchmärsche von hoher Bedeutung war, kam es zu kaum nennenswerten Brandschäden. Dadurch gelang es den dortigen Ackerbürgern immer wieder die hohen „Lösegeldsummen“ und Nahrungsmittelversorgungen für die Söldner aufbringen zu können. Dies weiß man heute unter anderem deshalb relativ gut, da der damalige Marktrichter und spätere Bürgermeister Georg Leopold zahlreiche Aufzeichnungen über die Vorfälle in der Stadt verfasst hatte, die heute einen sehr guten Überblick geben.

Weiterhin ging Walter auf die Situation im Markgrafentum Bayreuth ein. Dem damaligen Markgraf Christian gelang es über viele Jahre sich mehr oder weniger neutral zu verhalten und wollte sich auf keinen Fall in den Krieg hineinziehen lassen. Besonders im Vorfeld und zu Beginn des Krieges wurde er vom Amberger Statthalter des Kurfürsten Friedrich, Fürst Christian von Anhalt, bearbeitet, das Markgrafentum Bayreuth-Kulmbach, die obere Pfalz und Böhmen zu einem großen Gebiet zu vereinigen um den katholischen Kaiser in Mitten seines Reiches Stärke zu beweisen. Wohl wissend, dass er einen Konflikt mit dem Kaiser mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert gewesen wäre, ging der Markgraf auf die Absichten nicht ein.

So zogen ständig verschiedene Söldnerheere durch die Region, die entweder von Ost nach West oder von Süd nach Nord und umgekehrt unterwegs waren. Dabei machte es für die Bewohner keinen Unterschied mehr, welcher Fraktion die Truppen angehörten. Egal ob bayerische, kaiserliche oder feindliche Einheiten - alle vergingen sich an der Bevölkerung, brandschatzten, plünderten und forderten Kontributionen.

Unwetter, trockene Sommer, kalte Winter und um sich greifende Krankheiten wie die Pest rafften weite Teile der Bevölkerung hin. In manchen Orten gab es kaum noch Personen die die Toten bestattet haben, wodurch diese von Tieren wie Hunden und Ratten abgenagt wurden. Eine Abwärtsspirale setzte sich in Bewegung, die kaum noch jemand aufhalten konnte. Die Regierung in Amberg und München war in weiten Teilen machtlos und konnte den Begebenheiten kaum noch was entgegensetzen, da jeder nur noch ums eigene Überleben kämpfte. Menschen versteckten sich viele Jahre in den Wäldern und verkamen selbst fast zu Wilden, da die Dörfer und Städte kaum noch Schutz boten. Leerstehende Häuser wurden von den durchziehenden Soldaten oftmals demoliert und als Brennholz verheizt. Strohdächer wurden in Hungerjahren abgedeckt, damit die Pferde der Söldner was zu fressen hatten. Die Politik der „verbrannten Erde“ wurde schonungslos bei der jeder Gelegenheit durchgezogen. Getreidefelder und saftige Wiesen wurden vernichtet, damit die Bevölkerung nichts zum Essen und kein Futter hatte.

Vor allem die Auseinandersetzungen um den richtigen Glauben produzierte tiefe Einschnitte und gravierende Veränderungen. War die Bevölkerung in der Region nach dem Thesenanschlag von Luther im Jahr 1517 fast vollständig zur neuen Lehre übergegangen, vollzog Maximilian von Bayern wenige Jahre nach dem Erhalt der „oberen Pfalz“ eine radikale Gegenreformation. Wer nicht wieder katholisch wurde, musste das Land verlassen. Besonders der niedere Landadel hatte damit große Probleme, da sie entweder katholisch werden oder ihre Ländereien und Privilegien aufgeben mussten. So verwundert es heute nicht, dass viele Bewohner der nördlichen Oberpfalz die Schwedischen Truppen anfangs als Erlöser von den verhassten bayerischen Besatzern sahen und ihnen sogar die Stadttore öffneten. Dies duldete Herzog Maximilian auf keinen Fall und griff vor Ort noch härter durch, indem noch mehr Soldaten nach Kemnath verlegt wurden um diesen „umtrieben Einhalt zu gewähren.“

Ein Beispiel hierfür führte Walter in Pullenreuth auf, wo der verhasste katholische Pfarrer von seinen Pfarrkindern den feindlichen Truppen ausgeliefert wurde. Als er gefangen genommen wurde und weg war, plünderten sie den Pfarrhof, aßen und tranken was sie dort fanden und nahmen mit was sie brauchen konnten. Der Geistliche konnte aber seinen Entführern entkommen, kehrte nach Hause zurück und die „Rebellen“ wurden aufs Härteste bestraft. Zugleich wurden mehrere Gegenstände von den Bewohnern der Ortschaft zurückgebracht die man sich „nur ausgeliehen“ hätte. Als weiteres Beispiel führte Walter Wolfgang Adam von Hirschberg auf, der sich als freiberuflicher Söldner in den Dienst des Kurfürsten gestellt hatte. Um ihn ranken sich bis heute zahlreiche Sagen und Legenden, da er zu Lebzeiten ein ziemlicher Draufgänger war, der sich von niemanden etwas sagen ließ. Aufgewachsen als Vollwaise, meldete er sich bereits in jungen Jahren zum Kriegsdienst, der ihn für sein Leben geprägt hat. Zu Kriegsende war er freiberuflicher Söldner bei der Verteidigung von Amberg mit aktiv, wo die Schweden sogar ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt haben. Als er im hohen Alter den Hirten von Kastl erschossen hatte, musste er ins Oberfränkische Exil flüchten, worauf sein Besitz vom Staat beschlagnahmt wurde. Beim Durchsuchen der Räume wurden zahlreiche Gerätschaften gefunden wodurch ziemlich schnell das Gerücht die Runde machte, dass er mit dem Teufel im Bunde war.

Weiterhin ging der Referent auch auf die Geschichte der Kartoffel ein, die ab der Mitte des 17. Jahrhunderts in Oberfranken erstmalig angebaut wurde. Die neue Bodenfrucht ermöglichte es den Bauern abseits vom Getreide endlich, nicht mehr Hunger leiden zu müssen, wenn die Kornkammern leer waren und sich der Winter noch lange hinzog.

Mit einer Bilanz was der Krieg in der Region ab der Mitte des 17. Jahrhunderts alles angerichtet hat beendete Hans Walter seinen Vortrag. Ebenso ging Walter auf die Zeit nach dem Krieg ein und zeigte anhand von Kloster Speinshart, wie trotz der unzähligen Verwüstungen die Bevölkerung ihr Schicksal in die Hand nahm und wenige Jahre nach dem Krieg die Region zu neuer Stärke fand. So wurde mit der feierlichen Segnung der barocken Klosterkirche im Jahr 1706 ein Religionsmittelpunkt geschaffen, der heute zum europäischen Kulturgut zählt. Mit einer durchdachten „Wirtschaftspolitik“ wurde die Region durch die Wittelsbacher Herrscher gefördert, wodurch die Menschen wieder zu Arbeit und Brot kamen.

Zum Schluss seines Vortrages erinnerte Hans Walter, dass in den vergangenen Tagen der Opfer der beiden Weltkriege gedacht wurde. Millionen von Menschen mussten zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihr Leben lassen, auch die Menschen in unseren Dörfern und Städten erlebten unbeschreibliches Leid. „Die Denkmäler mitten in unseren Ortschaften erinnern an diese dunklen Kapitel“, so Walter.

Seit seiner Kindheit beschäftige er sich mit solchen Marksteinen der regionalen Geschichte, die Ursachen und die Folgen, die traurigen Kapitel, aber auch die erhabenen wie die Geschichte von Kloster Speinshart. Besonders mit den Vorträgen zum 30-jährigen Krieg, zur Reformation und Gegenreformation und zu den beiden Weltkriegen möchte Hans Walter einen Beitrag zur Erinnerung leisten. Dies sei ihm ein besonderes Anliegen was er bei passender Gelegenheit auch weiter zur Sprache bringen will.

„So sehr sich die Zeiten und Moden wandeln, über alle die Jahrhunderte standen doch immer wieder dieselben Dinge im Mittelpunkt, wenn es zu Konflikten und Kriegen kam: Macht, Territorien, Glaube. Die Toten, Gefallenen, Vermissten und Vertriebenen mahnen uns, wozu Menschen fähig sind. In unserer schnelllebigen Zeit ist vieles in Vergessenheit geraten, an das wir uns eigentlich stets erinnern sollten. Denn nur wer weiß, was war, der weiß auch, was kommen kann“, so der Referent abschließend.

Zur Person: Hans Walter ist gelernter Industriemechaniker und beruflich bei Siemens in Kemnath tätig. Schon seit vielen Jahren beschäftigt er sich eingehend mit der Geschichte der Region und hat mit seinen Kollegen Robert Neuber aus Zintlhammer bereits mehrere Filme über historische Themen geschaffen. Der 36-jährige ist Gemeinderat in Kastl und zudem seit fast 20 Jahren politisch engagiert. Weiterhin betreibt er ein Fotostudio mit dem Schwerpunkt Visualisierung und Kommunikation.

Der Vorsitzende vom Hirschberger Fähnlein, Günther Kuhbandner, bedankte sich abschließend bei Hans Walter für den interessanten und kurzweiligen Vortrag mit einem kleinen Präsent.

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