05.11.2020 - 16:14 Uhr
EbnathOberpfalz

Forst, Jagd und Ökologie im Wandel

Eine Exkursion des Ökologischen Jagdverbandes Bayern wandelt auf naturgeschichtlichen Pfaden in der Region Schurbach. Es ist eine spannende Zeitreise durch eine außergewöhnliche Welt.

Manche halten die Jagd für ein grausames Ritual. Andere hingegen plädieren für eine maßvolle Regulierung des Wildbestandes im Wald unter Beachtung ökologischer Rahmenbedingungen. Trophäen sollten nicht im Mittelpunkt waidmännischen Verhaltens stehen.
von Autor SOJProfil

Beginnend mit dem ausgehenden Mittelalter wurden aus Naturwäldern "Forste". Das heißt, im hiesigen Raum wurde die Bestockung von Buche, Tanne, Eiche, Linde, Hainbuche, Esche oder Erle zu Forsten aus frosthärteren, anspruchslosen und schnellwachsenden Baumarten wie Fichte und Kiefer umgestellt. Grund hierfür war vorausgehender Raubbau, der zur extremen Rohstoffknappheit bei Holz führte. Holz war im Mittelalter primärer Baustoff und neben der Wasserkraft einziger Energielieferant für Heizen, Eisenverhüttung, Salzgewinnung und Glasherstellung.

Durch die beginnende Dreifelderwirtschaft und die damit verbundene Bevölkerungszunahme kam es auch zur revolutionären Entwicklung einer Forstwirtschaft. Es war geradezu ein Quantensprung als man Forste überwiegend mit Fichten und Kiefern durch Saat großflächig begründete, um planmäßig eine dauerhafte und nachhaltige Rohstoffversorgung sicherzustellen, die ein günstiges homogenes Massenprodukt für die verarbeitende Industrie liefern konnte.

Entwicklung von 300 Jahren

Die Forstwirtschaft und damit der Förster waren geboren. Ein neuer Beruf etablierte sich und dessen Ausbildung wurde über nun fast 300 Jahre perfektioniert. Es entstanden in Deutschland Forstfakultäten, Forstfachschulen und -fachhochschulen.

Äußerst positiv wirkte sich die Revolution von 1848 aus, die mit der Befreiung der geknechteten Landbevölkerung vom adeligen Jagdprivileg einherging. Erst jetzt konnte man die zu Parforcejagdzwecken übergroßen und überhegten Wildbestände, insbesondere bei Schwarzwild und Rotwild, der adeligen Vorherrschaft reduzieren, denn bis 1848 durfte nur der Adel Hochwild jagen. Diese Änderung war auch dringend notwendig, um die Forstwirtschaft wirtschaftlich und wissenschaftlich weiter zu entwickeln.

Rückfall und Fortschritt

Bereits im Kaiserreich und dann im Nationalsozialismus wurde das erträgliche Maß der Wilddichten erneut gestört. Auch nach dem Ende des Nationalsozialismus wirkte dieser Geist noch fort und konnte erst mit der klaren Formulierung "Wald vor Wild" korrigiert werden. Äußerst positiv wirkte hier aufgrund mangelnder Reformbereitschaft der traditionellen Jagdverbände die Gründung des Ökologischen Jagdverbandes am Hubertustag des Jahres 1988. Gründungsmitglieder kamen aus Forstpolitik, Forstwissenschaft und forstlichen Medien. Horst Stern und Hubert Weinzierl sind prominente Namen.

"Abschuss unerlässlich"

In diesem Geiste jagen auch in der Region im Ökologischen Jagdclub Hermannsreuth nunmehr 60 Jäger, ausschließlich Einheimische, unter ökologischen Vorgaben ohne dass Trophäen von Bedeutung wären. Solange die großen "Beutegreifer" wie Luchs und Wolf für das Gleichgewicht in der Natur keine Rolle spielen, ist der Abschuss von Reh- und Rotwild nach Meinung des Verbandes unerlässlich. Ein Gesetzesentwurf zur Novellierung des Jagdgesetzes ist auch nach Ansicht des Ökologischen Kreisverbandes längst überfällig. Eine Liberalisierung bei den Abschussvorgaben sei notwendig.

Heute ist moderne Forstwirtschaft - wie etwa bei der Forst Ebnath AG - und Forstwissenschaft eng mit wissenschaftlichen, wildbiologischen Erkenntnissen vernetzt. Eine Umsetzung ist aber nur möglich, wenn Forstbetriebe bereit sind, ausreichend qualifiziertes Forst- und forstwissenschaftliches Personal inklusive Dispositionsfreiheit vorzuhalten. Die Zusammenarbeit und der Kontakt mit dem Landesamt für Umwelt, der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft und verschiedenen Lehrstühlen der Forstwissenschaft ist bei jedem Forstbetrieb die Regel, da die Vernetzung bereits im Studium erfolgt.

Seit gut einem halben Jahrhundert werden den heutigen Entscheidern modernste waldbauliche und wildbiologische Erkenntnisse vermittelt, welche diese auch in der Praxis umsetzen. Indirekt sind Forstbetriebe auch gezwungen, sich durch die vom Staat vorgeschriebenen Forstpläne hiermit auseinanderzusetzen. Die Planungen für Forstbetriebe werden von Wissenschaftlern gefertigt. So haben die meisten Forstbetriebe ihre mittel- und langfristige Baumartenplanung mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen abgestimmt.

Luchs und Wolf im Kommen

Nachdem ein Förster ein Generalist ist und kein Spezialist auf allen Fachgebieten, ist zwangsläufig eine Zusammenarbeit mit Fach- und wissenschaftlichen Instituten an der Tagesordnung. So ist ständig wissenschaftlicher Input in wildbiologischer und waldbaulicher Thematik gegeben. Ein Input ist geradezu erwünscht, insbesondere bei großen Beutegreifern und anderer Rückkehrer, wobei ein Vorsprung hinsichtlich des Luchses im Harz oder des Wolfes in der Lausitz genutzt werden kann. So weiß man heute auch, dass man Rehwild nicht durch Beobachtungen zählen kann, dass Rehwild keine Fütterung braucht, dass es als Kulturfolger sehr anpassungsfähig ist und Lebensräume schnell erobert.

Nutzung und Schutz

Forstwirtschaft ist langfristig ausgerichtet mit dem Ziel, eine günstige Rohstoffversorgung für die gesamte Bevölkerung sicherzustellen, bei einer umweltbewussten Bewirtschaftung unter Einhaltung des Waldgesetzes, Naturschutzgesetzes oder der Wassergesetzgebung und der Zertifizierungsvorgaben. Naturnahe Forstwirtschaft versucht so Nutzung und Schutz zu verbinden. In der Region sollte nur für die Region nach dem Motto "Holz der kurzen Wege" produziert werden.

Forstwirtschaft ist Landnutzung und steht deshalb mit anderen Interessen im Wettstreit. Mit zunehmender Freizeit der Bevölkerung kommen insbesondere im Wald Interessen der Beeren- und Pilzsucher, Spaziergänger, Mountainbikefahrer, Reiter, Jäger, Fischer und Skilangläufer zum Tragen. Es ist nicht immer leicht, die sich daraus ergebenden Konflikte untereinander zu lösen. Zudem sind die Waldungen meist mehrfach überplant mit Landschaftsschutzgebieten, Naturschutzgebieten, FFH-Gebieten, Wasserschutzgebieten und Naturparks, denen sie auch gerecht werden müssen.

Da nun schon seit gut 50 Jahren die Lehre des "gemischten Waldes" Früchte trägt, sind monostrukturierte Forstbetriebe kaum mehr anzutreffen. Gerade in Bayern hat der Umbau schon früh, in den 1970er und 1980er Jahren, begonnen. So dominiert im hiesigen Raum mit über 60 Prozent die Fichte mit Mischbaumarten wie Kiefer (15 Prozent), Tanne/Douglasie (2), Lärche (2) sowie Buche und Eiche (10). Laufend wird sich die Mischung verbessern. Tanne und viele Edellaubhölzer können sich aber nur entwickeln, wenn die Schalenwildbestände von Reh- und Rotwild "angepasst" sind.

Die Einflüsse der Klimaerwärmung, die sich im Waldsterben für jeden Laien zeigen, werden von allen Seiten auf wissenschaftlicher Basis neu bewertet und die Baumartenzusammensetzung und der Waldbau entsprechend angepasst. Natur- und Artenschutz spielen eine immer größere Rolle.

Klima stabile Wälder

Moderne Forstwirtschaft versucht Artenschutz und Nutzung zu verbinden und Klima stabile Wälder heranwachsen zu lassen. Niemand will das Schalenwild ausrotten, es gehört in einer solchen Dichte zum Ökosystem Wald, dass sich ein Klima stabiler Wald entwickeln kann. Davon profitiert die Gesellschaft auch in der Region, die auf die Funktionen des Waldes wie Wasserspeicherung, Sauerstoffproduktion, Abkühlung oder Erzeugung des Rohstoffs Holz immer mehr angewiesen ist. Es profitiert aber auch das Wild, dessen Lebensraum durch eine höhere Biodiversität verbessert wird. Denn auch das Schalenwild wird diesen künftigen Wald als Lebensraum brauchen.

Es war ein langer Weg vom relativ unberührten Naturwald mit hin zu einem bewirtschafteten Forst.

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