27.11.2020 - 16:25 Uhr
DieterskirchenOberpfalz

Einzigartiges Grabkreuz in Dieterskirchen: Experten restaurieren göttliches Schmuckstück aus Schmiedeeisen

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Vier engagierte Männer, 250 Jahre Geschichte und ein schmiedeeisernes Kunstwerk aus der Epoche von Barock und Rokoko: In Dieterskirchen stehen die Restaurierungsarbeiten an einem einzigartigen Grabkreuz vor dem Abschluss.

Hunderte Arbeitsstunden investierte Schlossermeister und Kunstschmied Manfred Becher, um das Dieterskirchener Grabkreuz in neuem Glanz erscheinen zu lassen. Das Foto zeigt den weltweit tätigen Kunstschmied in seiner Werkstatt.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Seinen letzten Standort hatte das Dieterskirchener Priesterkreuz nahe des Leichenhauses am Friedhof. Befestigt auf einer liegenden Grabplatte aus Granit fiel das rund 250 Jahre alte Kunstwerk schon hier den Besuchern auf. Weil es aufwendig verziert war – und weil es in die verkehrte Richtung schaute. "Ein Priestergrab ist immer um 180 Grad verdreht", erläutert Michael Albang. Während normale Gräber nach Osten Richtung Jerusalem ausgerichtet sind, "schaut das Priestergrab als einziges in die entgegengesetzte Richtung. Der Pfarrer blickt so direkt auf seine Schäfchen", führt der Kirchenpfleger der Dieterskirchener Pfarrkirche St. Ulrich aus.

Doch diese glanzvollen Zeiten sind lange vorbei. Über Jahrhunderte setzte die Witterung dem Kreuz zu. Am Ende war es verrostet und schrottreif, wurde abmontiert und im Bauhof eingelagert. Das aber soll es noch nicht gewesen sein, dachte sich der frühere Rathauschef Johann Graßl. "Es ist dem Altbürgermeister zu verdanken, dass das Kreuz gerettet wurde. Er gab im Sommer 2019 den Anstoß zur Restaurierung", sagt Manfred Becher. Seitdem gehört der Kunstschmied aus Pullenried (Oberviechtach) zu einem Team von vier Leuten, die sich mit viel Herzblut und großem handwerklichem Sachverstand der Rettung des religiösen Symbols angenommen haben.

Vierköpfiges Expertenteam

Gemeinde und Kirchenverwaltung in Dieterskirchen erteilten den Auftrag, das völlig verrostete Kreuz samt Platte zu geteilten Kosten von insgesamt 9000 Euro zu Restaurieren. Das geht nur, wenn unterschiedliche Experten Hand in Hand arbeiten: Steinmetzmeister Erhard Fischer aus Prackendorf (Dieterskirchen) kümmerte sich um die Granitplatte. Kirchenmaler Tobias Müllner aus Pleystein malte die drei Figuren auf dem Kreuz - den Auferstehungs-Christus, den gekreuzigten Jesus und die Mutter Gottes - komplett neu. Schlossermeister Manfred Becher erneuerte das Kreuz. Und Kirchenverwalter Michael Albang koordinierte gemeinsam mit Steinmetz Fischer das gesamte Restaurierungsprojekt.

Mir war sofort klar, dass es historisch ausgesprochen wertvoll ist. Der Schmied war ein Meister seines Fachs. Heute würde man den in den Himmel loben.

Schlossermeister Manfred Becher (73)

Alle drei Handwerker – Steinmetz, Kunstschmied und Kirchenmaler – sind erfahrene Meister ihres Fachs. Wie wichtig handwerkliche Expertise bei der Restaurierung des Kreuzes ist, erklärt Manfred Becher. Der 73-jährige Pullenrieder Werkzeugbauer und Schlossermeister arbeitet seit 50 Jahren in seinem Metier, liefert seine Schmiedekunstwerke weltweit aus und ist auf internationalen Messen vertreten. Zum Kreuz sagt der Experte: "Mir war auf den ersten Blick klar, dass es historisch ausgesprochen wertvoll ist. Wer auch immer das hergestellt hat, der Schmied war ein Meister seines Fachs. Heute würde man den in den Himmel loben."

Barockblätter und Feuerschweißen

Doch auch Becher hatte alle Hände voll zu tun. "Als es zu mir kam, war es nur noch Schrott und komplett zusammengerostet." Der Schmiedemeister zerlegt das 50 Kilogramm schwere Kreuz in seine Einzelteile, sandstrahlt die Ornamente, reinigt sie mit elektrischen Drahtbürsten, bis das Eisen blank liegt und der Rost verschwunden ist. Viele Elemente sind Unikate. Der Nachbau erfordert höchstes Können und Konzentration. "Jedes Ornament ist aus einem Stück geschmiedet. Die Barockblätter sind per Feuerschweißen angesetzt. Die Verarbeitungstechnik, die hier nötig war, ist die höchste Stufe, die man in der Metallgestaltung machen kann."

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170 Arbeitsstunden gibt der Pullenrieder an – inoffiziell sind es viel mehr. "Das ist eine Arbeit, bei der man nicht auf die Uhr schauen darf", sagt Becher. Der Schlossermeister muss eigene Werkzeuge herstellen, um die Barock- und Rokoko-Ornamente wie verzierte Blätter und Knopfleisten überhaupt nachbauen zu können. Die fordernde Arbeit hat der 73-Jährige aber gerne gemacht. "Für mich ist es eine Ehre, das machen zu dürfen. Vor allem, weil das Kreuz aus meiner Heimat Dieterskirchen stammt."

Mit der gleichen Sorgfalt wie Becher ist auch Steinmetz- und Steinbildhauermeister Erhard Fischer bei der Restauration des Granitblockes vorgegangen, der als Fundament des Kreuzes dient. "Ich habe den Granit ganz fein gestrahlt, Algen entfernt und imprägniert. Das verhindert, dass Wasser eindringt", erklärt der 55-Jährige, der seinen Steinmetzbetrieb in Prackendorf in vierter Generation führt.

Knochen und Totenkopf-Gravur

Während Renovieren die Herstellung des Ursprungszustands bedeutet, geht es bei der Restaurierung laut Fischer um den Erhalt des Ist-Zustands. Genau das wurde auch mit der 650 Kilogramm schweren Platte aus örtlichem Granit gemacht. Risse armierte der Handwerker mit Edelstahlschienen, das Halterungsloch für das Kreuz erneuerte er. Besonders ist die Verzierung auf der Oberfläche des Steins: Wenn auch nur noch schwach zu erkennen, so zeigt die Gravur einen Kelch mit gekreuzten Knochen und einem Totenkopf. "Der Kelch ist ein symbolisches Zeichen für einen Priester und die Knochen und der Totenkopf stehen für Vergänglichkeit", erklärt Fischer.

Ideeler Wert für Dieterskirchen

Der Gemeinderat weiß, dass Stein und Kreuz über 250 Jahre alt sein müssen, weil sie zeitgleich mit dem Bau der Pfarrkirche St. Ulrich 1741 angefertigt wurden. Seitdem dienten Kreuz und Granit als Grabplatte - zuerst am alten, längst aufgelösten Gottesacker rund um St. Ulrich, später am heutigen Friedhof gegenüber der Kirche. Allerdings haben unter der Platte nie Gebeine gelegen. "Die Dieterskirchener Pfarrer sind alle in ihren Heimatsorten begraben, das Kreuz erinnert nur an sie", klärt Kirchenpfleger Albang auf. In einem Metallkästchen auf der Rückseite des Kreuzes soll deshalb auch eine Inschrift zum Gedenken an die früheren Pfarrer von Dieterskirchen angebracht werden. "Für die Gemeinde haben Kreuz und Platte einen riesigen ideellen Wert, weil sie die Geschichte des Ortes verkörpern und es das einzige noch existierende Relikt aus dem ehemaligen alten Friedhof ist", sagt Gemeinderat Fischer.

Für die Gemeinde haben Kreuz und Platte einen riesigen ideellen Wert.

Steinmetz- und Steinbildhauermeister Erhard Fischer

Wenn im Frühjahr 2021 nach Abschluss aller Arbeiten und mit den drei auf Blei gemalten Kirchenbildern das Grabkreuz wieder in neuem und farbigem Glanz erstrahlt, soll das geschichtsträchtige Kunstwerk deshalb nicht mehr auf seinen alten Platz am Friedhof zurückkehren. Der Gemeinderatsbeschluss sieht einen prominenteren Platz für das wertvolle Unikat vor, erklärt Albang. "Der Abhang hinter der Apsis der Kirche wird ausgekoffert und mit Feldsteinen ausgekleidet. Dort wird das Kreuz platziert. Es steht dann direkt am Weg zwischen Kirche und Friedhof, wo es alle Bürger sehen können."

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