05.02.2021 - 15:48 Uhr
DieterskirchenOberpfalz

Als "Dorfkind" in der Monster-Metropole: Fürs Studium ans andere Ende der Welt

Viele Dorfkinder wollen irgendwann in die Stadt. Tobias Held ist ein Extremfall. Er kommt aus Dieterskirchen und lebt seit Dezember in Hongkong. Er spricht über den Schock zu Beginn und die Anziehungskraft, die die Mega-City auf ihn hat.

Tobias Held beim Wandern mit einem fantastischen Ausblick über die Skylines von Kowloon und Hong Kong Island.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

1034 Menschen leben in Dieterskirchen, im Landkreis insgesamt sind es schon rund 145 000. Im Vergleich zur Mega-Metropole Hongkong sind das winzig kleine Dörfer. Dort leben 7,451 Millionen Menschen. Tobias Held aus Dieterskirchen hat die Faszination Hongkongs am eigenen Leib erfahren. Der Informatikstudent ist für sein Doppel-Masterabschluss-Programm nach Hongkong gezogen.

Stadt hat Student beeindruckt

Held sagt, dass der Umzug nach Hongkong seinen Horizont enorm erweitert hat. Hongkong sei eine Stadt der Gegensätze. Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien schwärmt er von der Straße entlang von Hongkong-Island, die fast an der Spitze eines Berges liegt. "Man geht da entlang der Skyline-Hongkongs. Das ist total atemberaubend, wie viele Hochhäuser und Wolkenkratzer es dort gibt. Man kann da eigentlich eine ganze Stunde lang stehen und einfach nur gucken", sagt er. Er sei sich dort fast nicht sicher gewesen, ob das, was er sieht real ist. Held: "Das ganze Lichtspektakel geballt mit den ganzen Hochhäusern und Werbebannern ergibt einfach ein Bild, das unbeschreiblich und absolut einzigartig ist." Davor habe er nur Frankfurt als Stadt mit Wolkenkratzern gekannt - kein Vergleich. Held: "Wenn man im Zentrum steht und nach oben blickt, sieht man teilweise nicht mehr den Himmel, sondern nur Gebäude."

Der Sonnenuntergang über Hongkong gehört mit zu den schönsten Dingen, die Held in seinem Leben bislang gesehen hat. Um ihn zu Gesicht zu bekommen, ist Held auf den Lantau-Peak, die zweithöchste Erhöhung Hongkongs gewandert. "Da habe ich in Richtung Westen die Sonnenwanderung live beobachtet", sagt er. Dort sei er Zeuge davon geworden, wie die Sonne innerhalb von nur fünf Minuten hinter dem Horizont verschwindet. "Es war schon krass, mit den eigenen Augen zu sehen, wie schnell ein Sonnenuntergang gehen kann", sagt er. Hongkong sei die Stadt, in der Ost auf West, Reich auf Arm, Land auf Stadt trifft. Held: "Ich glaube, Hongkong ist der Ort, an dem du alles findest, was du nur irgendwo auf der Welt zu sehen bekommen kannst."

"Dorfkind" in der weiten Welt

Held bezeichnet sich selber als "eigentlich ein Dorfkind". Die Eindrücke der Stadt hätten ihn zu Beginn fast erschlagen. Er hatte bereits vor circa drei Jahren einmal die Möglichkeit, im Rahmen eines Praktikums für ein verlängertes Wochenende nach Hongkong zu reisen. Held: "Damals dachte ich, dass ich bei dem einem Mal an den zwei Tagen die Stadt gesehen habe. Das war aber nur ein winzig kleiner Bruchteil dessen, was es dort zu entdecken gibt."

"Die Welt um dich herum bewegt sich Hundert mal schneller als am Dorf. Das überfordert dich am Anfang schon ziemlich."

Tobias Held aus Dieterskirchen über seinen Umzug nach Hongkong

Tobias Held aus Dieterskirchen über seinen Umzug nach Hongkong

Heute lebt er seit mittlerweile zwei Monaten in der Metropole und er sagt, dass er viel von dem, was er damals für sich wahrgenommen hatte, noch einmal überdacht hat. "Mein Bild von Hongkong hat sich verändert. Hier ist alles noch so viel vielfältiger, als ich zunächst angenommen hatte. Alleine die Sinneswahrnehmungen und die Gerüche." Die ersten Tage sei es schwer gewesen, sich zurecht zu finden. Von einem Studienkollegen habe er den Tipp bekommen, sich so schnell wie möglich auf das neue Umfeld einzustellen. "Er hat zu mir gesagt, wenn du das mit der Geschwindigkeit in der Stadt nicht auf die Reihe kriegst, dann kriegt dich die Stadt." Leichter gesagt als getan, denn für Held hat das Wort schnelllebig mit Hongkong noch einmal eine ganz andere Bedeutung bekommen. "Die Welt um dich herum bewegt sich Hundert mal schneller als am Dorf. Das überfordert dich am Anfang schon ziemlich."

Visum und Quarantäne

Eigentlich hätte Held bereits Ende August 2020 nach Hongkong reisen sollen. Es gab aber zunächst Verzögerungen mit dem Visum wegen der Coronapandemie. Held: "Das war aber kein Problem, weil das Semester komplett online angelaufen ist." Als er dann im Dezember nach Hongkong reisen durfte, musste er erst einmal 14 Tage in Quarantäne. "Am Anfang dachte ich, puh, zwei Wochen sind happig. Am Ende war ich aber recht positiv überrascht, wie gut ich damit klar gekommen bin." Held hatte sich seine Prüfungsphase so gelegt, dass er während der zwei Wochen in Isolation alle Tests für das Semester schreiben konnte, die alle online und nicht in Präsenz abgehalten wurden. Sein letzter Quarantäne-Tag war auch gleichzeitig sein letzter Prüfungstag. Am Flughafen bei der Einreise habe es Vorkehrungen gegeben, die sicherstellten, dass Held nicht gegen die Auflagen verstoßen kann. "Am Flughafen bekommt man ein Armband mit einem Empfänger und einem QR-Code. Gleichzeitig muss man eine App installieren, die kontrolliert, ob du die Quarantäne einhältst", sagt der 25-Jährige. Zusätzlich musste er seine Nummer angeben, unter der er erreichbar war, bekam ein Thermometer, mit dem zweimal täglich Fieber messen musste und eine Handreichung mit Notfallnummern, sollten Symptome auftreten. Am Flughafen musste er sich zudem sofort auf Corona testen lassen und durfte das Gebäude erst nach Bekanntgabe des negativen Ergebnisses verlassen.

Freunde erweitern Horizont

Held hat nach seiner Quarantäne schnell Anschluss gefunden. Seine neuen Freunde kommen unter anderem aus Norwegen, Großbritannien und Kasachstan. Held: "Der Austausch und der Umgang im Freundeskreis ist total inspirierend. Jeder nimmt das Land und die Heimatländer der anderen anders wahr. Man lernt da wirklich viel über Kultur, unterschiedliche Verhaltensweisen und auch viel über sich selbst." Besonders interessant fand er, wie Deutschland international wahrgenommen wird. "Da bekommst du ab und zu mal so richtig den Spiegel vorgehalten, wie du als Deutscher agierst", sagt er. Besonders oft sei die Frage nach der deutschen Pünktlichkeit aufgekommen. Total überrascht hat ihn, dass ihm eine Freundin aus Kasachstan erzählt hat, dass sie es befremdlich finde, dass die Menschen in Deutschland so viel lachen. Held: "Bei uns ist das ja völlig normal, dass Leute zum Beispiel ein fremdes Kind anlächeln." Aus kasachischer Sicht frage man sich dabei, wie das Lachen gemeint ist, ob es ernstgemeint oder nur gekünstelt ist. Seine Heimat in Deutschland fehlt ihm derzeit noch nicht. Held: "Ich würde sagen, dass ich sehr anpassungsfähig bin. Vielleicht blicke ich aber auch mit der Coronabrille nach Deutschland." Über digitale Kommunikationsmittel hält er Kontakt mit Familie und Freuden. Vielmehr geht im Lockdown derzeit in Deutschland ja ohnehin nicht. Deutsche Lebensmittel hat er in Hongkong viele gefunden. "Ich habe sogar deutsches Bier hier, das aus der Nähe von Regensburg kommt."

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Studium frisst viel Zeit

Mittlerweile ist Held in ein Studentenheim umgezogen. An einem normalen Wochentag ist er den Großteil der Zeit mit dem Studium beschäftig. "Das Studium hier gestaltet sich ein wenig anders als in Deutschland. Die Noten entstehen schon durch kontinuierliche Abgaben von Übungsaufgaben unter dem Semester." Bei sechs Fächern mit je einer Gruppenarbeit, zwei Einzelabgaben und Praxis-Elementen kein Zuckerschlecken. Vorlesungen finden meistens abends statt, deshalb ist Held von halb sieben bis halb zehn abends im Hörsaal.

 

 

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