07.05.2021 - 15:34 Uhr
BurglengenfeldOberpfalz

Burglengenfelder Bürgermeister: Plötzlich blind

In nur wenigen Tagen verliert Thomas Gesche fast sein komplettes Sehvermögen. Der Rathauschef von Burglengenfeld wird wohl nie wieder gut sehen können. Und doch: Seine Motivation ist ebenso intakt wie das Selbstvertrauen.

Thomas Gesche sitzt an seinem Schreibtisch im Rathaus. Der alte Bildschirm wurde durch einen größeren ersetzt.
von Julian Seiferth Kontakt Profil

Die Erzählung klingt dramatisch: Zum Monatswechsel in den Februar sieht Thomas Gesche innerhalb weniger Tage erheblich schlechter. Briefe oder Mails sind kaum mehr lesbar, Ärzte kommen zu einer ebenso schnellen wie falschen Diagnose: erhöhter Blutzucker. Doch der Blutzucker-Wert nimmt ab, die Probleme bleiben. Inzwischen steht fest: Er leidet am Lhon-Syndrom, einer seltenen Erkrankung des Sehnervs. Gesche bleibt ein Sehvermögen von gerade mal acht Prozent. All das schildert Burglengenfelds Bürgermeister in einer Videobotschaft, die er Ende April auf dem YouTube-Kanal der Stadt verbreitet.

Rund zwei Wochen sind seitdem vergangen. Anfang Mai öffnet Gesche die Tür des Rathauses. Den Weg in sein Büro durch lange Gänge und über verwinkelte Treppen legt der Bürgermeister in einem Tempo zurück, um das ihn einige Amtskollegen auch mit intaktem Sehnerv beneiden würden. Gesche kennt das Haus seit 20 Jahren, im Jahr 2001 begann er hier als Azubi. Angesichts dieser Zahlen ist es einfach zu vergessen, wie jung Thomas Gesche eigentlich ist: 2014 wählten ihn die Burglengenfelder zum Bürgermeister, mit damals 29 Jahren war er der jüngste im Landkreis Schwandorf. Seit 2002 ist Gesche CSU-Mitglied, 2005 war er einer der Mitbegründer einer wiederauferstandenen Jungen Union (JU) in Burglengenfeld. Im vergangenen Frühjahr gewann Gesche seine Wiederwahl zum Bürgermeister. Heute ist er 36 Jahre alt.

Kleiderschrank farblich sortiert

Der Mann, der seit Jahren auf der Überholspur der politischen Autobahn unterwegs ist, ist seit Februar zur Langsamkeit verdammt, vielleicht für immer. Fast von heute auf morgen reduzierte sich Gesches Sehvermögen von dem eines normalen Brillenträgers auf Umrisse und Farben. Bei pandemiekonformen Gesprächsterminen erkennt der 36-Jährige die Farbe der Kleidung und das Gegenüber an sich, aber keine Details. In der Zeit seiner Krankschreibung zwischen Ende Januar und dem 23. April hat Gesche fast sein komplettes Privatleben umgestellt. Nachrichten am Handy fotografiert er, um sie auf ein lesbares Maß vergrößern zu können. Mails lässt er sich von der Sprachausgabe seines Handy oder Computers vorlesen. Ein Freund hat ihm den Wohnbereich verkabelt und mit Alexa, einem sprechenden und hörenden Programm von Amazon, ausgestattet. "Ich war nie ein Freund dieser Technik", sagt Thomas Gesche. "Inzwischen macht sie für mich Sinn. Das Programm sagt mir beispielsweise, ob ich einen Regenschirm brauche und liest mir die Termine vor." Die Kleiderschränke hat er so umorganisiert, dass sie nach Farben sortiert sind, die Waschmaschine bedient Gesche inzwischen nur noch über das Gefühl in den Fingern und das Klicken der Rädchen. Freunde haben Chatgruppen eingerichtet, in denen sie absprechen, wer für Gesche die Einkäufe erledigt.

Der Bürgermeister ist noch dabei, sich mit den technischen Möglichkeiten vertraut zu machen, die er inzwischen zuhause installiert hat. Im Rathaus läuft der Prozess gerade an: Mitte Mai kommt ein Techniker ins Haus, mit dem er verschiedene Lösungen ausprobieren will. Eine Veränderung ist bereits sichtbar umgesetzt: Gesche arbeitet an einem deutlich größeren Bildschirm, der einen Zoom auf die zwei- bis dreifache Größe zulässt.

Der 36-Jährige will nach vorne schauen, sich der Lage stellen. "Die Situation ist bescheiden, das weiß ich. Aber es geht weiter." In den Tagen nach der Diagnose sei es ihm schlechter gegangen, "das zieht einem erstmal den Boden weg".

Wieder aufgerichtet hätten ihn Freunde, das Umfeld, aber auch die "99,9 Prozent positiven Reaktionen der Menschen", sagt Thomas Gesche. Zuhause habe er hunderte Nachrichten erhalten, bei Spaziergängen sprächen ihn Menschen an. "Die Leute schätzen besonders die Videobotschaft, die Transparenz. Einige sehen mich als Vorbild."

Gesche hat einen Behindertengrad von 100 Prozent. Die Therapie, die er momentan erhält, soll seine restliche Sehkraft zumindest erhalten. Vorbilder für beinahe erblindete Berufspolitiker gibt es kaum: Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel, ist selbst stark sehbehindert. Manuele Bertoli ist blind und Regierungspräsident der Region Tessin in der Südschweiz. Es sei ungewöhnlich, dass jemand mit seinem Leiden in der Politik tätig sei. "Es gibt in Deutschland keine blinden oder sehbehinderten Bürgermeister oder Landräte."

Keine Entscheidung zu 2026

Wie geht es für Thomas Gesche weiter? Privat hat sich der 36-Jährige weitestgehend auf seine neue Situation eingestellt. "Ich reise sehr gerne, und das werde ich wohl auch weiter tun. Man sieht ja nicht nur, es gibt noch ganz andere Eindrücke." Im Rathaus will Gesche bleiben, mindestens bis zur nächsten Wahl 2026. Über die Zeit danach habe er noch nicht nachgedacht. "Es war nicht immer mein Ziel, lange in der Politik zu sein. Ich wollte einfach etwas in meiner Heimat bewegen." Sein Amt sei schon unter normalen Umständen fordernd, er gebe eher 130 als 100 Prozent. "Das wird jetzt natürlich noch mehr." An seiner Qualifikation zweifelt der 36-Jährige trotz Handicap nicht. Seinen Humor hat er nicht verloren: "Viele Politiker sind blind. Der einzige Unterschied zwischen uns ist, dass die noch etwas sehen."

"Die Situation ist bescheiden, das weiß ich. Aber es geht weiter."

Thomas Gesche, Bürgermeister

Thomas Gesche, Bürgermeister

Zum Thema: Barrierefreiheit in der Oberpfalz

Mitterteich
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.