18.10.2019 - 10:29 Uhr
BrandOberpfalz

Weltausstellung, Wetten und Märchen

Die Geschichte um den Bierfilz ist nicht sehr aufregend, doch die Geschichten darum herum umso mehr. In Brand gibt es zu den Untersetzern eine besondere Verbindung.

von Bertram NoldProfil

"Bierdeckel" nennt man die dünne Scheibe aus Papiermasse, auf der ein Bierglas steht und herunterlaufende Tropfen auffängt. Logisch ist der Name nicht, denn niemand im Wirtshaus deckt damit sein Bier zu - allenfalls tut man das im Biergarten, um Insekten fernzuhalten. "Bierfilz" heißt der kleine Helfer auch, damit kommt er als aufsaugende Unterlage seiner Aufgabe schon näher.

Spürt man der Geschichte seiner Entstehung etwas nach, werden die beiden Bezeichnungen klarer. Das Internet - insbesondere Wikipedia - hilft hier weiter. Bierdeckel haben im deutschsprachigen Raum standardmäßig einen Durchmesser von 107 Millimetern, doch sind auch quadratische Bierdeckel und andere Formen verbreitet.

Ausgestanzt und bedruckt

Im 19. Jahrhundert tranken die reicheren Leute das Bier aus Bierseideln mit Deckeln aus Zinn oder Silber. Einfachere Leute benutzten Krüge ohne Deckel. Als Untersetzer dienten damals Filze, die sogenannten "Bierfilze". Diese waren meist aus Wolle und konnten bei Verschmutzung einfach gewaschen werden. Trank man Bier im Freien, dann legte man diese Filze auf den Krug, damit weder Ungeziefer noch Laub das Bier verunreinigten.

Aus dieser Funktion des Abdeckens stammt der Name "Bierdeckel". Diese "Bierfilze" waren meist feucht und begünstigten die Vermehrung von Bakterien, sie waren also recht unhygienisch. Die feuchten "Bierfilze" wurden von der Bedienung beim Abräumen wieder eingesammelt und in Bierfilzständern oder dachziegelartig aufgereiht und luftgetrocknet.

Ab 1880 stanzte die Kartonagenfabrik und Druckerei Friedrich Horn in Buckau bei Magdeburg Bierglasuntersetzer aus Pappe und druckte verschiedene Motive auf. Schließlich erfand Robert Sputh aus Dresden 1892 den Vorläufer des heutigen Bierdeckels, die sogenannten "Holzfilzplatten" oder "Faserguss-Untersetzer", bei denen der Papierbrei in runde Formen gefüllt und getrocknet wurde.

Später wurde er, wie in der Goetz GmbH in Brand, dünn ausgewalzt, gepresst, getrocknet. Aus diesen so entstandenen Flächen wurden die Endformen herausgestanzt und schließlich bedruckt. Stapelweise nahmen sie die Arbeiter heraus und verpackten die Deckel als Rollen, die wiederum in Schachteln gelegt wurden.

Diese Holzfilzplatten hatten bereits einen Durchmesser von 107 Millimetern, waren 5 Millimeter dick und wurden in der Sputhmühle in Mittelndorf produziert. 1903 begann Casimir Otto Katz im Murgtal, die bis heute gebräuchlichen Bierdeckel in Holzschliffpappe industriell herzustellen. Sie werden aus frischem heimischen Fichtenholz hergestellt. Dessen lange Fasern sind sehr saugfähig.

Jedes Seidl ein Strich

Heute noch benutzt der Gastwirt das "Bierfilzl", um auf der unbedruckten Rückseite die Preise für konsumierte Speisen und Getränke zu addieren. Für jedes getrunkene Seidel hat er einen Strich gemacht, was ihm beim Zusammenrechnen und Bezahlen große Hilfe ist.

Viele Leute in Brand besitzen Bierdeckel, entweder weil sie selbst einmal bei Goetz tätig waren oder als Brander einfach leichten Zugang zu den mittlerweile begehrten Sammlerartikeln hatten. Der Wert der Filze allerdings ist stark abhängt von den noch zur Verfügung stehenden Deckeln - wie bei Briefmarken und anderen Sammlerartikel auch: Je weniger im Angebot, desto höher der Preis.

Ab 1950 arbeitete auch Therese Zaus aus Fuhrmannsreuth in der damaligen Goetz GmbH. Ihr Sohn Hendrik trifft sich jeden Donnerstag mit seinen Stammtischbrüdern in der "Dorfschänke" in Fuhrmannsreuth, wo es um allerlei Themen geht, eben auch um Bierfilze. Der Hendrik, so kennt man ihn in Brand, besitzt eine große Sammlerleidenschaft für viele Dinge, unter anderem auch für Porzellan, wofür er eigenhändig ohne jegliche Hilfe ein eigenes auffallendes Gebäude errichtet hat.

Viele Sammlerstücke

Den Bierfilzen gilt nicht unbedingt sein großes Interesse, doch einige Schachteln - es sind noch Originalschachteln von Goetz - enthalten mehrere Hundert Stück und stellen einen großen Querschnitt der in Brand produzierten Bierdeckel dar. Runde, sechseckige, übergroße, quadratische und ganz kleine mit Kreisausschnitt finden sich dort. Beginnt man mit dem "Durchblättern", möchte man nicht mehr aufhören.

Da finden sich plötzlich ähnliche Sammlerstücke und die geben nebeneinandergelegt eine ganze Serie. Von der "Expo 1958" wurde eine Serie mit 30 verschiedenen Motiven gedruckt. Vielen Ländern war ein eigenes Motiv zugeordnet und auf der Rückseite gab es dazu die Erklärung. Diese Serie, wenn sie denn komplett ist, soll mittlerweile sehr wertvoll sein. Hendrik hat sie nicht alle, aber weit über 20 Stück.

Was hat einen Auftraggeber bewogen, Bierfilze drucken zu lassen, auf denen Schneewittchen und die sieben Zwerge abgebildet sind? Keine Brauerei, kein Auftraggeber, kein weiterer Hinweis. Vielleicht wollte man damit einfach jemandem eine Freude machen. Würde man die Filze alle auflegen und nach irgendwelchen Kriterien ordnen, könnte man die Geschichte der Brauereien in der Region leicht nachvollziehen. Viele, die auf den Deckeln aufgedruckt sind, existieren nicht mehr. An die Grenzen würde man stoßen, wenn es um Drucke in arabischer Schrift oder um amerikanische Brauereien geht. Auch dort wurde der Bierdeckel offenbar sehr geschätzt.

Alle Jahre hat die Firma Goetz ihren Kunden und den Biertrinkern mit einer Serie die besten Wünsche zu Weihnachten und zum Neuen Jahr per Bierfilz übermittelt. Nicht immer ist das Jahr darauf abgedruckt, aber die Motive sind überaus reizvoll und sicher liebevoll ausgewählt worden.

Offenbar hatte man mit den kleinen Helfern nicht nur Biertrinker als Nutzer im Auge. Auch Limogläser verursachen einen feuchten Rand auf dem Tisch, der durch ein Bierfilz vermieden wird. Warum also diese Filze nicht auch als Werbeträger für Limo verwenden? Werbeträger sind sie zumeist, sei es für Vereine, die damit größere Feste ankündigen, Brauereien sowieso und besondere Anlässe wie eine Fußball-WM wurden auch zum Anlass genommen. Sie wurden dann so gestaltet, dass auf ihnen Wetten festgehalten wurden. "Wetten daß? Ich wette um ____Gläser Bier, dass ... " Hier ging es um die Fußball-WM 1982. Beim gemeinsamen Verfolgen der Spiele auf dem Fernseher im Wirtshaus sicher eine anregende, stimmungs- und gemeinschaftsfördernde Art, sich der WM zu widmen und dem Wirt ein paar Mark Gewinn zu bescheren.

Filzl als Werbeträger

Eine "2" in der linken oberen Ecke? Es lässt sich vermuten, dass es wohl auch eine "1" und eine "3" und viele andere geben könnte. Richtig! Die "3", die "4" und die "5" sind auch da. "Dort, bei der Kapelle am Birnbaum vorbei und stangengrad owi jetzt sehn' Sie ihn glei," steht da auf dem Deckel. Ähnliche Sprüche, die auf einen bestimmten "Bräuwirt" hinweisen, finden sich auf den weiteren Filzen. Es werden sich sicher noch mehrere dieser Serie finden in Hendriks Bierfilz-Schachteln.

Anlässe, sich des Bierfilzes als Werbeträger oder Informationsmedium anzunehmen, gab es genug und kreative Ideen, die das Auge des Biertrinkers auf den Anlass lenkten, ebenso. Und da hat man dem Glasuntersetzer aus Pappe gar einen eigenen Tag gewidmet. "Tag des Bierfilzl's 1962" steht auf einem sehr aufwendig gedruckten Stück. Das Münchener Kindl lacht von dem Filz herunter und kleingedruckt erfährt man den Anlass: "60 Jahre Bieruntersetzer". Die Bestellung kam von der "Tauschbörse des I.DBSC e.V. im Salvatorkeller".

Eine Bierdeckel-Börse gibt es noch heute, wobei man sich auch hier der digitalen Medien bedient. Sie zu beobachten, ist durchaus interessant.

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