08.09.2019 - 13:32 Uhr
BrandOberpfalz

Hans Schuierer plaudert nach Wackersdorf-Film aus Nähkästchen

Das Ferienprogramm endet in Brand mit einer Veranstaltung für die Großen, die es in sich hatte: Im Mittelpunkt stand der Film zur geplanten WAA in Wackersdorf. Beim anschließenden Filmgespräch wurde Tacheles geredet.

Zufriedene Gesichter nach einem äußerst spannenden Filmgespräch: Hans Schuierer (Zweiter von rechts) mit KIndergartenleiterin Michaela Schmidt, dem Vorsitzenden des Elternbeirats Hilmar Zaus, den Gesprächsteilnehmern Wolfgang Nowak und Heinrich Mayer (von links). Rechts Moderator Manfred Hartung.
von Bertram NoldProfil

Mit dem früheren Landrat Hans Schuierer, dem Journalisten Heinrich Mayer und Wolfgang Nowak waren drei Männer gekommen, die den Kampf gegen die WAA hautnah miterlebt haben. Etliche Besucher erinnerten sich noch an die gelben Plakate und Schilder "WAA niemals!", die vor 30 Jahren vielerorts zu sehen waren. Der Widerstand gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf war gewaltig.

Im Sommer 2018 sorgt ein Film mit gleichem Titel für Furore. Die filmische Aufbereitung war nun auch Thema einer Ferienveranstaltung in Brand, zumal mit Altlandrat Schuierer aus Schwandorf der kompetenteste Gesprächspartner gekommen war, den man zu diesem Thema finden kann.

Ein gefragter Referent

Die zentrale Figur des Widerstands setzte mit seinem Besuch dem Abend die Krone auf. Der äußerst vitale 88-Jährige stand bereitwillig nach dem Film Rede und Antwort und das mit einem Elan, als wäre das Projekt erst gestern abgeblasen worden. Inzwischen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, ist Schuierer gefragter Referent und das auch bei der Polizei. Erst kürzlich war er im Polizeipräsidium in München zu Gast. Auch bei der CSU hat er seine Bewunderer gefunden und nach dem Film wussten die Besucher auch, warum das so ist.

Kindergartenleiterin Michaela Schmidt begrüßte als weitere Gäste Heinrich Mayer und Wolfgang Nowak, die mit Schuierer gekommen waren. Mayer war als Redakteur des "Neuen Tags" bei den Ereignissen in Wackersdorf hautnah dabei. Nowak war der Leiter der Franziskus-Marterl-Gemeinde und hat ein Riesenarchiv über die WAA. NT-Redakteur Manfred Hartung moderierte das Filmgespräch, das rund 50 Besucher in den Mehrzwecksaal gelockt hatte.

Sein Statement nach dem Film begann Schuierer mit einem Dank für das große Interesse. Die WAA sei von Anfang an ein "einziges Lügenpaket" gewesen. Nachdem Franz Josef Strauß 1979 ein Gerücht bezüglich dieser Anlage in Wackersdorf dementiert habe, sei wenige Wochen später Innenminister Alfred Dick nach Schwandorf gekommen und habe ihm das Vorhaben unterbreitet. 3000 in Aussicht gestellte Arbeitsplätze seien eine große Versuchung gewesen in einer Region mit 20 Prozent Arbeitslosigkeit, der höchsten in der BRD. Der 200 Meter hohe Kamin, der den "Dreck" möglichst weiträumig verteilen sollte, habe bei ihm schließlich ein Umdenken ausgelöst.

Im Übrigen enthalte der Film auch "viel Schmarrn", wie die Szenen mit der Fahrradgruppe oder der Streit mit dem Wackersdorfer Bürgermeister, den es nie gegeben habe. Einiges fehle auch, zum Beispiel Details zum Verhalten der Polizeiführung. "Der Film hätte auch den Widerstand der Bevölkerung besser in den Mittelpunkt rücken sollen", findet Schuierer. "Der Film stellt zudem mich zu sehr in den Mittelpunkt", sagte Schuierer, der durchaus bestätigte, dass der Bau der WAA seinerzeit ganze Familien entzweit habe.

Künstlerische Freiheit

Von einem Film, der die Möglichkeit der künstlerischen Freiheit genutzt habe, sprach Heinrich Mayer. Er hatte das Projekt von 1981 an bis zum Schluss begleitet. Für die Journalisten seien dies harte Jahre gewesen. Immer wieder habe der Presse-Referent des Innenministeriums angerufen und zur Richtigstellung mancher Nachrichten aufgefordert. Nötig sei dies nicht gewesen, denn von Anfang habe die Regel gegolten, nur das zu schreiben, was man wirklich gesehen habe. Reingeredet habe ihm niemand, weder ein Verleger noch ein Chefredakteur.

Nowak machte deutlich, dass er in dem Film einen Aufruf an die Jugend sieht, sich zu engagieren, damit die Welt besser wird. Dies sah auch ein Besucher so und fand es "wunderbar", dass sich ein Kindergartenelternbeirat eines solchen Themas annimmt. Dahinter stünden junge Eltern, die sich für ihre Kinder eine gute Zukunft wünschten. Denn auch heute sei nicht alles zukunftsweisend, was präsentiert werde. Man müsse weiter wachsam sein. Die WAA in Wackersdorf sei ein Musterbeispiel dafür, was man bewegen könne, wenn man konsequent bleibe, genügend Mitstreiter habe und zusammenhalte.

Eine positive Sichtweise auf die Entwicklung brachte ein Besucher von einem Besuch in Wackersdorf mit. Er beschrieb die Entwicklung des Gebietes zu einem bedeutenden Industrie-Standort. 5800 Arbeitsplätze und Wackersdorf schwimme im Geld! "Ironie der Geschichte?"

Auch Befürworter im Saal

Auch ein starker Befürworter der Atomenergie fand sich im Publikum. Es könne immer was passieren, meinte er. Auch sprach er sich gegen Demos gegen die Staatsgewalt aus. Er würde niemals an so etwas teilnehmen. "Denn das gehört sich nicht." Dem Mann, der später vorzeitig den Saal verließ, hielt Schuierer die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima entgegen. "Wackersdorf war ein Musterbeispiel dessen, was in einem Rechtsstaat nicht passieren darf", meinte Schuierer. Heute gebe man auch zu, dass damals vieles falsch gewesen sei. "Es wurde von Anfang gelogen!" Fast zwangsläufig kam dabei auch die Rolle von Franz Josef Strauß zur Sprache, der das Projekt um jeden Preis umsetzen wollte, auch mit Tricksereien. Seine Entmachtung sei durch die Gesetzesänderung zugleich die Entmachtung aller Landräte gewesen, und die hätten sich nicht gewehrt, ergänzte Hans Schuierer.

Ungeheuer belastend

Alle Gäste vertraten einhellig die Meinung, dass sich im Falle der Verwirklichung der WAA die gesamte nördliche Oberpfalz verändert hätte und die Region um Wackersdorf ausgestorben wäre. Der Wohnwert der Oberpfalz wäre drastisch gesunken. Die ganze Sache sei für ihn ungeheuer belastend gewesen, erklärte Schuierer auf die entsprechende Frage des Moderators. Ein vier Jahre dauerndes Disziplinarverfahren sei nur mit Unterstützung der Familie durchzustehen. Viele CSUler würden heute seine Meinung vertreten.

Geballtes Wissen über Wackersdorf: (von links) Wolfgang Nowak, Altlandrat Hans Schuierer, Heinrich Mayer und Moderator Manfred Hartung.
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