14.05.2021 - 13:28 Uhr
BrandOberpfalz

Entlang des Fichtelnaabtalradwegs: Ein Stück vom Paradies erhalten

Auf viel unberührte Natur stößt man am Fichtelnaabtalradweg zwischen Ebnath und Mehlmeisel. Wer es nicht eilig hat und mit offenen Augen durch die Landschaft fährt, wird hier reich belohnt.

von Bertram NoldProfil

„Eine Stunde im Paradies“: Ein Radfahrer, der eben den Fichtelnaabtalradweg genossen hat und am Parkplatz beim Goetz-Areal sein Fahrrad auf dem Träger am Auto befestigt, sieht das auch so. Wer den Radweg kennt und öfter fährt, wird diese Einschätzung teilen. Wildromantisch zeigt sich er sich von Ebnath bis Fichtelberg durchgehend. Es lohnt sich, an der Brücke bei der Selingau am Ortsrand von Ebnath - aus Brand kommend - einzusteigen und von dort die Fahrt in Richtung Grünberg anzutreten. Nur wenige Meter sind zu fahren, um das Gefühl zu haben, plötzlich in einer anderen Welt zu sein. Kein Verkehrslärm mehr, keine sichtbare Bebauung mehr.

Wer das Fichtelgebirge in seiner wildromantischen Unberührtheit erleben möchte, steigt einfach zwischendurch ab, lehnt sein Rad an einen Baum und hört auf das, was ihm die Natur zu sagen hat. Das Rauschen des Waldes und der Gesang der Vögel werden vom beruhigenden Plätschern des Baches ein paar Meter tiefer begleitet. Der Blick dorthin wandert entlang des felsigen Bachlaufes, eingerahmt von hohen Fichten, auch von umgefallenen Bäumen, die hier aus ökologischen Gründen nicht entfernt wurden. Sie verleihen mit ihren gesplitterten und verwitterten Bruchstellen der Umgebung ihren besonderen Charme.

Kunstwerk Eisenhammer

Bald wird es heller und offener und auch etwas lauter: Der Verkehr auf der nahegelegenen Staatsstraße ist zu hören. In wenigen Minuten geht es unter der Fichtelnaabtalbrücke durch, die hier auf 107 Metern Länge und 17 Metern Höhe das Tal überspannt. Kunstfreunde könnten unter der Brücke das Fahrrad abstellen und die Treppe hochsteigen, wo sie direkt vor dem 2003 erbauten Kunstwerk von Paul Schinner stehen: Es soll an den Eisenhammer von Grünberg erinnern und das nicht völlig starr. Der sich verändernde Winkel der Sonneneinstrahlung erzeugt einen sich langsam bewegenden Schattenwurf, wodurch das Werk eine besondere Dynamik erfährt.

Das nächste Kleinod wartet bereits einige Meter weiter. Hier steht direkt am Radweg die 1859 erbaute Dreifaltigkeitskapelle mit einem geschnitzten Altar des Ebnather Künstlers Gerhard Schinner. Ein Flyer in der Kapelle gibt Auskunft über die Geschichte und die Besonderheiten des Kirchleins.

E-Bikes, denen hier „die Luft ausgeht", finden an der Straße einen Hinweis auf eine Ladestation in knapp einem Kilometer Entfernung. Sie befindet sich am sogenannten, nicht zu übersehenden „schwebenden Schlachthaus“ am Ortseingang von Brand. Die kleine Steigung hinauf bis zur Staatsstraße dürfte für E-Biker kein Problem sein, und wenn es Corona zulässt und das Schlachthaus einmal eröffnet ist, gibt es dort nicht nur frische Energie für die Fahrräder. Bei Kaffee und Kuchen oder einem kühlen Bier lässt es sich leichter warten, bis das Gefährt wieder „aufgetankt“ und zum Weiterfahren bereit ist.

Radwege kreuzen sich

Zurück an der Kapelle lohnt es sich, den Wegweiser anzuschauen. Einige Radwege – auch solche zu ferneren Zielen - kreuzen sich hier. Es geht weiter Richtung Fichtelnaabtalradweg, den man wieder erreicht, wenn man den kleinen Ort Grünberg durchfahren und mit einem kräftigen Schwung den Berg hinauf bis zum letzten Haus am Südende des Dorfes hinter sich gebracht hat. Genau gegenüber zeigt der Wegweiser, dass man wieder auf dem richtigen Weg ist.

Relativ nüchtern sind die ersten Meter im Wald, vorbei am Betriebsgebäude der Firma Schiettinger, und schon bald haben Radfahrer die Industriebrache der ehemaligen Firma Goetz im Blick. Der Radweg schlängelt sich am Zaun des Goetz-Areals entlang, über eine hölzerne Brücke und wieder ist man im Wald. Zwischen dem Goetz-Areal und der Ortsgrenze von Mehlmeisel, wo der Asphaltbelag endet, hat der Radweg wohl die geringste Steigung. Darum sind hier immer wieder auch Inliner-Freunde anzutreffen, die diesen Streckenabschnitt gerne nutzen.

Dieses Stück bietet nun alles, was das Herz eines naturverbundenen Menschen höher schlagen lässt. Wer würde hier an der Fichtelnaab eine Felswand vermuten, wie man sie auf der Kösseine oder im Felsenlabyrinth der Luisenburg findet? 500 Meter nach dem Goetz-Areal, auf der rechten Seite gelegen: Viele bleiben hier stehen, um den Ort fotografisch festzuhalten. Es lohnt sich, eine Pause einzulegen, sich für einige Minuten auf einen Baumstumpf direkt am Bach zu setzen und einfach das Atmen der Natur in sich aufzunehmen. Hier ist ein Stück vom Paradies übrig.

Wehr für Bierfilze

An der nächsten Sehenswürdigkeit kommt niemand vorbei, der den Weg zum ersten Mal erlebt. In einem betonierten Kanal, reich bemoost und deshalb in die Natur integriert, fließt Wasser schräg über die Fichtelnaab und verschwindet im Wald. Das Rätsel löst sich, wenn man den Lauf des Kanals bis zu seinem Ursprung verfolgt. Einem verrohrten Teil folgt offenes Fließgewässer, Rohre und freier Lauf wechseln sich weiter ab. Eine kleine Brücke ist schließlich zu entdecken, wenig gepflegt mit rostigem Geländer. Alles andere wäre nicht homogen und würde wie ein Fremdkörper wirken. Am Ende stoßen Radfahrer auf ein Wehr. Die Firma Goetz hat früher Bierfilze hergestellt, dafür Holz geschliffen, das Schleifmehl mit Wasser vermischt und den Brei gepresst. Das Wasser dazu wurde der Fichtelnaab entnommen und über den kanalisierten Weg zur Fabrik geleitet. Noch läuft es, Bierfilze werden aber nicht mehr hergestellt. „Bretternaab“ heißt der Kanal, weil er früher aus Holz gebaut war.

Der Eisenhammer von Grünberg

Brand

Der Wald drumherum ist so, wie man sich einen Wald im Fichtelgebirge vorstellt: urwüchsig, auch übereinanderliegende alte, verwitterte Baumstämme und daneben die Stümpfe, auf denen sie einmal stolz gestanden haben. Zentimeterdick mit Moos überzogen, erzählt jeder seine eigene Geschichte, die schon vor vielen Jahren und Jahrzehnten begonnen hat.

Bald kommt man an eine Kreuzung. Ein befestigter, von der Staatsstraße her kommender, nicht asphaltierter Weg überquert den Radweg und führt wenig später zu einer Brücke über den Bach. Hier am sogenannten „Bärendümpfel“ ist alles flach und deshalb einladend, die Schuhe auszuziehen und einen Schritt ins noch eiskalte Wasser zu wagen. Auf einer Bank in der Sonne ein paar Meter weiter gibt es die Möglichkeit, die Füße wieder trocken zu reiben und die warmen Socken wieder überzuziehen.

Zwei Räder lehnen hier. Die beiden Eigentümer haben einen Felsen abseits des Weges gefunden, auf dem sie sich in der Sonne wärmen. Sie unterhalten sich nicht, weil jeder Laut und jedes Wort die vom Plätschern des Wassers bestimmte Idylle stören würde. Es reicht ihnen, Seele und Füße baumeln zu lassen und das fließende Wasser zu beobachten. Sie sind damit zufrieden, zuzuschauen, wie sich das Wasser an einem Holzstock teilt, den sie in den Bach getaucht haben. Der Aufbruch zum Weiterfahren fällt schwer.

"Hammer-Kirchl"

Auf einem gut befestigten Teil des Weges geht es nach Unterlind, Radfahrer überqueren hier die Staatsstraße und dürfen sich auf ein weiteres Kleinod freuen, das weit über den Ort hinaus bekannt ist: die Loreto-Kapelle, das „Hammer-Kirchl“. Informationen dazu gibt es auf der Tafel direkt am Radweg. Ziel erreicht und umkehren oder noch weiterfahren? Im zweiten Fall stößt man am Ende auf das Museo in Fichtelberg, das zur Einkehr einlädt.

Tritt man nach einem Besuch des „Hammer-Kirchls“ die Rückfahrt an, erlebt man das „Paradies Fichtelnaabtal“ ein zweites Mal; und vielleicht noch intensiver, weil man gewisse Punkte ins Auge gefasst hat und sich nun noch eingehender damit befassen will.

Die Stunde auf dem Fichtelnaabtalradweg ist es immer wert, und zu jeder Tageszeit und jedem Wetter zeigt sich die Natur anders. Ist es Zufall, dass auf der Höhe des Goetz-Areals ein wanderndes Pärchen plötzlich stoppt und erschrocken aufschreit? „Eine Schlange! Ich kenn die gar nicht!“ Eine fingerdicke Kreuzotter schlängelt sich über den Weg und verschwindet im Gras am Wegrand. Sie ist zwar gefährlich, aber auf alle Fälle ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier die Welt noch in Ordnung ist und dass es hier noch ein Stück naturbelassene Landschaft gibt.

Service:

Einstieg ins Paradies

Gute Möglichkeiten, das Auto abzustellen gibt es in Ebnath bei der Selingau an einem Pavillon in der Nähe der Brücke, in Grünberg im Bereich der Kapelle und am Ortsende. Weitere Möglichkeiten bieten sich auch am Goetz-Areal in der Rödelgasse in Brand.

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