29.03.2020 - 11:25 Uhr
BärnauOberpfalz

Tore zum Mittelalter bleiben vorerst geschlossen

Das Coronavirus macht auch nicht vor den dicken Toren zum Mittelalter im Geschichtspark Bärnau-Tachov halt. Deshalb bleibt das Museum bis auf weiteres geschlossen. Ausgerechnet im zehnten Jahr seines Bestehens.

Massenveranstaltungen im Geschichtspark wird es so schnell nicht mehr geben. Bisher haben rund 150.000 Gäste den Geschichtspark besucht.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Grund genug, um einmal zurückzublicken, wie das alles begann und wie sich die Dinge entwickelt haben. Am 22. März 2010, um 14 Uhr, fiel der offizielle Startschuss für den grenzüberschreitenden Geschichtspark Bärnau-Tachov. 15 Bürgermeister aus Tschechien, viele ihrer bayerischen Kollegen, Senatoren, Abgeordnete, Vertreter der Euregio Egrensis und des Bezirks waren damals der Einladung gefolgt.

Ehrgeiziges Kulturvorhaben

Darunter Bürgermeister Ladislav Macák aus Tachov, Senator Miroslav Nenutil als Präsident der Euregio Egrensis, Bürgermeister Frantisek Curka aus Halže, Landrat Wolfgang Lippert, Bezirksrat Toni Dutz und Michael Henker, Leiter der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern, waren unter anderem die Vertreter beider Länder. Ziel des Projektes sei es immer gewesen, Böhmen und Bayern ein weiteres Stück zusammenbringen, sagt der Vorsitzende des Trägervereins Via Carolina - Goldene Straße, Alfred Wolf. Ein ehrgeiziges Kulturvorhaben, das als erlebbares Bildungsprojekt der gemeinsamen Geschichte für die Oberpfalz und den Bezirk Pilsen überregionale Bedeutung habe. Am 1. April 2010 startete das Projektbüro mit Benjamin Zeitler (Projektleiter), Stefan Wolters (wissenschaftlicher Leiter), Gertraud Zeitler (Büro) und Roman Soukup (Verbindungs-Assistent nach Tschechien).

In mehr als sieben Jahren Entwicklungsarbeit habe der Träger-Verein ein nachhaltiges Konzept für die Kultur- und Bildungseinrichtung von europäischer Bedeutung entwickelt, sagt Alfred Wolf. Ein weiterer Meilenstein war die konstituierende Sitzung des wissenschaftlichen Beirates am 10. Juni 2010. Als dessen Sprecher wurde der Leiter der Landesstelle für nichtstaatliche Museen, Michael Henker, bestimmt.

Zwei Wollschweine

Einen Tag nach dem Marktspectaculum, am Montag, 21. Juni 2010, begann der Landschaftsbau mit Erdaushub des 7000 Quadratmeter großen Teichs. Im Juli 2010 war bereits das Wegenetz im Geschichtspark angelegt. Im Dezember desselben Jahres zogen Eberhard und Kunigunde, zwei Wollschweine aus dem Hause Wasmeier, im Geschichtspark ein und fühlen sich hier bis heute sauwohl.

Am 20. Januar 2011 wurde Richtfest für das Funktionsgebäude gefeiert. Im Juli 2011 wurde der Geschichtspark Bärnau-Tachov teileröffnet. Am 31. Dezember 2013 endete das Projekt "Geschichtspark Bärnau - Tachov an der Goldenen Straße". Das Projektvolumen betrug 4,6 Millionen Euro und es wurden sage und schreibe 55 000 ehrenamtliche Arbeitsstunden geleistet. Mit 30 Rekonstruktionen entstand auf einer Fläche von 6,5 Hektar das größtes mittelalterliche archäologische Freilandmuseum Deutschlands.

2016 folgte ein ereignisreiches Jahr mit der Innovations- und Netzwerksinitiative Archaeocentrum Bayern-Böhmen als vorbereitendes Projekt über das Entwicklungsgutachten Bayern - Böhmen. Es folgte die Unterzeichnung eines gemeinsamen Memorandums für die grenzüberschreitende wissenschaftliche Zusammenarbeit im Rahmen eines Archaeocentrums mit der Karls-Universität Prag, der Westböhmischen Universität Pilsen und der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

2017 begann der Bau einer Archäo-Werkstatt und eines Königshofes Kaiser Karl IV. Dafür wurden zusätzliche 1,8 Hektar Grund erworben. Ein Projektvolumen von insgesamt 2,5 Millionen Euro. Am 17. September 2018 wurde die Archaeo-Werkstatt eingeweiht. Seit Anfang dieses Jahres wird eine Machbarkeitsstudie zur Etablierung eines Kompetenzzentrums für historische Handwerkstechniken und historische Baustoffkunde erstellt. Der Verein Via Carolina - Goldene Straße hat aktuell 750 Mitglieder aus Deutschland, Tschechien, Österreich, der Schweiz, den USA und aus Hongkong. Von den 25 Mitarbeitern sind 15 hauptamtlich beschäftigt.

Zweitgrößte Mittelalterbaustelle

Alfred Wolf bezeichnet den Verein selbst als "Big Player auf dem Feld der bayerisch-tschechischen Zusammenarbeit. Auf dem Gelände entstehe die zweitgrößte Mittelalterbaustelle in Europa nach Guédelon. Die Bauzeit dafür ist mit 20 Jahren veranschlagt. Bis Ende vergangenen Jahres sind mehr als acht Millionen Euro Projektsumme in den Bereichen Kultur, Bildung, Tourismus, Wissenschaft, Handwerk und Regionalentwicklung umgesetzt worden.

Ausgezeichnet wurde der Verein 2012 mit dem ADAC-Tourismuspreis und ebenfalls 2012, mit dem Bürgerkulturpreis des Landtags. Der Verein "Via Carolina" wurde 2006 gegründet und schloss sich 2018 sich mit dem Verein Goldene Straße zu "Via Carolina - Goldene Straße" zusammen.

Im Blickpunkt:

Über geschlossene Grenzen hinweg arbeiten

Die Mitarbeiter aus Tschechien, die im Geschichtspark in Bärnau arbeiten, sind momentan im Homeoffice. Alfred Wolf erklärt: „Für Büromitarbeiter gestaltet sich das alles relativ unproblematisch.“ Schwieriger ist die Situation, für diejenigen, die handwerklich gebraucht werden wie Schmiede, Zimmerer, Schreiner oder Steinmetze. „Diese Mitarbeiter bekommen aktuell Aufträge von uns, um sich auf die Zeit nach Corona vorzubereiten.“ Kontakt zu allen Mitarbeitern hält der Geschichtspark über Skype und Videokonferenzen. Auf diese Weise ist grenzüberschreitende Arbeit auch trotz geschlossener Grenzen noch möglich.

„Es sind erschwerte Bedingungen“, gibt Wolf zu. Der Geschichtspark hat aktuell bis einschließlich 19. April geschlossen, auch die Gastronomie ist zu.„Unsere hauptsächlichen Kunden sind Touristen, Schüler oder Studenten.“ Solange die nicht kommen können, werden in der Zwischenzeit Projekte vorbereitet, und immer wieder neue Etappenziele gesetzt, um gewappnet zu sein, wenn der Betrieb wieder voll losgeht.

Trotz der aktuellen Lage sieht Wolf positiv der Zukunft entgegen: „Wir versuchen, gemeinsam aus der Krise zu gehen. Wir sind überzeugt, dass wir gut aus der Sache rauskommen werden.“ (lue)

Wir verstehen uns als "Big Player" bei der bayerisch-tschechischen Zusammenarbeit.

Vorsitzender Alfred Wolf

Vorsitzender Alfred Wolf

Hintergrund:

Was vor zehn Jahren als zartes Pflänzchen seine ersten Knospen ins Licht reckte, hat sich heute zu einem stattlichen Gewächs entwickelt. Aktuell sind unter dem Dach des Vereins Via Carolina - Goldene Straße folgende Einrichtungen untergebracht: Geschichtspark Bärnau-Tachov, Archaeocentrum Bayern - Böhmen, Museumspädagogik deutsch-tschechisch, Kompetenzzentrum für historisches Handwerk und historische Baustoffkunde; Tourist-Info Bärnau "Brot und Zeit". Dazu kommen noch diese Projekte: "Bayern und Böhmen an der Goldenen Straße", "Der Weg des Jan Hus in der Region Pilsen und in der Oberpfalz", "Heimatunternehmen Landkreis Tirschenreuth", "AG Goldene Straße", "Paulusbrunn - Böttgerweg Schulprojekte", "Green Belt" und der bayerisch-tschechische Stammtisch. (tr)

Spatenstich mit Markern. Die Prominenz verewigte sich damit auf dem ersten handbehauenen Eichenstamm.
2013 wurde eine Mittelalter-Hochzeit im Geschichtspark gefeiert.
Kleiner Mann mit großer Schöpfkelle.
Kultusminister Ludwig Spaenle eröffnete 2014 die Dauerausstellung und machte einen Rundgang.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.