28.04.2020 - 13:10 Uhr
BärnauOberpfalz

"Schaa-Fest" soll vor Unglück schützen

Katastrophenfälle aller Art gab es im Laufe der Jahrhunderte immer wieder, auch im Oberpfälzer Grenzgebiet. Wie die Paulusbrunner im 18. und 19. Jahrhundert damit umgegangen sind, berichtet Heimatforscher Rainer Christoph.

Die Teilnehmer des Flurgangs am 26. Juni 1929 in Wittichsthal.
von Rainer ChristophProfil

Zerstörerische Unwetter ereilten das Dorf Paulusbrunn nahe Bärnau im Juni 1724 und 150 Jahre später im Juni 1871. Hagel vernichtete im westlichen Bezirk des Kreises Tachau die gesamten Felder und Gärten. Durch diese Ernteverluste waren Mensch und Tier oft sogar vom Hungertod bedroht. 124 Blitzeinschläge sollen 1724 gezählt worden sein. In Wittichsthal wurde 1871 sogar die Ortskapelle zerstört. Nur die Statue der Muttergottes blieb verschont.

Auch die Spanische Grippe grassierte im böhmischen Ort. Im Herbst 1918 mussten wegen der Grippe alle Schulen im Bezirk Tachau geschlossen werden. Patienten waren hilflos gegen die Krankheit, die Ärzte ratlos, es mangelte an Krankenschwestern, ja sogar an Bestattern und Totengräbern. Wie viele Tote es in Paulusbrunn gab, ist nicht festgehalten, berichtet Heimatforscher Rainer Christoph.

Menschen suchen Halt

Im 18. und 19. Jahrhundert sprachen von der "Strafe Gottes" als Ursache für schlimme Unwetter und Krankheiten. "Schaltjahre sind Katastrophenjahre", besagt der Aberglaube. In Paulusbrunn beschlossen die Bewohner ein Gelübde vor Gott abzulegen. Sie gelobten, am 26. Juni, dem Tag des Unglücks, einen "Volksfeiertag" einzusetzen. Mit einer Messfeier, Gesängen und Gebeten sollte Gott angefleht werden, derartige "Strafgerichte" von Paulusbrunn fernzuhalten. Beschlossen wurde zudem ein alljährlicher Flurgang. Egal ob Feiertag oder Werktag, die Flurfeier wurde immer am 26. Juni durchgeführt. Das Flurfest wurde als "Schaa-Feier" bezeichnet. Woher dieser Name kommt, darüber forschte Rainer Christoph nach, weil es keine Informationen über diesen Begriff gibt. Auch im angrenzenden Bayern war dieses Fest unbekannt, hier waren nur die "Schauerämter" ein Begriff. Im weitesten Sinn muss das "Schaa-Fest" etwas mit dem in der Oberpfalz und in der Obersteiermark bekannten "Schaueramt" zu tun haben, vermutet der Heimatforscher. Der in Tirschenreuth geborene Sprachforscher Johann Andreas Schmeller erklärte das Schaueramt im frühen 19. Jahrhundert als eine gesungene Messe mit der Bitte um Abwendung von Hagelwetter. Genau so ein Amt fand in der Kirche zu Paulusbrunn für alle Ortsteile statt.

Eigenes Gesangsbüchlein

Im Heimatbuch Paulusbrunn ist festgehalten, wie die Feier ablief: In vier Gemeindeteilen des Ortes spielten "vier Vorbeter, die Jugend, Schauerfeier-Kerzen und die Muttergottes eine große Rolle". Durchgeführt wurde der Flurgang getrennt in Hinterpaulusbrunn, Hermansreith, Wittichsthal und Vorderpaulusbrunn. Eine besondere Rolle hatten die vier Vorbeter. In deren Haus, das mit einem Rosmarinzweig geschmückt war, wurden die Vorbereitungen getroffen, die Lieder geübt, die zwei Kerzenträgerinnen und der Träger des Vortragskreuzes beim Flurgang bestimmt.

Nach dem gemeinsamen feierlichen Hochamt in der Kirche - für die Gebete und Gesänge gab es ein eigenes Büchlein - zogen alle Teilnehmer um das Gotteshaus. Anschließend brachen die Kirchbesucher in ihren Paulusbrunner Ortsteil auf. Jeder Ortsteil hatte seine eigene Madonnen-Figur und zwei eigens angefertigte, prächtig verzierte Schauer-Kerzen.

"Schaa-Fest" endet im Wirtshaus

Nach dem Mittagessen trafen sich die Gläubigen am Haus des jeweiligen Vorbeters. Gemeinsam ging es zur 14-Uhr-Andacht in die Paulusbrunner Kirche. Nach dem Segen schritten alle Teilnehmer dreimal um das Gotteshaus, dann trennten sich die Einwohner erneut ohne Priester in vier Gruppen zum Start des eigentlichen Flurgangs. Die Hinterpaulusbrunner hatten den längsten Weg. Ein wichtiger Haltepunkt deren Flurgangs war die Hansnigl-Kapelle, die ein paar Meter hinter der Grenze auf bayerischer Seite stand. Der Weg führte durch die Fluren der vier Ortsteile, das Ende war stets beim Haus des Vorbeters.

Während die älteren Leute dann heimgingen, feierten die Jugendlichen im Wirtshaus weiter. Die Kerzenträger zahlten die Zeche der 20 "Singmoidla" und es wurde viel getanzt. In Bärnau leben noch einige dieser Mädchen, weiß Rainer Christoph. Er vermutet, dass dieses Brauchtum mit der Besetzung des Sudentenlandes durch die Nationalsozialisten beendet worden sein dürfte.

Bei der „Schaa-Feier“ in Vorderpaulusbrunn wurde diese Madonna-Figur durch die Flur getragen. Sie verbrannte 1945 im Haus des Vorbeters, das bei einem amerikanischen Angriff beschossen wurde.
Die "Hansnigl"-Kapelle steht direkt an der tschechischen Grenze. Hansnigl ist bis heute der Hausname der Familie Kasseckert. Der Familie gehörte einer der drei Höfe, die beim Beginn des heutigen Wäldchens unterhalb der Kapelle in Paulusbrunn standen. Die Familie Franz Fichtner in Bärnau kümmert sich heute darum.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.