24.06.2020 - 14:47 Uhr
BärnauOberpfalz

Nichts ist mehr wie früher

Die Nachbarschaftshilfe Bärnau hat seit Ausbruch des Coronavirus viel zu tun: Arztbesuche, Essen auf Rädern, Einkaufsdienste und Besuche gegen Vereinsamung der Senioren sind jetzt notwendiger denn je.

Maria Gleißner, Josef Zant, Waltraud Fichtner und Max Fenzl (von links) haben alle Hände voll zu tun, die Nachbarschaftshilfe trotz Einschränkungen wegen Corona aufrecht zu erhalten.
von Ulla Britta BaumerProfil

"Bitte packt eine Notfalltasche fürs Krankenhaus und stellt sie gut auffindbar in eure Wohnungen." Diesen Appell richtet Maria Gleißner von der Nachbarschaftshilfe Bärnau an alleinstehende Senioren oder deren Angehörige. Wie notwendig und hilfreich eine solche Tasche sein kann, weiß die Bärnauerin aus Erfahrung. Gleißner berichtet von einem Notfall in Coronazeiten: Ein betagter Mann musste ins Krankenhaus, Verwandte wohnen weit weg. "Ich bin reingegangen zu ihm und habe mit Mühe und Not die wichtigsten Dinge fürs Krankenhaus gefunden." Zahnbürste, Pflegemittel, Seife. Das sei auffindbar gewesen. Aber für passende Schlafanzüge habe sie den fremden Schrank durchsuchen müssen. "Ich habe halt dann einfach was genommen", so Gleißner, die von einer Situation spricht, die für alle Beteiligte peinlich werden kann. "Niemand sucht gern in fremden Schränken herum."

Notfalltasche sehr wichtig

Beim zweiten Fall habe sie die Tasche im Klinikum Weiden abgeben müssen. "Da stand ein Security-Mann, ganz in Schwarz. Ich durfte nicht mal bis zur Tür. Ich fühlte mich wie in einem Science-Fiction und hoffte nur, dass die Tasche richtig weitergereicht wird." Das mit der Notfalltasche ist der Nachbarschaftshilfe Bärnau wirklich sehr wichtig. "Und bitte den Namen und die Adresse mit einem Zettel auf die Tasche heften", raten Maria Gleißner, Josef Zant, Waltraud Fichtner und Max Fenzl.

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Sorgen um die Schützlinge

Die zwei Männer und zwei Frauen können von vielen weiteren Schwierigkeiten bei ihrer Arbeit in Coronazeiten geradezu ein Lied singen. Nichts ist mehr wie früher, was für die engagierten Bärnauer wesentlich mehr Arbeit und mehr Sorgenfalten heißt. Während die Senioren in den Heimen gut betreut seien, trifft die neue Einsamkeit wegen Corona vor allem die alten Menschen, die noch daheim leben. „Wir durften anfangs ja nicht einmal mehr reingehen“, beklagen die Bärnauer und sorgen nicht um sich, sondern um ihre Schützlinge.

Engpass beim "Essen auf Rädern"

Beim Besuch in den Wohnungen und beim persönlichen Kontakt könne man darauf achten, ob sich der Senior noch selbst helfen kann, sagen sie. Max Freundl, er betreut das Vereinsbüro, spricht das "Essen auf Rädern" für gut zehn Senioren in Bärnau an, womit die Nachbarschaftshilfe selbst beinahe in eine Notlage geraten wäre. Denn bis März habe ein Gasthof gekocht. Als die Gasthäuser schließen mussten, stand die Nachbarschaftshilfe ohne Essen für die Senioren da. Es wurden bereits Überlegungen angestellt, selbst zu kochen. Unterstützung sei dann durch die Küche des Seniorenzentrums Mühlbühl in Tirschenreuth gekommen. "Wir haben nachgefragt und die Zusage bekommen, dass für uns mitgekocht wird." Eine perfekte Lösung, wenn auch mit mehr Arbeitsaufwand verbunden. Denn die Mittagsmahlzeiten müssen natürlich aus Tirschenreuth nach Bärnau geholt werden. Umso mehr hofft man darauf, dass der Gasthof bald wieder kocht. Während "Essen auf Rädern" rasch geklärt war, galt es in den vergangenen Monaten, weit schwierigere Probleme zu lösen. "Das Essen haben wir vor die Tür gestellt und gewartet, ob der Betroffene öffnet." Zwar habe das gut funktioniert. "Aber einige verstehen bis heute nicht, warum wir nicht reinkommen." Maria Gleißner erzählt unter anderem von einem Demenzkranken, der seitdem denke, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Wieder andere brauchen Hilfe direkt beim Essen. Also mussten Ausnahmen und Lösungen gefunden werden. Was mitunter enorm kompliziert war.

Eine Frau habe nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr allein daheim leben wollen, berichten die Bärnauer. Aber in den Seniorenheime waren just keine Aufnahmen möglich. Unbürokratisch konnte der völlig verstörten alten Dame dennoch zu einem Heimplatz verholfen werden.

Einsamkeit vorprogrammiert

Einkaufen, Wäsche waschen, Essen bringen, Vorbeischauen, zum Geburtstag gratulieren: Das seien die großen Highlights der alleinstehenden, alten Menschen, sagen die Bärnauer. Einsamkeit sei vorprogrammiert gewesen, als das alles eingebrochen sei. "Ein Mann hat seinen 90. Geburtstag groß geplant, mit vielen Gästen im Wirtshaus. Er musste alles absagen. An seinem Geburtstag hat er mich angerufen: Maria komme bitte zu mir, ich bin ganz allein." Maria Gleißner hat ihm seine Bitte erfüllt.

Arztbesuche schwierig

Äußerst schwierig sei es mit den Arztbesuchen, berichten die Bärnauer, die auch dafür Fahrdienste haben. Seit Corona dürften sie die Senioren nicht mehr ins Sprechzimmer begleiten. Nur hören die Senioren fast alle schlecht oder seien geistig nicht mehr fit. "Das führt zu Missverständnissen bei der Diagnose oder beim Medikament", sagt Josef Zant. Zwar könne man vieles mit Umorganisieren auffangen. Aber die alleinstehenden Senioren seien wegen Corona wirklich sehr einsam, haben die Bärnauer bei ihrer Arbeit in den vergangenen Wochen feststellen müssen.

Wenn die Telefone deshalb nun öfter klingen, ist das für jeden Helfer in Ordnung. Egal, ob ein Senior anruft, weil er mit jemanden reden möchte oder ob es ein Fachgespräch unter Kollegen ist. Umso mehr freut es die Nachbarschaftshilfe, dass drei junge Helfer dazugekommen sind, gerade in Zeiten, wo die alten Mitbewohner mehr denn je auf Hilfe angewiesen sind.

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