04.01.2021 - 13:41 Uhr
Bad NeualbenreuthOberpfalz

Keine windige Angelegenheit in Bad Neualbenreuth

Reinhard Schwenecke hat ein Buch zu einem ungewöhnlichen Thema veröffentlicht: Es befasst sich mit Windkantern, einer besonderen Art von Feldsteinen. Warum Landwirte diese immer wieder abklauben müssen, erläutert der Autor in seinem Werk.

Reinhard Schwenecke mit seinem Buch zu dem geologischen Thema "Windkanter"
von Autor ENZProfil

In der Oberpfalz gibt es zwar nur wenige Fundstellen – etwa bei Schwandorf und bei Grafenwöhr. Aber in der ursprünglichen altmärkischen Heimat von Reinhard Schwenecke mit vielen Endmoränen aus der Eiszeit kann man Windkanter zahlreich antreffen.

Windkanter sind von ihrem Aussehen her sehr angenehme Steine und daher von Sammlern begehrt. Windkanter sehen, wenn sie vor einem auf dem Tisch liegen, wie Gondeln oder Schiffe in gewisser Schräglage aus. Stromlinienform und die Ähnlichkeit mit Auftriebskörpern treten deutlich hervor.

Kein Wunder, dass man typische Exemplare etwa als Dekoration in Parks, Gärten und Schaufenstern bewundern kann. „Auch wer gar nichts mit Gesteinen am Hut hat, kann sich dieser vollkommenen Gestalten erfreuen: So schlicht und lebendig – sie haben nichts Überflüssiges, und ihnen fehlt nichts“, schwärmt Reinhard Schwenecke.

Zweifel an der Hypothese

Doch wie kommt ein Diplomingenieur für Chemisches Apparatewesen auf die Idee, sich mit geologischen Einzelheiten zu befassen? Schon sein Vater arbeitete über Jahrzehnte an diesem Thema und zweifelte die etablierte Hypothese vom Windschliff, der diesen Steinen ihre Form gegeben haben soll, an. Laut dieser Lehrmeinung soll Wind mit Sandkörnern an Feldsteinen in vegetationslosen Gebieten - etwa Wüsten - Kanten geschliffen haben. Dabei soll auch ihre nach außen gewölbte Oberfläche poliert worden sein.

Schweneckes Vater hatte aber wenig Möglichkeiten eines Nachweises und wurde mit seinen Erkenntnissen von den Geowissenschaftlern immer wieder abgewiesen. Nun konnte der Sohn diese Forschungen fortsetzen und die Ergebnise in seinem Buch „Windkanter sind keine Windkanter, sondern …“ präsentieren. Hier weist er nach, dass die These vom Windschliff falsch und irreführend ist.

Ein Blick ins Buch zeigt, wie er seine Forschung anging: Durch Formanalyse. Mit dieser Methode wurde Eigenschaft für Eigenschaft entdeckt, woraus ein Bild vom Ganzen entstand. Somit fiel die wirkliche - eine gesetzmäßige - Entstehung (Genese) von Windkantern ihm quasi zu.

Goldener Schnitt prägt Aussehen

Die einzelnen Schritte, die Schwenecke aufzeigt, haben an und für sich mit Geologie nichts zu tun. Daher können auch andere Laien, die an Natur und Heimat interessiert sind, mit ihrem Allgemeinwissen die gleichen Schlüsse ziehen und ihre eigenen Wissensgebiete und Hobbys bereichern. Das betrifft beispielsweise den Goldenen Schnitt: Windkanter verdanken ihm ihr gefälliges Aussehen.

Da der Goldene Schnitt im Konstruktionsplan aller Windkantertypen verankert ist, sehen sie sich ähnlich – und das in allen Größen vom Kiesel bis zum Findling. Der Goldene Schnitt, Selbstähnlichkeit und Skaleninvarianz sind hier vereint, wodurch Zufall ausgeschlossen ist, sondern Naturgesetze (Tektonik) der Gestaltbildung zugrunde liegen. Dessen ist sich der Windkanterforscher gewiss.

Impuls zur Forschung in der Region

In Bad Neualbenreuth erhielt Reinhard Schwenecke wesentliche Impulse zu seiner Forschung, auch wenn es hier keine Windkanter gibt: Bei einer Ausstellung des Fotoclubs Flossenbürg im Sengerhof sah Schwenecke ein Foto von einem Gebirge auf Island (Halbinsel Westfjorde, Bildudalur), das Windkantern sprichwörtlich "wie aus dem Gesicht geschnitten" ist.

Nun war er sich sicher, dass seine Vermutung zutrifft: „Wie im Großen so im Kleinen“. Es war ein glücklicher Zufall an jenem Tag. „Vor allem Glück braucht man beim Forschen“, schwärmt er im Gespräch. Alois Hanke aus Flossenbürg hatte das Foto geschossen, und er hat sein Kunstwerk freundlicherweise für das Buch zur Verfügung gestellt.

Fels am Lerchenbühl

Einem weiteren Bad Neualbenreuther Umstand verdankt Schwenecke seine Erkenntnis, dass Selbstähnlichkeit/Skaleninvarianz auch bei Gesteinen auftritt, deren Aussehen ein völlig anderes ist: Bei Feldsteinen aus Glimmerschiefer, die man häufig auf den Feldern in der Region vorfindet. So sieht der alleinstehende weithin sichtbare Fels am Waldrand auf dem Lerchenbühl, etwa 800 Meter nordöstlich vom Grenzlandturm, den gefundenen Feldsteinen ähnlich, findet der Liebhaber.

Das Geotop Lerchenbühl ist bekannt als einzelner aufgeschlossener, 488 bis 443 Millionen Jahre alter Felsen, der Schichtungen aufweist, die wiederum einen Blick in die Erdgeschichte ermöglichen. Blöcken und Findlingen dieser Art begegnet man in der Gegend um Bad Neualbenreuth des Öfteren, man muss nur darauf achten.

Tektonische Kräfte

Die glatten Flächen beim Glimmerschiefer, die Schwenecke für Scherflächen hält, sind seiner Meinung nach ein Beispiel dafür, dass Windkanter ihre mattierte glatte Oberfläche nicht dem Windschliff verdanken, sondern hier tektonische Kräfte wirkten.

In den Schnittdarstellungen von allen Windkantertypen kommt eine Raute (rhombische Fläche) besonders im Querschitt klar zum Ausdruck. Der Autor recherchierte in der geologischen Literatur und las, dass Rhomben in der Geologie/Mineralogie/Kristallographie allenthalben vorkommen. Rautenförmige Flächen sieht man an beachtlich vielen Feldsteinen. Bei einigen hellen Steinen (Quarzbasis) - alles Funde um Bad Neualbenreuth - stellte Schwenecke sogar Selbstähnlichkeit fest.

Immer wieder neue Feldsteine

Noch ein „Nebenprodukt“ kam bei seinen Forschungen heraus: Warum kommen auf dem Acker Feldsteine – obwohl sie regelmäßig dort abgesammelt werden – immer wieder neue an die Oberfläche? Ausgangspunkt für sein Denkmodell über das „Nachwachsen“ der Steine war die Information, dass Sand seine Zähigkeit bei der Veränderung des Feuchtgehalts verändert. Die These, dass Feldsteine immer wieder durch Auffrieren an die Oberfläche kommen, ist unumstritten, aber gibt es dafür auch einen Beweis?

Der Hobbyforscher stellt in seinem Buch nun auch sein Denkmodell vor, wonach Auffrieren und Hangrutschen nicht die alleinigen Kräfte sind, sondern Auftrieb ausschlaggebend ist. Auftrieb erfahren Steine und auch andere Körper in der hauptsächlich aus Sand und noch feineren Körnern wie Lehm und Ton bestehenden Endmoräne, wenn sich der Wassergehalt und letztendlich der Dräng- bzw. Grundwasserspiegel ändert. Das geschieht in unzähligen Schüben, wodurch Steine Millimeter für Millimeter nach oben befördert werden.

Könnten sich Bauern mit solchen Gedanken anfreunden? Niemand kennt die Problematik besser als sie. Ändern lässt sich allerdings nichts. Sie werden immer wieder Steine lesen müssen. Aber es ist gut zu wissen, warum das so ist. Prinzipiell geschieht das Nachwachsen der Steine auf Bad Neualbenreuther Äckern (sandiger Lehmboden) ebenso wie in der Altmark (Sandboden).

Ein außergewöhnliches Hobby pflegt auch ein Mann aus Eschenbach

Eschenbach
Solche typischen Windkanter sind begehrte Sammlerobjekte
Windkanter sehen sich ähnlich. "Dahinter steckt Gesetzmäßigkeit" behauptet Reinhard Schwenecke - und nicht so eine windige Angelegenheit wie der Wind
Hintergrund:

Stoff für Diskussionen bei Geologen und Sammlern

  • Schaut man sich die Reaktionen von Fachleuten auf das Buch an, kann der Autor stolz auf sich sein. Ein Diplomgeologe des Arbeitskreises „Zeugen der Eiszeit in der Lausitz“ findet, dass das Buch sensationell in Bezug auf die Entstehung der Windkanter sei. „Ich kann Ihnen abschließend nur versichern, dass die von Ihnen (bescheiden als ,Laie‘) beschriebene Formanalyse als Grundlage Ihrer neuen These zum Gegenstand interessanter Diskussionen bei den Lausitzer Geologen und von Sammlern führen wird.“ Die Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft deutscher Geoparks möchte auf der nächsten Sitzung dieses Thema auf die Tagesordnung setzen.
  • Ein Diplomgeologe der Interessengemeinschaft Geologie in Salzwedel schreibt in seiner Rezension: „Auf der Grundlage der gemessenen Daten gelangt der Autor zu thesenhaften Schussfolgerungen - wie goldener Schnitt, Skaleninvarianz, Selbstähnlichkeit - , die Erkenntnisse durch Anwendung der deskriptiven (beschreibenden oder abbildenden) Methode weit übersteigen. Hier liegt ein Büchlein vor, das ... einen hohen wissenschaftlichen Gehalt aufweist. Dem Autor ist es gelungen, den Vorteil einer exakt bekannten Oberfläche eines geologischen Körpers in ihren Wesenszügen in nachvollziehbarer Form darzustellen. Danke Reinhard Schwenecke!“
  • Erschienen bei Books on Demand, Norderstedt, als Taschenbuch und als E-Book (236 Seiten, Farbe, ISBN 9 783750 496354),
    42 Diagramme und Skizzen sowie über 70 Fotos, teils farbig, begleiten den Text.
    Preis 24,50 € (Taschenbuch) bzw. 17,99 € (E-Book). Erhältlich in Buchhandlungen und im Internet.

 

 

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